Das Netz – Unabomber, LSD und Internet

Das Netz

Deutschland 2003 · 121 min.
Regie: Lutz Dammbeck
Drehbuch:
Kamera: James Carman
Schnitt: Margot Neubert
Timothy Leary digital

Der wahre Sieg der '68er

Was hat Compu­ter­technik mit Hippie­kultur, was hat die Mathe­matik des 20.Jahr­hun­derts mit Terro­rismus, was hat die Bewußt­s­eins­for­schung der 50er Jahre mit Paranoia zu tun? Eine ganze Menge, meint der Doku­men­tar­filmer Lutz Dammbeck. Seine Doku­men­ta­tion Das Netz entwirft selber ein komplexes, jederzeit fesselndes, kultur­his­to­ri­sches Netzwerk über die Bezie­hungen zwischen Wissen­schaft, 60er-Gegen­kultur und 90er-Inter­net­szene. Ausgangs- und Rück­zugs­punkt seiner offenen Unter­su­chung ist die Geschichte des rätsel­haften, für viele immer noch faszi­nie­renden »Unabom­bers«, der zwischen 1978 und 1995 mit Brief­bomben drei Menschen tötete und 23 verletzte.

Im Wald beginnt es, und in einem gewissen Sinn kehrt Lutz Dammbeck (Dürers Erben, Das Meis­ter­spiel) immer wieder dorthin zurück. In den Wald zurück wollte schon Henry David Thoreau (1817-62) die Ameri­kaner bewegen, zu einer Zeit, als viele ihn noch gar nicht verlassen hatten. Thoreaus Buch »Walden oder das Leben in den Wäldern« wurde bereits zu Lebzeiten seines Verfas­sers zu einem Kultbuch der Anti­technik-Bewegung. In den 60er Jahren entdeckten es die Hippies in und außerhalb von Kali­for­nien. An der US-Westcoast saß zum Beispiel Steward Brand LSD-bedröhnt auf einer Dach­ter­rasse in der Sonne, als ihm die Idee zum »Whole Earth Catalog« kam, das in den folgenden Jahren schnell zu einem Kultbuch seiner Gene­ra­tion wurde. In dieser Art Versand­ka­talog für alter­na­tive Lebens­formen entwi­ckelt Brand die Vorstel­lung einer Neuer­fin­dung der west­li­chen oder überhaupt der mensch­li­chen Zivi­li­sa­tion.
Im Wald, irgendwo in Montana, landete auch der Thoreau-Leser Ted (eigent­lich Theodore John) Kaczynski. Der einst hoch­be­gabte Mathe­ma­tiker und Harvard-Absolvent hatte sich dort Anfang der 70er Jahre ein Haus gemäß Thoreaus Prin­zi­pien gebaut, und lebte dort nun ohne Wasser und Strom seinen höchst­per­sön­li­chen ameri­ka­ni­schen Traum. Im Jahr 1996 wurde er verhaftet, und sitzt seitdem ohne Hoffnung auf Entlas­sung in einer ameri­ka­ni­schen Gefäng­nis­zelle. Ermitt­lungs­behörden, Staats­an­walt­schaft und Gericht sind überzeugt, dass es sich bei Kaczynski um den legen­dären »Unabomber« handelt. Dieser – laut FBI – »intel­li­gente Einzel­täter« verübte zwischen 1978 und 1995 per Brief­bomben eine umfang­reiche Atten­tats­serie, die sich vor allem gegen Wissen­schaftler und Chefs von Flug­ge­sell­schaften richtete. (Der Name ist ein Kürzel für »Univer­sity und Airlines«). Drei Menschen wurden dabei getötet, 23 verletzt. Kaczynskis Gedanken, sein Schicksal, und die weiterhin offenen Fragen, die es begleiten, bilden den Ausgangs­punkt der Recherche des Doku­men­tar­fil­mers Lutz Dammbeck.

