Raising Resistance

Deutschland/Schweiz 2011 · 85 min. · FSK: ab 0
Regie: David Bernet, Bettina Borgfeld
Drehbuch: David Bernet, Bettina Borgfeld, Christin Stoltz
Kamera: Börres Weiffenbach, Marcus Winterbauer
Schnitt: Inge Schneider
Wieder und wieder: Widerstand

Das böse Soja und die guten Menschen

Giftgaswolken in der Pampa, Klassenkampf in Paraguay

»Fleisch = böse, Soja = gut« – das wäre für viele eine schöne Gleichung. Passt aber nicht. Es geht damit los, dass Soja ebenso gut zur Tofu­pro­duk­tion für die Bionade-Fraktion der deutschen Wohl­stands­viertel – Münchner Gärt­ner­platz­viertel, Berlin Prenz­lauer Berg, Frankfurt Bocken­heim etc. – verwendet wird, wie für das Füttern von Vieh für die Fleisch­pro­duk­tion. Der Doku­men­tar­film Raising Resis­tance zeigt am Beispiel Paraguays, wie großflächiger Sojaanbau zunehmend die Existenz der einhei­mi­schen Land­be­wohner und Bauern bedroht. Eindring­lich schildert der Film den wach­senden Wider­stand dieser Campe­sinos gegen die Dominanz land­wirt­schaft­li­cher Groß­kon­zerne und den aggres­siven Einsatz von Gentech­no­logie, der ihre Kinder erblinden und das Vieh sterben lässt. Raising Resis­tance porträ­tiert einige Klein­bauern vor Ort und beob­achtet über Monate den sich langsam zuspit­zenden sozialen und poli­ti­schen Konflikt.

Wenn der para­gu­ay­ische Klein­bauer Geronimo auf seinem Stück Land steht, sieht er bis zum Horizont nur Soja­plan­tagen. Jahr für Jahr werden diese Mono­kul­turen größer: Gentech­nisch verän­dertes Soja wächst immer noch dort, wo kein Gras mehr wächst, und auch sonst nichts, dort, wo Unkraut­ver­nich­tungs­mittel und Schäd­lings­be­kämpfer alle anderen Pflanzen längst vernichtet haben. Das Soja wächst, weil es als einziges immun wurde gegen das Gift, und viel­leicht werden wir das dann ja auch irgend­wann. Geronimo aber baut alles Mögliche an, nur kein Soja. Klar, was mit seinen Feldern passiert. Das wachsende Soja und die Herbizide, Pestizide und Insek­ti­zide bedrohen die Existenz von Geronimo und der anderen Bauern, zu deren Felder die Gift­gas­wolken herüber­wehen. Die Gesund­heit ist für Menschen wie Geronimo und seine Familie also eine Frage der Wind­rich­tung: Bei ungüns­tiger Witterung wehen Wolken von Pesti­ziden über die Felder des Klein­bauern aus Paraguay. Die Regierung steht – links hin, marxis­tisch her – treu und fest auf Seiten der über­mäch­tigen, natürlich Agrar­in­dus­trie. Die Bauern helfen sich selbst – und suchen die direkte Konfron­ta­tion mit den Soja­ba­ronen. Der Doku­men­tar­film erzählt vom Kampf der Campe­sinos, der Klein­bauern Paraguays, gegen die sich immer aggres­siver im Land ausbrei­tende Gen-Soja-Produk­tion und beschreibt anhand dieses Konfliktes die globalen Auswir­kungen, die der Einsatz der neoli­be­ralen Effi­zi­enz­lehren und modernster Manage­ment­technik im 21. Jahr­hun­dert auf Mensch und Natur hat.

»If business comes, business comes.« – an das Zen-buddhis­ti­sche Mantra der neuesten Manage­ment-Lehren kann man denken, wenn man die Konzerne in diesem Doku­men­tar­film beob­achtet. David Bernets neuestes Kinowerk, das er gemeinsam mit Bettina Borgfeld drehte, und das nach einer größeren Festi­val­kar­riere und wichtigen Auszeich­nungen nun in die deutschen Kinos kommt, bewegt sich scheinbar auf anderem Terrain, als die bishe­rigen Arbeiten des in Berlin lebenden Schwei­zers, die vor allem um Iden­ti­täts­fragen kreisen. Bei Raising Resis­tance geht es um einen Verdrän­gungs­pro­zess: Arme Campe­sinos wehren sich gegen die tech­no­lo­gi­sche Übermacht der Nahrungs­kon­zerne. Der Film zeigt, dass die schlichten Glei­chungen von Teilen der Gesund­heits­lobby viel zu einfach und billig sind. Es geht hier auch um über­trie­bene Rein­heits­vor­stel­lungen: Sauberes Essen, saubere Natur. In Bernets Filmen geht es immer wieder um das Infra­ge­stellen von Abso­lut­heiten. Um Wider­stand, wenn man so will.

Raising Resis­tance zeigt die verschie­denen Perspek­tiven des Soja-Konfliktes auf, lässt die Zuschauer die Ausein­an­der­set­zungen vor Ort und den Kampf der Klein­bauern um ihre Existenz hautnah miter­leben. Neben den Campe­sinos kommen weitere Betrof­fene und Betei­ligte zu Wort, darunter brasi­lia­ni­sche Soja-Großbauern, die zum Teil schon seit Jahr­zehnten in Paraguay leben, Gentech­niker, Inves­toren/Speku­lanten und der vermeint­lich linke Präsident Paraguays, Fernando Lugo.
Eine Parabel über das Verdrängen von Leben, von Menschen, von der Vielfalt der Pflanzen und Kulturen. Und darüber, wie Wider­stand entsteht, sowohl beim Menschen als auch in der Natur.

Stilis­tisch ist Raising Resis­tance ein außer­ge­wöhn­li­cher Doku­men­tar­film, in Bildern, die für sich stehen, und sich immer wieder Schönheit gestatten, übers jour­na­lis­tisch Illus­tra­tive weit hinaus gehen. »Ich lasse gern die Dinge sprechen. Ich suche nach szeni­schen Elementen. Aber das geht nicht immer – nicht jeder Film wird besser dadurch, dass man weglässt.«

Rüdiger Suchsland

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