Pollock

USA 2000 · 122 min. · FSK: ab 12
Regie: Ed Harris
Drehbuch: ,
Kamera: Lisa Rinzler
Darsteller: Ed Harris, Robert Knott, Molly Regan u.a.
Ed Harris als Jackson Pollock

Von der hohen Kunst des Kleckerns

Die Lady schäumt: Da nimmt sie es auf sich, im Dienste der Kunst die mörde­ri­schen Stiegen eines herun­ter­ge­kom­menen New Yorker Miet­hauses zu erklimmen, nur um oben vor verschlos­sener Tür zu stehen. Der undank­bare Bewohner des Appar­te­ments sitzt unter­dessen in der Kneipe und lässt sich ungerührt voll­laufen. Dabei ist die Lady nicht irgendwer, sondern Peggy Guggen­heim, Sammlerin, Mäzenin und wandelndes Sesam öffne Dich für die illustre Kunst­szene. Peggy Guggen­heim lässt keiner warten. Keiner – außer eben Jackson Pollock. Kurze Zeit später hat sich das Blatt gewendet: Pollock ist der aufge­hende Star am Kunst­himmel, und Mrs. Guggen­heim nimmt es mit gequältem Lächeln hin, als ihr Enfant terrible während einer Party vor der versam­melten Gäste­schar kurzer­hand ins Kamin­feuer uriniert.

Ed Harris spielt Jackson Pollock, und das ist sicher­lich eine glänzende Besetzung. Nicht nur, dass er dem Groß­meister des kunst­vollen Kleckerns verblüf­fend ähnlich sieht, er verkör­pert ihn auch mit über­zeu­gender Inten­sität. Weniger glücklich war aller­dings die Idee, erstmals auch die Regie­ar­beit zu über­nehmen. Da gibt es eine Menge stra­pa­ziöser Längen und haufen­weise Einstel­lungen, die viel zu offen­sicht­lich einfach nur nett aussehen. Hinzu kommt, dass Pollocks Leben selbst offenbar jedes Klischee vom genialen Maler erfüllt. Dafür kann zwar Harris nichts, doch führt seine Verehrung für den Künstler leider dazu, das Leben des Meisters akribisch durch­zu­he­cheln: Da wäre zunächst die lange Durst­strecke als verkanntes Genie. Die aufop­fe­rungs­volle Gefährtin, die an ihn glaubt, ihm unge­achtet seiner alko­ho­li­schen Exzesse den Weg ebnet und dafür wenig Dank­bar­keit erntet. Die exal­tierte Mäzenin und ihr ständiger Begleiter, der unentwegt scheuß­liche, platt­na­sige Hunde mit sich herum­trägt. Da gibt es Agonie und Verzweif­lung, Egomanie und Eitelkeit. Und da gibt es schließ­lich Depres­sion, Leere und einen traurigen Abgang als völlig betrun­kener Auto­fahrer.

Der Mensch Pollock selbst bleibt in diesem Reigen seltsam zwei­di­men­sional: Entweder der Kerl malt oder er säuft. Doch wenn er dann zum Pinsel greift zeigt sich, dass der Film bei all seinen Schwächen absolut sehens­wert ist. Wenn auch seine Beziehung zu sich selbst und den Menschen um ihn herum im Dunklen bleibt, sein leiden­schaft­li­cher Dialog mit Leinwand und Farbe wird dafür um so leben­diger. Man muss kein großer Fan von Pollocks Werken sein, um faszi­niert zuzusehen, wie sich der dumpfe Alko­hol­nebel ange­sichts einer leeren Leinwand plötzlich lichtet. Wenn ein hoch­kon­zen­trierter Visionär am Werke ist, der in atem­be­rau­bendem Tempo mit fulmi­nantem Pinsel­schwung die Kunstwelt kurz mal auf den Kopf stellt.

»Cut«, ruft der Regisseur einer Doku­men­ta­tion über Pollock und seine virtuose Maltechnik, als die Filmrolle leer­ge­dreht ist. Doch Pollock lässt weiter uner­müd­lich den Pinsel gezielt über die Leinwand triefen. Völlig vers­tänd­nislos gegenüber den Bedin­gungen der Welt, fährt er fort in dem, was ihm als das einzig Wesent­liche erscheint: Kunst.

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