Aufbruch, Pop, Revolte

Soviel Zukunft war nie, wie Ende der Sechziger Jahre. »Change Now!« lautete die Parole der Aufbruchs­be­we­gung. Pop und Revolte verbanden sich zur Hoffnung, dass alles möglich wäre, dass Friedrich Nietz­sches Forderung »Werde, der Du bist!« in einer Welt, in der jeder ist, was er sein will, Wirk­lich­keit werden könne.
Kunst und Leben verbanden sich etwa in der New Yorker Muli­ti­me­di­a­szene. Einer ihrer Schlüs­sel­fi­guren ist John Brockman. Der heutige Agent für Wissen­schafts­li­te­ratur, in dieser Position einer der wich­tigsten der Welt und im Hinter­grund der maßgeb­liche Popu­la­ri­sierer der Medien­theorie der 90er, gründete vor ca. 40 Jahren das »expanded cinema festival«, in dem Kunst gezeigt wurde, die mit tech­nik­ba­sierten Medien expe­ri­men­tierte. Computer und Kunst vermischten sich in diesen, schnell Brei­ten­po­pu­la­rität erlan­genden, Werken. Die entspre­chenden Theorien lieferten Marshall McLuhan, Norbert Wiener und die von ihm in den 40er Jahren begrün­dete neue Wissen­schaft der Kyber­netik. »Das Ergebnis war eine totale Neuord­nung der Sinne. Man wusste nicht, was man sah.« erinnert sich Brockman im Gespräch.

John Brockman bildet gewis­ser­massen den Nukleus von Dammbecks Film. Bereits dieses erste Gespräch spinnt all die Fäden, die der Filme­ma­cher in den folgenden einein­halb Stunden weiter­ver­folgt. Der erste ist Steward Brand. Der ist nämlich nicht nur der Verfasser des »Whole Earth Catalog«. Er ist auch der Erfinder des Begriffs »personal computer«, und instal­lierte in den 80er Jahren das erste alter­na­tive Compu­ter­netz­werk der Welt. Ein Jahrzehnt später war er Berater der kali­for­ni­schen Compu­ter­in­dus­trie. »Wie kommen Computer, LSD, und Hippies zuein­ander?« fragt Dammbeck. Die Antwort: Computer und Drogen begreifen das Bewusst­sein als offenes System; die Bewusst­seins­er­wei­te­rung durch Drogen, wie das Verschmelzen von Mensch und Maschine in virtu­ellen Welten sei also eine alter­na­tive Form von Kyber­netik. Realität ist nicht gegeben, sondern das, was gemacht wird. Man müsse, glaubten Brand und andere damals, also nur die Tech­no­lo­gien demo­kra­ti­sieren – dann würden sie gut sein. Ergänzt wurden solche Gedanken aber auch durch die Idee des Natur­zu­stands als eines Befrei­ungs­mit­tels, eines offenen Systems. Tech­no­logie und Anti-Tech­no­logie gehen ein prekäres Bündnis ein.
Das ist die Geburts­stunde der »Kali­fo­ri­schen Ideologie« (der Begriff stammt von den beiden engli­schen Sozio­logen Richard Barbrook und Andy Cameron), der drei Jahr­zehnte später entstan­denen Wahl­ver­wandt­schaft zwischen Anar­chisten und That­che­risten, alter­na­tive Lebens­ent­würfe und der Geist der New Economy. Diese »Kali­for­ni­sche Ideologie« ist eine seltsame Verschmel­zung eman­zi­pa­to­ri­scher und anar­chis­ti­scher Ideen mit neoli­be­ralen Theorien. Ihr zentraler Glau­bens­satz lautet: Für die Hälfte aller Probleme der Mensch­heit gibt es eine tech­ni­sche Lösung. Die andere Hälfte löst der Markt – also der Kultur gewordene Natur­zu­stand.

»Indus­trial Society & its Future«

Gewisse Ähnlich­keiten erkennt Brand folge­richtig auch zwischen seinen Gedanken und den Ideen Kaczynskis, die dieser in einem 56seitigen Manifest zusam­men­ge­fasst hat. Dieses soge­nannte »Unabomber Manifesto« trägt den Titel »Indus­trial Society & its Future«. Es wurde seiner­zeit von der »New York Times« und der »Washington Post« in Absprache mit dem FBI veröf­fent­licht – und führte zu Ted Kaczynski.
Der Text warnt im Stil klas­si­scher Verschwö­rungs­theo­rien, für die »alles mit allem zusammen« hängt, vor der Zukunft der tech­ni­schen Moderne. Sie sei durch Über­wa­chung durch Super­com­puter, durch totalen Verlust der Freiheit durch tech­ni­schen Fort­schritt gekenn­zeichnet. Allein die Natur wird als »perfekte Alter­na­tive zu diesem System« begriffen: »Je eher dieses System zusam­men­bricht, desto besser für die Mensch­heit.«
Die erhoffte post-tech­no­lo­gi­sche Gesell­schaft hat Kaczynski offenbar per Brief­bombe herbei­kämpfen wollen – ein Öko-Terrorist, der – viel­leicht durch seine Ziele, viel­leicht durch seine Intel­lek­tua­lität bis heute für viele nichts von seiner eigen­tüm­li­chen Faszi­na­tion verloren hat. Für Brand ist auch das Manifest ein Stück »Gegen­kultur«.

