Queen of Katwe

USA 2016 · 124 min. · FSK: ab 0
Regie: Mira Nair
Drehbuch:
Kamera: Sean Bobbitt
Darsteller: Madina Nalwanga, David Oyelowo, Lupita Nyong'o, Martin Kabanza, Taryn "Kay" Kyaze u.a.
Engagiertes Feel-Good-Kino

Aschenputtel aus dem Slum

»Mama? Ist schon mal jemand aus Katwe in die große Stadt gezogen?« – »Denk nicht über sowas nach, Phiona.« – »Wieso nicht?« – Du wirst enttäuscht werden.«

Mädchen bleib bei Deinen Leisten, träume nicht, bleib bescheiden – das ist die frühe Botschaft, gegen die dieser Film anfilmt. Ein Ermu­ti­gungs­film, ein Erzie­hungs­film, unbedingt grundgut gemeint. Jeder kann es schaffen – so klingelt die Ideologie des American Dream inmitten des schlimmsten Afrika.
Aber wann kann es jeder schaffen? Wenn er nur will, wie Margaret Thatcher uns weiß­ma­chen wollte. Oder wenn er einfach doppelt unge­meines Glück hat, sowohl durch das Talent, das er mitbekam, als auch dadurch zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.

Phiona ist erstmal am falschen: Katwe ist ein Slum außerhalb von Kampala, der Haupt­stadt des afri­ka­ni­schen Krisen­staats Uganda. Dort gibt es weder Strom noch fließend Wasser. 50 Prozent der Mütter des Viertels sind im Teenager-Alter. Mitten darin lebt die etwa neun-jährige Phiona Mutesi mit ihren drei Geschwis­tern und ihrer Mutter, in bitter­armen Verhält­nissen, auf engstem Raum, mit Ratten, Hunden und anderen Tieren. Man sammelt gerade das nötigsten Essen auf der Straße und Müll, um damit ein wenig Geld zu machen. Zur Schule gehen können die Kinder nicht, sie sind – selbst­ver­s­tänd­lich möchte man sagen – Analpha­beten.

Dann aber hat das junge Mädchen Glück: Auf der Suche nach einer Schale Haferbrei trifft sie auf Robert Katende, einen Missionar und Sozi­al­ar­beiter, der versucht, das Leben der Slum­kinder etwas sinn­voller und erfül­lender zu machen. Seine Unter­richts­me­thode ist Schach, »das Spiel der Könige«. Robert macht ihr ein Angebot: Sie soll etwas zu essen bekommen, aber nur gegen eine Schach­lek­tion. Phiona stimmt zu, auch Hunger, und diese Entschei­dung verändert ihr Leben.
Jeden Tag geht sie nun die über sechs Kilometer zur Schach­schule.
Schnell wird sie neugierig auf das Spiel. Denn Schach kann glücklich machen, und Erfolgs­er­leb­nisse liefern. Schach bringt einem bei, Probleme zu lösen. Es lehrt Disziplin und festigt den Verstand. Es lehrt, Situa­tionen nüchtern zu beur­teilen, Entschei­dungen zu treffen, Probleme zu lösen – und schon im Slum hat sie gelernt, nicht so schnell aufzu­geben.
Und Robert ist ein inspi­rie­render Lehrer: Im Schach so vermit­telt er, können auch die Kleinen die Größten werden.

Bald wird Phiona immer besser, und irgend­wann ist klar, dass das junge Mädchen ein sehr beson­deres, phäno­me­nales Talent hat: Sie denkt auch schon mal acht Züge voraus und setzt auch die stärksten Spieler ihrer Heimat Schach­matt! Bald gewann sie wichtige Meis­ter­schaften – heute ist Phiona eine profes­sio­nelle Schach­spie­lerin, die bereits bei Schach-Olym­piaden für ihr Land spielte. Auf Englisch heißt die Figur der Dame übrigens »Queen« – damit bekommt auch der Titel seinen höheren (Doppel-)Sinn.

So ist dies eine Geschichte, die im Prinzip an eines der Märchen aus tausend­und­einer Nacht erinnert. Geschrieben aber hat sie das Leben. Die indische Regis­seurin Mira Nair, die spätes­tens seit  Monsoon Wedding, mit dem sie 2001 den Goldenen Löwen von Venedig gewann, inter­na­tional bekannt ist, hat schon oft, etwa in ihrem gefei­erten Salaam Bombay, märchen­hafte Underdog-Geschichten erzählt.
In den Händen Nairs, die mit einer Mischung aus profes­sio­nellen und Laien-Darstel­lern gear­beitet hat, wird die Grad­li­nig­keit in Phionas Geschichte trotzdem ein wenig gebrochen, und der altmo­disch-melo­dra­ma­ti­sche Grundton bekommt einige unvor­her­ge­se­hene Wendungen.
Der Umgang mit der Heldin ist aller­dings genau wie der mit dem Schach­spiel verklä­rend und pathe­tisch: »Was zählt ist, dass Du auch im Leben die Figuren wieder aufstellst, und einfach weiter­machst.« Aber der Film unter­stellt nicht, dass das Schach­spiel alle Probleme lösen könnte. Nicht ist wirklich über­ra­schend oder heraus­for­dernd an diesem Film. Immerhin jedoch er ist ehrlich und ernsthaft im Umgang mit seinem Sujet.

Mit anderen Worten: Ein enga­gierter Feel-Good-Film aus dem Hause Disney, der uns eine Heldin präsen­tiert, die ähnlich wie Schnee­witt­chen oder Aschen­puttel oder Bambi ein positives Beispiel setzt, und ganz dem bekannt erz-konser­va­tiven Werte­kanon des Mouse-House entspricht: Klug, moralisch sauber, frei von Drogen und unan­ge­nehmen Eigen­schaften, fast zu gut, um echt zu sein – ein Mensch, der nichts falsch macht, und dankbar ist für die Glücks­fälle des Schick­sals. Phiona geht inzwi­schen zur Schule, kann Lesen, Schreiben und Englisch. In Zukunft will sie studieren und – natürlich! – Ärztin werden. Auch ansonsten gibt es Family-Values mit der großen Schöpf­kelle: Phionas Mutter ist natürlich eine super­tolle Mum, sonst hätte die Tochter das nie geschafft. Eltern-Kind-Konflikte gibts bei Disney nur mit bösen Stief­müt­tern.
Insofern ist alles überaus politisch-korrekt. Und wenn man das einmal verstanden hat, und das dauert nicht lang, kann man auch im Verlauf der Geschichte weit voraus­denken. Anders gesagt: Ganz schön lang­weilig!

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