Project: Almanac

USA 2014 · 107 min. · FSK: ab 6
Regie: Dean Israelite
Drehbuch: ,
Kamera: Matthew J. Lloyd
Darsteller: Jonny Weston, Sofia Black-D'Elia, Sam Lerner, Allen Evangelista, Ginny Gardner u.a.
Die infantile Gesellschaft sieht sich beim Erwachsenwerden zu

Fünf Freunde im Zeit-Raum

Zeit­ma­schine reloaded: In der fünften Dimension können wir uns selbst beim Erwach­sen­werden zugucken. Aber ange­nommen, wir könnten unsere Vergan­gen­heit verbes­sern – sollten wir das überhaupt wollen? Project Almanac ist ein kindi­scher Film über ein erwach­senes Thema, und schaltet sich ganz nebenbei in die philo­so­phi­schen Debatten der Stunde ein, etwa die um das »Manifest des neuen Realismus« von Maurizio Ferraris.

Zeit­reisen haben das Kino schon oft und in sehr unter­schied­li­chen Formen faszi­niert: Erst gerade visua­li­sierte Chris­to­pher Nolans Inter­stellar in atem­be­rau­benden Bildern die Rela­ti­vitäts­theorie, nach der ein Vater nach Ende seiner Reise in unter­schied­lich »gekrümmten« Zeiträumen plötzlich um Jahre jünger ist als seine Tochter.

Dean Israe­lites Debütfilm Project Almanac macht es sich einfacher. Hier geschieht alles mittels einer »klas­si­schen« Zeit­ma­schine, die höchst anschau­lich, aber auch wie im Kinder­mär­chen zischt, sprüht und elek­tri­sche Funken spuckt, und ihre Insassen so wie einst in H.G. Wells berühmtem, mehrfach verfilmten Roman »Die Zeit­ma­schine« auf einer Zeit­schiene zwischen Vergan­gen­heit und Gegenwart hin- und hertrans­por­tiert. So ist der Eindruck der einer Art »Zurück in die Zukunft« fürs Smart­phone-Zeitalter.

Der Stil von Project Almanac ist die typische Subjek­ti­vität und Wackel­ka­mera-Ästhetik des soge­nannten »Found Footage«-Genres: Nicht an die kontrol­lierte Unruhe der Dogma-Hand­schriften, sondern die grund­sät­z­liche Hysterie und latente Panik von Blair Witch Project oder Clover­field erinnert dieser Film. Diese Effekte peppen den Film auf und schnei­dern ihn zurecht für die jugend­liche Haupt­ziel­gruppe. Effekte und Schau­spiel­leis­tungen können aber nur mäßig befrie­digen – so bleibt ein zwie­späl­tiger Gesamt­ein­druck.

»Es gibt keine zweiten Chancen« – oder gerade doch?

Die Haupt­figur des Films heißt David. Einer­seits ist er ein ganz normaler Schüler einer US-ameri­ka­ni­schen High­school, so wie wir ihn zumindest aus dem Kino kennen: gutaus­se­hend, sportlich, etwas unreif, aber mit dem Herz »am rechten Fleck«. An Mädchen ist er inter­es­siert, aber er ist zu schüch­tern, um mehr zu tun, als auf ihre hübschen Beine zu schauen. Ande­rer­seits ist David ein intro­ver­tierter Tüftler, tech­nik­be­gabt und clever darin, mit Problemen umzugehen. Er ist auch ganz und gar nicht ohne Ehrgeiz, das zeigt sich daran, dass er sich für die Ausbil­dung an der Eliteuni MIT beworben hat – und zu Beginn des Film tatsäch­lich aufge­nommen wird.

Die Ursache für seine nicht unkom­pli­zierte Charak­ter­struktur ist, das erfährt der Zuschauer sehr schnell, ein unver­hoh­lener Vater­kom­plex, an dem sich David seine komplette Jugend lang abar­beitet. Seinen Vater, den er bewun­derte und mit dem ihn eine innige Beziehung verband, verlor er bereits im jungen Alter von sieben Jahren durch einen Unfall. Seitdem wurde das perfekte Vaterbild durch Lebens­er­fah­rung und die üblichen Desil­lu­sio­nie­rungs­prozesse des Erwach­sen­wer­dens zunehmend vom Sockel geholt. Denn der Vater war ein Freizeit-Erfinder, der in einer viel­fältig ausge­stat­teten Werkstatt im Hobby-Keller fort­wäh­rend an irgend­wel­chen geheim­nis­vollen Dingen herum­bas­telte – ohne hierfür je öffent­liche finan­zi­elle Aner­ken­nung zu erhalten. Im Gegenteil: Der Witwe und den beiden Kindern hinter­ließ er Schulden und ein Haus, das erst zehn Jahre später abbezahlt ist. Jetzt ist die Mutter arbeitslos, und weil David kein Stipen­dium bekommt, muss es verkauft werden, um dem Sohn das Elite­stu­dium überhaupt zu ermög­li­chen.
Auf subtile Weise arbeiten Regisseur Israelite in seinem ersten Spielfilm und sein Dreh­buch­autor Andrew Deutschman also die prekäre Situation heraus, in die der ameri­ka­ni­sche Mittel­stand in den letzten zwei Dekaden zunehmend gerutscht ist: Zuneh­mende Schulden, Arbeits­lo­sig­keit, und allge­meine »Angst vor dem Absturz« lassen vom »American Dream« nicht mehr viel übrig.

