Das Mercury Puzzle

Mercury Rising

USA 1998 · 109 Minuten · FSK: ab 16
Regie: Harold Becker
Drehbuch: , ,
Kamera: Michael Seresin
Darsteller: Bruce Willis, Alec Baldwin, Miko Hughes, Chi McBride u.a.

Das Action-Puzzle

Action-Thriller beschäf­tigen sich angeblich mit unseren geheimsten Ängsten, die wir dann durch angucken derselben chocartig abbauen und bewäl­tigen. Sagen klügere Leute als wir. Irgendwas kann an dieser These aber nicht stimmen. Für diese Erkenntnis muß man nur einmal jene drei Action-Filme ansehen, die heute in die Kinos kommen (Mercury Rising, Firestorm, Octalus). Denn allen gemeinsam ist, daß die Macher ihren eigenen Stories nicht mehr über den Weg trauen, und sie deswegen crossover-mäßig verdop­peln, verdrei­fa­chen, oder einfach nur aufp­lus­tern, bis sie bersten.

Mercury Rising (im Deutschen mit dem auch formal verrä­te­ri­schen Titel Das Mercury Puzzle) ist dafür ein gutes Beispiel. Ein rätsel­haft schlechter Film, der zeigt, wie man es nicht machen darf, und den Zuschauer in erster Linie ratlos zurück­läßt.
Das liegt zum einen an der bei den Haaren herbei­ge­zo­genen Story und an den derben Klischees, mit denen hier operiert wird. Bruce Willis spielt wieder einmal einen heldenk­li­schee­mäßigen Sturkopf, der bei seinen Vorge­setzten aneckt und die Probleme des Lebens nach dem Motto »Erst schießen, dann fragen« regelt.
Außerdem ist er ungemein kinder­lieb. So wunder­voll sensibel, einfühlsam und voraus­den­kend kümmert sich der Mann um einen behin­derten Jungen, daß man wissen möchte, weshalb er als Schla­getot der Polizei und nicht als Kinder­päd­agoge des Jugend­amts sein Brot verdient. Und warum hat der Mann keine eigenen Kinder ? Hier fehlte eigent­lich nur noch eine Rück­blende, die schildert, wie die Willis-Kids bei einem fehl­ge­schla­genen Einsatz irgend­einer US-Special Force derbatzt worden sind.
Alles strotzt vor Hand­lungs­frag­menten, die man schon hundertmal im Fernsehen gesehen hat, hinzu kommt noch deren zynischer, weil rein funk­tio­naler Gebrauch: Wenn dann in der Mitte des Film noch eine Frau aufge­taucht wird, macht das für die Geschichte keinen Sinn. Herzlos erzählt ist es auch, der Regisseur inter­es­siert sich für die Frau keinen Deut, sie soll einfach nur kurz auftau­chen, und es muß irgendwie erklärt werden, was sie in der Story zu suchen hat. Warum das geschieht ? Allein damit eindeutig klar ist, daß Willis auch in sexueller Hinsicht one of us ist.

Willis also ist der heroische Geset­zes­hüter, gestreßt, dabei cool und irgendwie immer witzig. Alec Baldwin ist der Böse, er argu­men­tiert mit Patrio­tismus und wie Clinton: »America is one big team«. Fielen solche Sätze in klügeren Filmen ließe sich hier die Frage anschließen, ob jemand meta­pho­risch die ideo­lo­gi­sche Schön­fär­berei wirt­schaft­lich-gesell­schaft­li­cher Verän­de­rungen schildern möchte. Aber das wäre weißgott zuviel Gedan­ken­ar­beit in Mercury Rising inves­tiert. Die einzige Sorge die die Macher offenbar tatsäch­lich umtrieb, scheint die Frage gewesen zu sein: »Wie zeigen wir in all dem Verschwö­rungs­un­flat, daß das System doch noch funk­tio­niert ?«. Zweifeln darf man als Zuschauer schon ein wenig, aber am Ende funk­tio­niert's natürlich.

Handelte es sich nun um das neueste Werk von David Lynch, dann würde manches noch einen Sinn bekommen. Man würde Mercury Rising als grandiose Satire und als surreale Dekon­struk­tion des Action-Films einordnen. (So schwach­sinnig, wie das Ende gemacht ist, liegt die Vermutung nahe, das es sich um Absicht handeln muß). Dummer­weise ist es aber ein Film von Harold Becker. Wo man sich bei Lynch hätte sicher sein dürfen, daß er sein Handwerk beherrscht, und Fehler, plumpe Dumm­heiten, Kitsch etc. nur eingebaut hat, um tiefere Bedeutung zu trans­por­tieren, und den Action-Film ad absurdum zu führen, muß man bei Becker befürchten, daß er all das nur gar zu ernst meint.

Und auch Bruce Willis' schlappe Perfor­mance tut nichts, um den Film zu retten. Weil Becker dies wohl selbst geahnt hat, kommt in der Story auch noch ein mitleid­er­re­gender 8jähriger Autist vor, der natürlich -wie schön ist es behindert zu sein- zugleich ein Genie und der McGuffin des Films ist. Und der tappelt dann autis­tisch durch die Straßen, Willis muß ihn wieder einfangen, und dabei auch noch vor bösen Patrioten schützen. Alles in allem ist das Puzzle eine saudumme Kreuzung aus Die Hard und Rainman, ohne Bomben und ohne Dustin Hoffmann, die man sich nur als surreale Groteske rein­ziehen kann, oder bekifft, mit 3 Bieren intus.

top