Dammbeck lässt uns im Folgenden zum Zeugen seines Brief­wech­sels mit Kaczynski werden, mit dem er ausgiebig korr­spon­diert hat. Diese Passagen des Films sind weniger geglückt. Kaczynski schreibt auf Deutsch, die Stimme, die seine Briefe aus dem Off verliest, ist einschmei­chelnd, betont »zwei­deutig« etwa wie die des Schurken im Stadt­theater. Oft argu­men­tiert er in Form rheto­ri­scher Fragen: »Wollen sie in einer Gesell­schaft leben, die von Maschinen beherrscht wird?« Nachdem der Zuschauer spontan mit einem herz­li­chen »Neinnein! Gott bewahre« reagierte, fragt er sich womöglich, ob das eigent­lich die Frage ist, die hier zu Debatte steht. Und er wundert sich, warum Dammbeck hier nicht – zumindest nicht sichtbar – mit gleicher Insistenz nachfragt, oder das Gesagte kommen­tiert, wie bei anderen Gesprächs­part­nern. »Alle veröf­fent­lichten Versionen des Manifesto sind unrichtig, denn sie enthalten schwer­wie­gende Fehler.« erfahren wir immerhin noch. Das 230 Thesen umfas­sende Manifest liegt im Buch zum Film erstmals in auto­ri­sierter Form vor.

Die Geburt der Kyber­netik aus dem Geist des Welt­kriegs

Dann folgt wieder ein Stück Kultur- und Wissen­schafts­ge­schichte. Es handelt von der Part­ner­schaft zwischen Militär und Univer­sitäten, von der Geburt der Kyber­netik aus dem Geist des Welt­kriegs. Unmit­telbar nach dem deutschen Angriff auf England 1940 bot Norbert Wiener dem Pentagon sein Wissen an. Leitfrage: Wie kann man Maschine bauen, die Angriffe im Voraus berechnet? Die Folge war die Entwick­lung der Kyber­netik und ihres neuen Menschen­bildes, dem der Mensch als infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tendes System erscheint.
In den 50er Jahren entwi­ckelte man SAGE, den größten, je gebauten Computer und das erste dezen­trale Computer-Netzwerk. Die Leitidee hierbei war es, das Netzwerk am Laufen zu halten, auch wenn eine Kompo­nente – etwa durch einen atomaren Angriff – ausfiel.
Nächster Gesprächs­partner: Robert Taylor, NASA-Ingenieur, Rake­ten­spe­zia­list, dann Wissen­schafts­ma­nager im Pentagon. Unter seiner Leitung wurde das ARPANET, die Urform des Internet entwi­ckelt. »Es geht um Wissen gegen Angst. Es ist alles eine Frage des Elimi­nie­rens von Ignoranz.« erklärt Taylor mit scheinbar unge­bro­chenem Fort­schritts­glauben.
Eine Art Paral­lel­ak­tion waren geheim abge­hal­tenen die Macy-Konfe­renzen, einer Denk­fa­brik unter Betei­li­gung der CIA, zu der sich seit 1946 wichtige Wissen­schaftler und Intel­lek­tu­elle mit dem Ziel trafen, eine Wissen­schaft zu entwi­ckeln, die Vorher­sage und Kontrolle von Verhalten möglich macht. Nach dem siegreich beendeten Krieg war das neue Schlacht­feld das Terrain des Unter­be­wußten. Umer­zie­hung und Selbst­er­zie­hung sollten die Fehler der mensch­li­chen Natur korri­gieren. Was heute auf manche hybrid und absurd wirken mag – und auch Dammbeck skizziert dies alles mit deutlich skep­ti­schem Unterton – ist tatsäch­lich nicht nur ange­sichts der voraus­ge­gan­genen Kriegs­er­eig­nisse ein recht vernünf­tiges Unter­fangen. Denn warum sollte man und soll man heute auch der Natur mehr vertrauen? Das Ergebnis der Debatten über Massen­psy­cho­logie und soziale Tendenzen ist die Über­zeu­gung einer prin­zi­pi­ellen Steu­er­bar­keit der Gesell­schaft und die Entwick­lung von Konzepten zu ihrer Steuerung. Zu diesen gehört auch der Einsatz von Drogen, die zeit­weisen, histo­risch verbürgten CIA-Expe­ri­mente mit bewußt­s­eins­ma­ni­pu­lie­renden Substanzen. Das Assess­ment-Center und die System­theorie dürfen als zwei promi­nente Früchte der Macy-Konfe­renzen gelten. Schließ­lich ein Besuch beim 90jährigen Heinz von Förster (der 2002 verstarb): Teil­chen­physik, das seien »die Löcher in der Theorie, die wir nicht beant­worten können«, resümiert er und fragt eine alte, schöne Frage: »Was ist Realität?«

