Scherbentanz

Deutschland 2002 · 101 min. · FSK: ab 12
Regie: Chris Kraus
Drehbuch:
Kamera: Judith Kaufmann
Darsteller: Jürgen Vogel, Nadja Uhl, Margit Carstensen, Peter Davor u.a.
Nadja Uhl

Am Anfang kommt der Film geradezu biblisch daher, mit einer Art Sintflut und einem Hauch von verlo­renem Sohn. Nur dass der Vater keinen Hammel für Jesko (Jürgen Vogel) schlachtet, sondern, ganz im Gegenteil, erst mal die Damast­tücher abräumen lässt und 300 Gäste auslädt. Nicht wegen des wider­bors­tigen Sohnes oder weil dieser mit Vorliebe lange Röcke trägt. Jeskos Vater hat das Fami­li­en­ge­spenst aus dem Keller geholt, und das bringt nun mit wütendem Kreischen die Wände zum Wackeln. Das Fami­li­en­ge­spenst, das ist Käthe, die durch­ge­drehte Mutter von Jesko und Ansgar (Peter Davor), Jeskos großem Bruder. Der Vater hat sie in einem Obdach­lo­sen­asyl aufge­stöbert. Denn Jesko hat Leukämie, und Bruder und Vater kommen als Knochen­mark­spender nicht in Frage. Und nun sieht sich der erfolg­lose Mode­schöpfer plötzlich damit konfron­tiert, dass sein Leben ausge­rechnet von der Frau abhängt, die ihm als Kind mit einem Hammer den Kopf einschlagen wollte. Nach Hause kommen – das merkt man nicht am Schild an der Tür, das spürt man am Schmerz, sagt Jesko.

Es gibt Momente im Leben, in denen ein chro­ni­scher Nicht­rau­cher es bedauert, keine Kippe zum fest­halten zu haben. Beispiels­weise wenn er aus diesem Film kommt. Es gibt eben Geschichten, nach denen man nicht einfach zur Tages­ord­nung übergehen kann. Wegen denen man schon mal einen neuen Almodovar im Anschluss sausen lässt, weil man mit den vergan­genen 100 Minuten noch lange nicht fertig ist. Schuld daran sind Chris Kraus unge­wöhn­liche Geschichte und die dras­ti­schen Metaphern, die er Jesko in den Mund gelegt hat. Schuld daran ist Jürgen Vogel, der so herz­zer­reißend und schnod­derig und lakonisch spielt. Hinter dessen zynischem Panzer aus avant­gar­dis­ti­schen Klamotten und bissigen Sprüchen unentwegt pure Verzweif­lung lauert. Schuld daran ist Nadja Uhl, die hier Zitrone heißt und nicht einmal ihr rotes Kleid mitnimmt, als Ansgar ihr den Laufpass gibt. Und schuld daran ist Margit Cars­tensen, die auch als grindiges Wrack ihre Würde nicht verliert. Sterbende und Narren haben die Freiheit, die Dinge beim Namen zu nennen. Das nutzen Mutter und Sohn weidlich aus und finden einander auf diese Weise wieder.

Ein Fakir, der über Glas­splitter läuft, verletzt sich nicht. Der Trick ist, sich beim Scher­ben­tanz oder Nadel­kis­sen­ho­cken gegen die Realität abzu­schotten. Doch was man an sich heran­lässt, tut garan­tiert irgend­wann weh. Das Leben zum Beispiel. Die Liebe. Oder dieser Film, der einem durch die Poren direkt unter die Haut kriecht. Und sauko­misch ist er außerdem. Wer diesen Film verpasst, hat selber Schuld. Die beste deutsche Produk­tion seit Winter­schläfer. Nix wie hin.

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