Nothing Personal

Irland/Niederlande 2009 · 85 min. · FSK: ab 6
Regie: Urszula Antoniak
Drehbuch:
Kamera: Daniël Bouquet
Darsteller: Lotte Verbeek, Stephen Rea
Mädchen vor Landschaft

Das Haus auf der verlassenen Insel

Wie nähert man sich einander an, ohne persön­lich zu werden? Man kennt einander nicht, weiß nichts von einander und will das alles auch gar nicht. Dennoch schuftet man gemeinsam im Garten und lebt streng nach der Devise „Arbeit gegen Essen« unter einem Dach. Von dieser unge­wöhn­li­chen Situation geht Regis­seurin Urszula Antoniak in ihrem Spiel­film­debüt Nothing Personal aus und zeigt die Annähe­rung ihrer eigen­wil­ligen Prot­ago­nisten als Kino-Expe­ri­ment.

Der Wildfang und der Kauz. Sirenhaft mimt Lotte Verbeek die junge Hollän­derin, die nach einer geschei­terten Ehe, den Ring vom Finger streift und fortan mit Rucksack durch die Lande zieht. Der Zuschauer verfolgt ihre ruppigen Bewe­gungen, wenn sie etwa das Zelt für eine Nacht am Strand aufbaut und sich in den Schlaf­sack zurück­zieht. Oder wenn sie plötzlich aus einem fahrenden Lkw springt. Immer wieder verweilt die Kamera auf ihrem Gesicht, den feuer­roten Haaren und hell­blauen Augen mit einem stör­ri­schen Blick. Immer wieder fragt man sich auf ihrer Wander­schaft Was macht sie? Was hat sie vor? Schließ­lich gibt man diese Gedanken auf und betrachtet einfach nur das Geschehen auf der Leinwand. Ihren Namen gibt die junge Frau vorerst nicht preis. Ein simples Du muss dem Einsiedler Martin (Stephen Rea), auf den die Vaga­bundin in Irland trifft, als Anrede ausrei­chen. Aus der Ferne hatte sie sein Haus auf einer verlas­senen Insel ausge­macht und setzte über. Nach einer Inspek­tion des Hauses, einschließ­lich dem Schlaf­zimmer, lässt sie sich auf der Hausbank nieder, wo Martin sie später ausfindig macht. Er schlägt ihr vor, wenn sie ihm bei der Garten­ar­beit aushelfe, komme er für Kost und Logie auf. (Stephen Reas (Crying Game) Gesicht passt wunderbar in diese irische Land­schaft. Man liest in seinem Gesischt wie eine weitere, ganz eigene Land­schaft. Allein seine Präsens nimmt der jungen Frau gar zeitweise ihre Verletz­lich­keit.) Die junge Frau geht schließ­lich auf den Deal ein.

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Himmel, Wind und Erde. Die junge Frau gräbt mit bloßen Händen die Erde um, inter­es­siert betrachtet sie Wurzel­werk und Erdab­la­ge­rungen. Als Martin sie zum Essen ruft, wischt sie sich die Hände an der Hose ab und tut gleich­gültig. Achtlos streift sie sich die Leder­jacke über. Doch neben der Sinn­lich­keit der Garten­ar­beit gibt es eine weitere Verbin­dung zwischen den beiden Einzel­gän­gern: der Intellekt. Beide lieben Bücher, Musik und gutes Essen. So wird man trotz strikt abge­spro­chenem Deal neugierig aufein­ander. Auf den Menschen, dessen Leben und seine Vergan­gen­heit. Darüber verliert man kein Wort. Lieber zielt man mit einem Gewehr auf den anderen, weil niemand weiß, wohin das alles führt. Lieber zieht man sich zurück, wenn der andere eine Herz­at­tacke erleidet. Gefühle jedoch verhin­dern solche Gesten nicht.

Mit Nothing Personal schafft Urszula Antoniak einen Kunst-Film im besten Sinn: Wenn die Kamera distan­ziert das Geschehen verfolgt und die Land­schaft als »handelnde Person« in die Ereig­nisse einbindet. Wenn der Ton den Wind einfängt und dieser die Prot­ago­nistin stetig auf ihrer Wander­schaft begleitet. Zudem verlässt sich Antoniak ganz auf die Ausdrucks­kraft der Gesichter und Gesten ihrer Schau­spieler. Und sie setzt bewusst auf Stille statt auf erklä­rende Dialoge. So wird selbst das Interieur eines Land­hauses – die Einrich­tung einer Küche, das Sortiment der Musik­samm­lung oder der Blick aus einem Fenster – beredet. Solch eine Kunst­fer­tig­keit und eigen­s­tän­dige Film­sprache konnte zuletzt das fran­zö­si­sche Drama Sois sage aufweisen; wenn­gleich Nothing Personal in seiner Machart wesent­lich simpler und strin­genter daher­kommt..

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»Ich will sein wie du«, sagt die junge Frau irgend­wann zu Martin. Doch da ist es schon zu spät, die Zeit verrinnt. Was bleibt, ist dem anderen einen letzten (Liebes)dienst zu erweisen und die Reise wieder aufzu­nehmen. Denn Gefühle haben eben ihre eigene Logik.

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