»Wenn einer zum Mörder wird, sind mir seine Ansichten scheißegal.«

Über alldem, histo­risch hoch­in­ter­es­santen, gerät aller­dings Dammbecks zwischen­durch auch gestellte, sehr berech­tigte Frage: »Warum wird Ted Kaczynski kein begeis­terter Compu­ter­hippie?« leider wieder ganz aus dem Blickfeld.
Schließ­lich noch ein Besuch bei David Gelernter. 1993 erhielt er eine Brief­bombe, bei deren Explosion er eine Hand und ein Auge verlor. »Wenn einer zum Mörder wird, sind mir seine Ansichten scheißegal.« resümiert Gelernter, ein bedeu­tender Compu­ter­wis­sen­schaftler.
In ruhigem Stil folgte Dammbeck bis hierhin seinen Spuren. Das Netz ist eine Detek­tiv­ge­schichte, deren einzelne Elemente sich auf einer per Hand vom Filme­ma­cher gezeich­neten und fort­lau­fend ergänzten Mind-Map zu einem Netz zusam­men­ge­knüpfen. Dammbeck erzählt seinem Publikum nichts über die Voraus­set­zungen der Recherche, nichts über die Infor­ma­tionen, die er seinen Gesprächs­part­nern gab. Manchmal scheint er die Kritik des Unabom­bers fast zu teilen. Man kann verstehen, dass ein Aussteiger gerade dann faszi­niert, wenn es sich um einen erfolg­rei­chen Wissen­schaftler handelt. Doch könnte es ja auch sein, dass Menschen tatsäch­lich einfach verwirrt, krank und ein klini­scher Fall sind. So ist alles, was Das Netz erzählt, inter­es­santer, als seine Haupt­figur. Auch laufen Dammbecks vor allem visuell unter­füt­terten Analogien zwischen der zeit­genös­si­schen Globa­li­sie­rungs­kritik, wie sie sich etwa in Seattle und Genua geäußert hat, und dem »Unabomber Manifesto« Gefahr, das Kind mit dem Bad auszu­schütten.

Ein Open End zum Schluss. Keine Lösung, keine klaren Partei­namen. Offenheit. Die Begrün­dung liefert womöglich der Haupt­ge­danke des Mathe­ma­ti­kers Gödel: In seinen Unvoll­s­tän­dig­keits­sätzen »bewies« er, dass jedes formal-logische System Probleme besitzt, die nicht lösbar sind. Die Wahrheit ist der Beweis­bar­keit überlegen. Und der Unabomber, mag er nun mit Ted Kaczynski identisch sein, oder nicht, ist mit dem sozialen System nicht kompa­tibel.
Zwei weitere Gedanken, die über den Fall des Unabom­bers weit hinaus gehen, drängen sich nach diesem ebenso span­nenden, wie nach­denk­li­chen, in vielem gren­züber­schrei­tenden Doku­men­tar­film auf: Da der Zentral­ge­danke der Kyber­netik die Figur der Rück­kop­pe­lung, des »Feedback« ist, könnte doch der Unabomber und seine funda­men­ta­lis­ti­sche Tech­nik­feind­schaft, sein Wider­stand eben genau so eine Art soziale Rück­kop­pe­lung darstellen.
Und: Ist am Ende nicht die New Economy und ihr Zentral­in­stru­ment, das weltweite Internet, der wahre Sieg der 68er? Und ihr Zusam­men­bruch ihre Nieder­lage? An der Frage nach den Möglich­keiten des Wider­stands in der entste­henden Welt­ge­sell­schaft könnte sich die Zukunft dieser Gene­ra­tion und ihrer Gedanken ebenso entscheiden, wie die des Internet.

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