Postcard to Daddy

Deutschland 2010 · 84 min. · FSK: ab 16
Regie: Michael Stock
Drehbuch:
Kamera: Michael Stock, Guido Diek
Schnitt: Michael Stock, Robert Quante, Till Kostinen
Abgründiges Familienporträt

»Wenn der Vater mit dem Sohne...«

Der Regisseur Michael Stock wurde im Alter zwischen acht und sechzehn Jahren von seinem Vater sexuell miss­braucht. Ein Vier­tel­jahr­hun­dert später konfron­tiert er vor der Kamera seine Familie mit seiner Vergan­gen­heit. Die daraus entstan­dene Video­bot­schaft sendet er in Form eines Doku­men­tar­films an den Vater. Trotz des unfass­baren Dramas ist Postcard to Daddy keines­wegs von Hass geprägt, sondern von Neugier, Hoffnung und Liebe. Stock,1993 bekannt geworden durch seinen Low-Budget-Spielfilm Prinz in Hölleland, will nicht anklagen, sondern verstehen. Ursprüng­lich wollte Stock aus der Geschichte seines Miss­brauchs einen Spielfilm machen. Doch die Förderer und finan­zie­renden Fern­seh­sender, die bekannt­lich für diversen Schrott mit Gebüh­ren­gel­dern keines­wegs geizen, wollten das Projekt nicht finan­zieren, nachdem sie es zuvor bis zur Unkennt­lich­keit verfäl­schen und auf die vermeint­li­chen Bedürf­nisse eines Massen­pu­bli­kums zurecht­biegen wollten.

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Im Vatikan, beim Deutschen Fußball Bund, im Odenwald und in Salem, in Knaben­chören, Inter­naten der Protes­tanten wie der Katho­liken, urbi et orbi: sexueller Miss­brauch. Er ist, man will das nicht gern wahrhaben, aller­orten.

Aber die aktuelle, seit ein paar Monaten täglich gras­sie­rende Debatte zum Miss­brauchs­thema ist doch vor allem ein Miss­brauch des Miss­brauchs: Zur Abrech­nung mit allem, was der gesell­schaft­liche Main­stream von Rechts bis Links sowieso noch nie mochte: Mit der Kirche, mit Schwulen, mit der Reform­päd­agogik, vor allem und zu allererst mit »1968«, das angeblich dem Werte­ver­fall Vorschub geleistet und einem liber­tären, angeblich miss­brauchs­för­dernden sexuellem anything-goes Tür und Tor geöffnet hat.

Und was empfehlen dann die schwarz­grünen, biona­de­trin­kenden, nicht­rau­chenden, müll­tren­nenden, doppel­ver­die­nenden Werte­bürger im nächsten Atemzug: natürlich »die Familie«. Das Allheil­mittel der werte­ver­mit­telnden, wärme­spen­denden, kunst­er­zie­henden, sonn­tags­spa­zier­ge­henden Bürger­lich­keit. Den Ort, der als letzter noch der Erosion des Anstands und dem allge­meinen Untergang des Abend­landes Einhalt gebietet, die Moderne zähmt und ihren Gefahren Wider­stand entge­gen­bringt.

Solche Idyllen-Ideo­lo­gien stellt Michael Stock mit seinem Film jetzt radikal infrage: Er erzählt von der Illusion fami­liären Glücks. Von einem scheinbar anstän­digen Eltern­haus, dem »es an nichts fehlt«, mit Vater, Mutter, drei Kinder, mit Haus im Schwarz­wald, mit genug Geld, sozialem Enga­ge­ment, Garten und Boots­reisen im Sommer. Und dieses Eltern­haus entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Hölle. Der Vater hat seinen jüngsten Sohn, den Filme­ma­cher über acht Jahre sexuell miss­braucht. Die Mutter und die beiden älteren Geschwister haben – angeblich, aber Stock glaubt ihnen das – nichts gemerkt, selbst als der Sohn nach einem Selbst­mord­ver­such mit notdürftig selbst­ver­bun­denen Pulsadern am Abend­brots­tisch saß. Oder als die Mutter einmal unver­hofft ins Zimmer kam, und fast Zeugin des Miss­brauchs geworden wäre, woraufhin sich Michael unter dem Ehebett versteckte,und die ganze Nacht dort ausharrte.

»Mit unseren Eltern war es niemals lang­weilig«, sagt der ältere Bruder Christian, noch immer irgendwie fassungslos über das, wonach ihn Michael befragt. Es ist ein durchweg depri­mie­rendes Bild: Vom Schweigen, Verschweigen, von Ignoranz, Verdrän­gung, von Demü­ti­gung.

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Es ist auch die völlige Zers­tö­rung des Mythos vom Fami­li­en­pa­tri­ar­chen. Denn was bleibt von diesem Vater? Er miss­braucht nicht nur den eigenen Sohn. Sondern er »baggert alles an, was einen Rock trägt«, wie sich seine inzwi­schen geschieden lebende Gattin erinnert. Er trinkt solange und soviel, bis er nicht mehr weiß, was er seinem Sohn antut, bis er so sehr nach Alkohol stinkt, dass er seine Tochter anekelt. Und dem auf die Frage seines Sohnes, warum er mit seinen Taten besser leben könne als der Sohn, nur der schreck­liche Satz einfällt: »Ich habe einfach das dickere Fell«.

Trösten kann man sich allein mit der Annahme, dass es sich um einen Einzel­fall handelt. Kann man ihn verall­ge­mei­nern? Doch solche Ausreden spenden nur eine überaus vage Hoffnung. Es ist eine allge­mein­gül­tige, sehr sehr gene­ra­ti­ons­ty­pi­sche Geschichte, über die Kinder der Nach­kriegs­zeit, die das Sprechen, mitein­ander oder mit den eigenen (Nazi-)Eltern nie gelernt hatten.

Zugleich macht dieser Film auch vieles vers­tänd­lich, was rund um den Komplex Miss­brauch Außen­ste­henden nach wie vor Rätsel aufgibt. So etwa das Schweigen: Die Abspal­tung, Verdrän­gung der Opfer. Die Kumpanei des Geheim­hal­tens zwischen Opfer und Täter, die aus Scham und Selbst­vor­würfen heraus nie mit Dritten über die Taten gespro­chen haben.

Und er zeigt andere Folgen: Michael Stock konnte jahrelang nur Lust in der totalen sexuellen Verfüg­bar­keit empfinden. der Film zeigt die Berliner Schwu­len­szene der 1990er Jahre.

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Noch einmal zur Familie. Stocks Geschichte über seine Familie »entwertet diese Lebens­form genauso wenig, wie es Jesuiten und Lehrer in Verruf bringen sollte, weil sich in unserer augen­blick­li­chen Wahr­neh­mung dort der sexuelle Miss­brauch häuft.« So schrieb Tilman Krause in der »Welt«. Und das stimmt natürlich. Die Lebens­form, das Glück, das viele Menschen in der Familie erfahren wird dadurch nicht entwertet. Aber Postcard to Daddy könnte uns davor bewahren, aus »Familie« wieder eine Ideologie zu machen, mit der gesell­schaft­liche Schlachten ausge­tragen werden, er könnte uns Skepsis und Vorsicht beibringen, uns lehren Familien nicht länger zu idea­li­sieren, ihr nicht irgend­eine Unschuld zu unter­stellen, und sie nicht länger für besser zu halten als andere gesell­schaft­liche Insti­tu­tionen. Denn das ist Familie: kein idyl­li­scher Gegen­ent­wurf zur Gesell­schaft, sondern ihr Abbild.

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