Mia Madre

Italien/F 2015 · 112 min. · FSK: ab 6
Regie: Nanni Moretti
Drehbuch: , ,
Kamera: Arnaldo Catinari
Darsteller: Margherita Buy, John Turturro, Giulia Lazzarini, Nanni Moretti, Beatrice Mancini u.a.
Regisseurin am Rande des Nervenzusammenbruchs

Jenseits von Hollywood

»Arbeit für alle!« brüllen die Menschen und ballen die Fäuste. Die Demons­tranten sind Arbeiter. Sie wollen hinein in ihre Fabrik, aber deren Tore sind ihnen verschlossen. Sie sollen »frei­ge­stellt«, also entlassen werden. Polizei bewacht das Werkstor, und als die Protes­tie­renden drohen, über den Zaun zu klettern, da schwingen sie ihre Knüppel, und beginnen die Arbeiter zusam­men­zu­schlagen…

»Basta basta! Also Stop!« ruft in diesem Moment eine Stimme laut. Und wir verstehen: Die aller­ersten Bilder von Mia Madre von Nanni Moretti zeigten gar keine Wirk­lich­keit, sondern die Szene eines Films, der gerade erst gedreht wird. Film im Film. Die Stimme gehörte Marg­he­rita, der Haupt­figur. Mit Inten­sität und Nuan­cen­reichtum verkör­pert Marg­he­rita Buy die Film­re­gis­seurin, die vermut­lich das Alter Ego Morettis ist.

»Ich will den Schau­spieler sehen und daneben die Figur, next to the character.« Der Satz, den die Regis­seurin ihren Darstel­lern als Regie­an­wei­sung sagt, und den wohl noch nicht mal sie selbst versteht: – sie wolle den Schau­spieler sehen und daneben die Figur, »next to the character« – wird zu einem der vielen Running-Gags dieser sanften, nach­denk­li­chen Film-im-Film-Komödie.

Kinokunst ist harte Arbeit, das zeigt uns Moretti in diesem Film ganz nebenbei, so wie auch diese erste Szene einen doppelten Boden hat: Die Arbeiter, die in die Fabrik wollen, spiegeln nämlich natürlich auch die frühesten Kino-Bilder überhaupt. Sie stammen aus dem einem der ersten Filme der Film­ge­schichte: Arbeiter verlassen die Fabrik ist das Werk der Brüder Lumière, mit dem das Kino 1895 begann.

Dieses Bekenntnis Morettis zum Anfang der siebten Kunst und den Lumierè-Brüdern ist auch eines zum Realismus, zu einem Kino, das Wirk­lich­keit abbilden, nicht phan­tas­ti­sche Alter­na­tiv­welten errichten will.

Bei Marg­he­ritas neuem Film läuft nicht alles nach Plan. Wir sehen sie bei der Arbeit und zu Hause, erleben, wie sie mit sich hadert, wie sie träumt. Sie will Realität zeigen, will rele­vantes Kino machen. Aber sie merkt, dass sie von der Welt immer weniger begreift. »Ich verstehe gar nichts mehr«, sagt sie einmal. Da wird auch noch ihre Mutter ins Kran­ken­haus einge­lie­fert. Viel­leicht muss sie bald sterben.

Marg­he­rita ist in einer Lebens­krise. Oder macht sie etwa alles falsch? Von allen Seiten bekommt sie jeden­falls unge­be­tene Ratschläge: »Marg­he­rita, mach doch endlich mal was Neues, was ganz anderes, ja. Ändere wenigs­tens mal eine deiner Methoden, eine der 200. Lass Dich ab und zu doch einfach mal gehen. Und nimm die Dinge leichter...«

Nanni Morettis neuer Film ist das Portrait dieser beiden Frauen, der Regis­seurin Marg­he­rita und ihrer Mutter Ada, sowie einer dritten, ganz jungen: Marg­he­ritas Tochter. In Rück­bli­cken, Tag- und Alpträumen ist dies vor allem eine Selbst­re­fle­xion der Haupt­figur, die in der Mitte zwischen Jugend und Alter steht und sich in Mutter und Tochter spiegelt.

Die Mutter der Regis­seurin ist Profes­sorin, und es gibt auch einen Erzähl­strang, der um die Latein-Nach­hil­fe­stunden kreist, die sie ihrer puber­tie­renden Enkelin regel­mäßig gibt. Darin erklärt sie indirekt auch uns im Publikum die Bedeutung von Latein und das Wesen der europäi­schen Kultur. Die Wohnung der alten Dame ist voll­ge­stopft mit Büchern. Viele von ihnen sind kaum jünger, als ihre Besit­zerin. »Was wird nur aus den Büchern werden, wenn Mutter tot ist?« fragt die Tochter verzwei­felt. Gute Frage, denn Bücher sind für die Lebenden. In einer der letzten Szenen sieht man – noch ist es ein Tagtraum – die leeren Regale. Die Bücher der Mutter und damit ihre Seele, sind in Kisten verpackt. Ein tref­fen­deres Bild für Abschied, für den Tod hat man lange nicht gesehen. Der Trost ist, dass ein Teil von der Groß­mutter wieder­auf­er­stehen wird, wenn diese Bücher zusam­men­bleiben und wieder in einer anderen Wohnung aufge­stellt werden.

Zugleich beschreibt der Film, der viele Fami­li­en­szenen zeigt, das Wesen von Familie und Mütter­lich­keit. Moretti beschreibt das Wesen von Verwandt­schaft, die Tatsache, dass es auch Ersatz­fa­mi­lien und Wahl­ver­wandt­schaften gibt, die kaum weniger bedeutend sind als die Kern­fa­milie: Die Männer sind gegenüber den Frauen eher Rand­fi­guren und manchmal unsen­sible Idioten – vor allem der Haupt­dar­steller des Films, den Marg­he­rita gerade dreht und den Holly­wood­star John Turturro als herrliche Karikatur zwischen Größen­wahn und Eitelkeit spielt. »Grande Regista! Grande, grande, grande!! Sensi­bi­lità!!!«

Mia Madre ist also eine selbst­re­fle­xive Film-im-Film-Komödie mit manchem Tiefgang – sie überzeugt auch als gescheiter Essay darüber, was eigent­lich Wirk­lich­keit bedeutet – und in vielen dichten, geist­rei­chen und witzigen Momenten. Es gibt Momente, wie die Erin­ne­rung Marg­he­ritas daran, wie sie in einer langen Schlange für den Film Der Himmel über Berlin anstand. Da ist der Film in jeder Hinsicht schön: Geist­reich, witzig, toll gemacht, wehmütig.

Dies ist gutes, im besten Sinne altmo­di­sches Unter­hal­tungs­kino, sehr europäisch, im ganzen Ton und Machart jenseits von Hollywood. Kinokunst ist harte Arbeit, auch in dieser ironi­schen Komödie über das Kino – »Es wird kein trauriger Film«, sagt Marg­he­rita ihrer Mutter einmal über ihre Arbeit. Das gilt auch für Mia Madre selbst.

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