Der anvi­sierte Haus­ver­kauf ist dann die Ursache einer entschei­denden Entde­ckung: David findet auf dem Dachboden eine alte Kamera des Vaters. Dort findet er Aufnahmen seines siebten Geburts­tages. Und auf denen – sich selbst im gegen­wär­tigen Alter. Gemeinsam mit seiner Schwester und zwei, später drei Schul­ka­me­raden sucht er nach Erklä­rungen, kramt im Keller in den alten Sachen seines Vaters, die dort offenbar zehn Jahre unan­ge­tastet ihrer Erfor­schung harrten und findet eine Zeit­ma­schine.

Vater­kom­plex, Wissen­schafts­pes­si­mismus und Wirk­lich­keits­ma­ni­pu­la­tion mit Neben­folgen

Nach Anfangs­schwie­rig­keiten und Fehl­ver­su­chen, die sich mitunter zäh und über­flüssig in die Länge ziehen, reisen die fünf dann mehrfach in die Vergan­gen­heit und verbes­sern ihre Lage: Ein Freund schafft die Chemie­prü­fung, die Mutter bekommt einen Job, und alle gemeinsam gewinnen im Lotto – mit dem schönen Neben­ef­fekt, dass das Haus nicht verkauft werden muss. Aber natürlich kann es so harmo­nisch nicht weiter­gehen: Die Wirk­lich­keits­ma­ni­pu­la­tion hat unge­wollte Neben­folgen, und als David dann auch noch im Allein­gang versucht, die verfehlte Liebe seiner Ange­be­teten Jassie nach­träg­lich zu erringen, wird alles endgültig kompli­ziert.
Die Spannung steigt bis zur Katharsis, die dann auch den Dach­bo­den­fund erklärt: David reist zu seinem siebten Geburtstag, und verhin­dert, dass die Zeit­ma­schine überhaupt erst erfunden wird.
Dieses Happy-End enttäuscht den Zuschauer, weil es die Romantik von Utopie und Wissen­schaft zugunsten einer spießigen Moral opfert, nach der der Mensch gefäl­ligst eine Verbes­se­rung der Vergan­gen­heit gar nicht zu wollen habe: »Es gibt keine zweiten Chancen« lautet das brave Fazit, dabei gibt es sie ja gerade doch.

Denn das eigent­liche und sehr ameri­ka­ni­sche Happy End liegt natürlich darin, dass sich David gleich doppelt mit seinem Vaterbild versöhnt. Per Hand­schlag in der Vergan­gen­heit und weil er (und der Zuschauer mit ihm) weiß, dass der vermeint­liche Versager eigent­lich ein großer Erfinder war – wenn auch die Erfindung nicht sein darf. Vor allem dieser Wissen­schafts­pes­si­mismus trennt den Film von den heiteren Zeit­spielen aus »Zurück in die Zukunft«.

Noch eine abschließende Anmerkung zu philo­so­phi­schen Gerüst des Films: Project Almanac geht von jenen physi­ka­li­schen Theorien aus, nach denen mehrere Welten parallel exis­tieren (können) und gleichz­eitig etwas ist und nicht ist. Onto­lo­gisch und epis­te­mo­lo­gisch teilt er diese, er setzt dem aber die mora­li­sche Position entgegen, dass wir Menschen – kontraf­ak­tisch, wenn man den Film ernst nimmt – auf der Annahme einer einzigen Welt beharren sollten. Das scheint mir kruder erkennt­nis­theo­re­ti­scher Funda­men­ta­lismus zu sein.

Lite­ra­tur­hin­weis:
Maurizio Ferraris: »Der neue Realismus – Versuch einer Rekon­struk­tion der Wahrheit«

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