Prinzessin

Deutschland 2006 · 83 min. · FSK: ab 16
Regie: Birgit Grosskopf
Drehbuch: ,
Kamera: Kolja Raschke
Darsteller: Irina Potapenko, Henriette Müller, Desirée Jaeger, Amina Schichterich u.a.
Suche nach Identität

In den Tag hinein

In der S-Bahn beginnt der Film, auf öder, langer Zwischen­strecke, zwischen gesichts­losen Beton­burgen: Plötzlich Bewegung, ein paar schnelle Schläge, Blut fließt, Lachen und abfällige Worte sind zu hören. Die Straßen sind böse und hart, die Herzen hinter der coolen Fassade um so weicher.

Prin­zessin zeigt etwas, das man in unserem Kino lange nicht gesehen hat: Eine Mädchen-Gang. Und mit geradezu märchen­hafter Sicher­heit gelingt dem Film, dass man sofort auf ihrer Seite ist, mit ihnen fühlt, auch wenn sie Schlechtes tun. Eine Handvoll eng befreun­deter Girls lebt in den trost­losen Traban­ten­s­tädten am Rande Berlins ohne viel Zukunft in den Tag hinein. Drogen werden konsu­miert, Partys gefeiert, wer sie falsch anguckt, wird zusam­men­ge­schlagen – der Machismo ist nicht geringer als unter Jungs. Die harte körper­liche und verbale Gewalt, die hier gang und gäbe ist, unter­scheidet sich kaum von der im Kino schon vielfach gezeigten einer Jugend­gang. Doch hinter der harten Fassade zeigen sich noch andere Seiten, ein etwas offenerer Umgang mit Gefühlen, und eine noch größere Verlo­ren­heit – weil zum sozialen Outs­idertum auch noch das Hin- und Herge­ris­sen­sein zwischen Geschlechter-Rollen­bil­dern hinzu­kommt. Besonders die Haupt­figur Katharina (Irina Potapenko) sucht ihre Identität zwischen der einst einge­wan­derten russ­land­deut­schen Familie und ihrer besten Freundin, mit der sie sich die Führungs­po­si­tion in der Gang teilt. »Eine Liebes­ge­schichte ohne Sex« sei das, hat die Regis­seurin Birgit Grosskopf, einer Absol­ventin der Berliner dffb, treffend formu­liert. Denn auch in diesem Verhältnis steht der Zusam­men­halt jenseits aller Krisen im Zentrum, und die gegen­sei­tige Selbst­auf­gabe fürein­ander. Irgend­wann knallen Party­böller, ihr Echo hallt zwischen den Hoch­häu­sern hin und her.

Noch mehr, als die starke Geschichte und ihre Darsteller beein­druckt der Stil von Prin­zessin. In seinem Zusam­men­spiel von Realismus und Poesie erinnert er von fern an Werke Michael Kliers: Nüchtern und intensiv zugleich blickt der Film nie weg; doch ohne in Verismus abzu­gleiten, fängt er statt­dessen den Zauber seiner Figuren ein, und hält bis zum Schluss seine Spannung: Nie kann man sicher sein, was als nächstes passiert.

Diszi­pli­niert und ökono­misch lebt Prin­zessin vom Sinn für feine Unter­schiede und genauer Beob­ach­tung – großes Kino, das spannend ist und Spaß macht, und 2006 in Saar­brü­cken den Max-Ophüls-Regie­preis gewann, später noch den deutschen Nach­wuchs­film­preis First Steps-Award. Eines der besten deutschen Debüts der letzten Jahre!

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