Neue Freiheit – Keine Jobs

»Als des Führers letzter Hund, hetzt er durch Europa«: gemeint ist Helmut Kohl. Dieser Satz steht auf einem Demons­tra­ti­ons­plakat, daß Stadt­strei­cher Hicks (Herbert Achtern­busch) inspi­riert von der Klage eines Münchner Poli­zisten auf sein Demons­tra­ti­ons­schild schreibt. Vorher steht noch: »Wer befreit mich von Helmut Kohl?« und zum Schluß: »Hilfe, Hilfe, Hilfe«.

Erstaun­lich wie unpo­li­tisch ein Film sein kann, der scheinbar Staat, Polizei und Kirche zur Ziel­scheibe seines Gespötts macht. Liebens­wert kommt dieser Film daher und verläßt nie den subjek­tiven Stand­punkt seines Autors.
Und er macht Spaß in seiner Konse­quenz und Respekt­lo­sig­keit gegenüber jeder Autorität.
Achtern­busch, der baye­ri­sche Poet, Schrift­steller, Filme­ma­cher und Maler, gelingt es, sich ohne jede Agression der Moder­ni­sie­rung und Hoch­glan­zäs­t­hetik der 90er Jahre zu verwei­gern.

Seine Film sieht immer noch so aus, wie ein Produkt der 70er Jahre. Wenn Schlin­gen­sief seinen jüngsten Film Die 120 Tage von Bottrop, als den Letzten Neuen Deutschen Film, in die Kinos bringen läßt, dann hat er wohl gedank­lich den Herbert Achtern­busch verdrängt. Wie kaum ein anderer steigt Achtern­busch immer wieder aus der Versen­kung hervor, auch Hofbräu­haus genannt, und stellt sein neuestes Buch, Film, Insze­nie­rung oder bildende Kunst vor. Niemals bösartig in der Insze­nie­rung seiner Utopien tritt er doch immer wieder konser­va­tiven Gliedern der Gesell­schaft auf die Füße. Warum sich da jemand noch getroffen fühlen sollte, wenn Achtern­busch mensch­liche Schwächen mit Respekts­per­sonen verbindet, mögen die angeblich »Geschä­digten« selbst erklären.

Die radikal-subjek­tive Form eines Achtern­busch gibt sich niemals den Anschein auch nur ernsthaft in Erwägung zu ziehen Struk­turen verändern zu wollen. Noch weniger scheint es, daß Achtern­busch seine Filme mit einer Botschaft ausstattet, die ihn die Welt getragen werden soll. Film als Selbst­zweck und ohne Anspruch auf Wahrheit. Eher sogar noch mit dem Anspruch auf Kommu­ni­ka­tion, Diskus­sion und Amüsement.
Exzel­lente Schau­spieler, theater-nahe Bild­sprache und die Verqui­ckung von Malerei, Prosa und Kabarett bieten eine Erholung zur glatt­ge­schlif­fenen Film­fa­brik der Gegenwart.

Nachdem Helmut Kohl, dann auch wirklich auf mysteriös-behaup­tete Weise zum Verschwinden gebracht wird hat der Autor noch einen Nachtrag angehängt. Seine kleine Tochter wird in höchst väterlich-verliebter Weise ins Bild gesetzt und unter­s­tützt ganz bewußt die persön­lich-private Ausstrah­lung der Unter­hal­tungs­kunst­form Film.
Und er hat es geschafft. Sein Film wird auf der dies­jäh­rigen Berlinale 1998 gezeigt, in der Panorama-Sektion.

Falls ihm das überhaupt etwas bedeuten sollte. Denn scheinbar ungerührt von jedem Medi­en­rummel, ob positiv oder negativ, um seine Person, hat Achtern­busch wahr­schein­lich seine persön­li­chen Maßstäbe über die Seifen­blasen des öffent­li­chen Lebens gesetzt.

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