Private Parts

USA 1997 · 109 Minuten · FSK: ab 12
Regie: Betty Thomas
Drehbuch: , ,
Kamera: Walt Lloyd
Darsteller: Howard Stern, Robin Quivers, Mary McCormack, Fred Norris u.a.

»Morality« so Oscar Wilde, »is simply the attitude we adopt towards people whom we perso­nally dislike«.

Viele mögen ihn nicht, diesen Howard Stern, enfant terrible der ameri­ka­ni­schen Radio­land­schaft, ein agent provo­ca­teur wie es Harald Schmidt hier­zu­lande gerne sein würde. Howard Stern Fans, so erfahren wir, lauschen den poli­ti­schen Unkor­rekt­heiten ihres Idols täglich gut 1,5 Stunden. Howard Stern Haßer bringen es gar auf 2,5. Eine Radioshow, die die Nation in Atem hält, zele­briert von einem Mann, dem der Vater einst ständig gepredigt hatte, den Mund zu halten. Heut­zu­tage hat keiner höhere Einschalt­quoten als Stern. Ein ameri­ka­ni­scher Traum.

Über die Leinwand werden wir nun Zeugen der Beichte des Mannes, der die ameri­ka­ni­sche Öffent­lich­keit via Äther­wellen darüber infor­miert, ob er in der Nacht zuvor Sex hatte oder nicht, wie die Fehl­ge­burt der Ehefrau verlaufen ist, oder daß er den Mörder John Lennons am liebsten auf dem elek­tri­schen Stuhl sehen würde. Stern präsen­tiert sich wahlweise als erster schwuler Moderator des erzkon­ser­va­tiven Radio­gi­ganten NBC oder übernimmt die Rolle seines ange­kün­digten Talk­gastes Ringo Star in Erman­ge­lung eben diesen Gastes gleich selber. Keine soge­nannte Minder­heit bleibt verschont, jedes Fett­näpf­chen wird ziel­si­cher ange­steuert. Am liebsten widmet sich der Meister dem Sex in allen möglichen und unmög­li­chen Spiel­arten: so dürfen wir miter­leben, wenn Stern via Radio die »heißeste Nummer« seines Lebens schiebt, oder sich on air von einem barbu­sigen Nackt­model eine Massage verab­rei­chen läßt.

»We love to hate you« – so könnte die Losung lauten, mit der Amerika dem Phänomen Stern begegnet. Der aber will mehr und setzt zur Großof­fen­sive an. Wer Howard Stern wirklich kennt, der muß ihn lieben, und zwar ohne wenn und aber. Um die poten­ti­ellen Fans, die Noch-Haßer, zu erreichen, hat Stern den Sprung auf die Kino­lein­wand gewagt. Und das Unfaßbare geschieht: wir alle lieben ihn mehr und mehr je länger der Film andauert. Wir lieben ihn für die Triumphe die er feiert im Kampf gegen die Spießer und Konfor­misten. Wir lieben ihn für die Jeans und langen Haare in Chef­etagen, wo Drei­teiler und Krawatten die Szene beherr­schen. Wir lieben es, mitzu­er­leben, wie der Vorge­setzte, der Stern so recht das Leben schwer macht, schlußend­lich als Super­markt­ma­nager in Florida strandet, während unser Held in den Olymp des Radio­him­mels aufsteigt. Wir lieben ihn, weil er uns für die Dauer von zwei Stunden erlaubt, die gleichen Triumphe zu feiern, weil er uns von Anfang an zu seinen Verbün­deten macht. Als Sympa­thi­santen des Rebellen können wir uns so auch selbst ein bißchen als Rebellen fühlen. Wir lieben ihn, weil Stern immer er selbst ist, auch auf der Leinwand, so wie es überhaupt eine Menge »Originale« in der Beset­zungs­liste gibt, eine Menge »Himself« und »Herself« im Abspann des Films.

Da scheint die Crux, mit der der Film zu kämpfen hat, kaum mehr ins Gewicht zu fallen: Private Parts erzählt vom Mythos der Provo­ka­tion (da wird sogar der Vergleich zum Anti­christen laut) und ist dabei ein gänzlich provo­ka­ti­ons­loser Film. Die Kalauer, die Unver­schämt­heiten, die Gags, die ursprüng­lich für Aufruhr sorgten, sind in der Nacher­zäh­lung, in der filmi­schen Rück­blende entschärft, da bereits zum Klassiker geworden.

Aber: verärgern will Stern, der auch das Drehbuch selbst verfaßt hat, nach eigenem Bekunden ja auch niemanden, sondern eben nur mit den »Mißver­s­tänd­nissen« aufräumen, was ihm auf kurz­wei­lige und höchst amüsante Weise gelingt.

Zudem bietet Private Parts eine Oskar­ver­lei­hung der anderen Art, einen Super-8 Film der Marke Stern, der uns die Kreu­zi­gung Jesu in ganz neuem Licht erscheinen läßt, sowie den Einsatz eines Preß­luft­ham­mer­geräu­sches zu Zensur­zwe­cken. Allein diese Einfälle lassen die Schöhn­heits­feh­ler­chen zur Neben­säch­lich­keit schrumpfen.

Everybody loves you now, Howard. Man darf gespannt sein, welche Festung dem Meister in Zukunft noch zu erobern bleibt. Stern for president? Warum nicht!

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