The Million Dollar Hotel

Deutschland/USA 2000 · 122 min. · FSK: ab 12
Regie: Wim Wenders
Drehbuch:
Kamera: Phedon Papamichael
Darsteller: Jeremy Davies, Milla Jovovich, Mel Gibson u.a.

Wim Wenders erhält auf der Berlinale 2000 einen silbernen Bären für seinen neuen Film. Und das Geschrei ist erwar­tungs­gemäß groß. Wen man in den zwei Fest­spiel­wo­chen auch fragte, keiner konnte sich für den Eröff­nungs­film so richtig begeis­tern.
Warum, darüber könnte man lange speku­lieren, denn der Film ist bei Weitem nicht so schlecht, wie er gemacht wird. Wenders versteht ohne Zweifel sein Handwerk und präsen­tierte einen wohl­durch­dachten, gut kompo­nierten Film, geschlossen, wenn auch manchmal über­trieben elegisch erzählt.

Die erste Fahrt gibt die Richtung an. Die Kamera schwebt aus der Vogel­per­spek­tive langsam auf Höhe der Dächer von Los Angeles, macht auf dem des »Million Dollar Hotels« einen kurzen Zwischen­stop, um den »Helden« Tom-Tom aufzu­nehmen und ihn bei seiner letzten Entschei­dung, dem Sprung in die Tiefe, zu begleiten. Ein langer Anlauf und der Prot­ago­nist fällt in Richtung der Straße, wirft einen letzten Blick in die Zimmer der Bewohner des Hotels und unter­bricht die Zeitachse kurz vor dem tödlichen Aufschlag, um dem Zuschauer zu berichten, was ihn zu seiner Tat veranlaßt hat und wieso er gerade in diesem Augen­blick das Leben wunder­schön findet.
Topo­gra­phisch und thema­tisch ist The Million Dollar Hotel somit verankert. Es geht nach Unten, in die Niede­rungen der Gesell­schaft, zu den Outsidern, Freaks, die durch das soziale Netz gefallen sind. Die üppigen Bilder bilden ein Tableau, auf dem sich das Verdrängte, die Verges­senen entfalten können. Die Aufnahmen der Kamera verbinden das Innere des Gebäudes mit der Außenwelt. Die Geschichte dreht sich um das Verhalten und die seltsam fami­liären Bezie­hungen der Hotel­be­wohner und macht diese trans­pa­rent.
Die Krimi­nal­ge­schichte, die den Ausgangs­punkt der Erin­ne­rungen Tom-Toms bildet, bleibt eine Finte, eine lose Struktur, die die Bild­welten orga­ni­siert, ohne ein wirk­li­ches Span­nungs­mo­ment zu erzeugen.

Ein Millionärs­sohn ist ebenfalls vom Dach gefallen, sein reicher Vater ist überzeugt, dass es sich um einen Mord handeln muß und beauf­tragt den FBI-Agenten Skinner mit der Suche nach dem Schul­digen. Der Cop droht und mani­pu­liert, aber letztlich löst er sich von seiner »Who done it?« Frage­stel­lung um eine weitere Verbin­dungs­linie in das Hotel zu sein.

Mit seinem Stütz­kor­sett wirkt er zunächst wie ein verkappter Termi­nator, er ist hart, läßt die Dinge nicht an sich heran­kommen. Aber Stück für Stück befreit er sich von seiner bürger­li­chen Fassade (die Heirat in Italien/ Sonne und Strand). Seine Entwick­lung mündet in Iden­ti­fi­ka­tion und Sympathie mit den Parias. Nachdem er Eloise gerettet und sich dabei selbst verletzt hat, kommt die Wahrheit ans Licht: Er ist der König der Freaks, als Kind ist ihm ein dritter Arm aus dem Rücken gewachsen, er war das Prunkstück auf dem Jahrmarkt der anato­mi­schen Anomalien.

Skinner geht den Weg der Erzählung, es wird Stück für Stück die rauhe, häßliche Ober­fläche abge­kratzt, um im Inneren Wert­volles und Schönheit zu entdecken (analog zu den Teer­bil­dern, den Über­ma­lungen). Konkret sind das die abson­der­li­chen, aber deshalb nicht abscheu­li­chen Eigen­arten der Hotel­be­wohner, und die bezau­bernde Liebe zwischen Eloise und Tom-Tom.

The Million Dollar Hotel schafft es dabei, nicht in den Sozi­al­kitsch abzu­driften. Besonders die »perfect love affair« ist zwar hart an der Grenze, die Beziehung erlebt aber dennoch genug Brüche (Tom-Tom und Eloise schlafen NICHT mitein­ander). Es entsteht eine Art »poeti­scher« Verklä­rung, auf die man sich getrost einlassen kann.

Ein bißchen Sozi­al­kritik ist ja auch dabei. Der Umgang der Hotel­be­wohner mit den Medien, die nach dem Mordfall eine Sensation wittern, erinnert an Schlin­gen­siefs Wahl­kampf­pa­role »Beweise, dass es dich gibt!«. Sicht­bar­keit und damit Präsenz und damit Existenz im Reich des 24-Stunden-Fern­se­hens. Der Eintritt des Verdrängten in den öffent­li­chen Raum. Das Fernsehen als letzte Instanz der Wahr­heits­fin­dung, des Geständ­nisses. Realität entsteht da, wo eine Kamera läuft, wo es Bilder gibt, bewegte Bilder, die nicht mehr zu leugnen sind. Die Bewohner des Hotels haben sich mit Allem abge­funden, dem sozialen Abstieg usw. Aber die Behaup­tung, einer von ihnen sei ein Nichts hat auch in diesem Milieu dras­ti­sche Konse­quenzen.

Eine solche Geschichte zu verfilmen, den schmalen Grat zwischen sozialer Realität (wie man sie sich bereits aus anderen Diskursen zusam­men­ge­bas­telt hat) und im Main­stream Kino erzähl­barer Fiktion zu halten, schafft The Million Dollar Hotel ein ums andere Mal, zumal er auf wirklich über­zeu­gende Schau­spieler zurück­greifen kann. Und jenseits der Narration finden sich die Bilder. Das allein macht den Film sehens­wert. Wenn Wenders am Ende des Filmes von der Groß­auf­nahme des Gesichtes von Eloise in die Totale des Hotels über­blendet, dann ist das ein wunder­schönes, sugges­tives Bild.

Wenders ist ein reiz­voller Film gelungen, die Entschei­dung der Berlinale-Jury ist durchaus vers­tänd­lich. Es ist nicht alles deutsch, was nicht glänzt.

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