| Frankreich/B 2025 · 99 min. · FSK: ab 6 Regie: Philippe Lacheau Drehbuchvorlage: André Franquin Drehbuch: Philippe Lacheau u.a. Kamera: Pierric Gantelmi d'Ille Darsteller: Philippe Lacheau, Jamel Debbouze, Tarek Boudali, Élodie Fontan, Julien Arruti u.a. |
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| Huba? Huba! | ||
| (Foto: Splendid Film / 24 Bilder) | ||
Es gibt kaum ein Genre, das derzeit zuverlässiger Ermüdungserscheinungen hervorruft als die Realverfilmung erfolgreicher Comics und Animationsfilme. Kaum hat man sich von der letzten Live-Action-Version irgendeines Klassikers erholt, steht schon die nächste vor der Tür. Sei es der Mufasa: Der König der Löwen oder gerade erst Vaiana, die zeigen, dass sich fotorealistische Neuauflagen selten gegen die Fantasie ihrer gezeichneten Vorbilder behaupten können. Warum also ausgerechnet jetzt das legendäre Marsupilami? Warum die Verfilmung einer Figur, deren Charme doch gerade darin besteht, jeder Realität zu trotzen?
Die Überraschung ist: Philippe Lacheaus Marsupilami funktioniert. Vielleicht gerade deshalb, weil er gar nicht erst versucht, André Franquin sklavisch zu adaptieren.
Puristen werden vermutlich schon nach wenigen Minuten die Stirn runzeln. Wo sind Spirou und Fantasio, mit denen der Marsupilami einst seinen ersten Auftritt hatte? Wo die Expeditionen in den südamerikanischen Dschungel Palumbiens, die den Mythos der Figur begründeten? All das interessiert Lacheau nur am Rande. Sein Film löst das Marsupilami beinahe vollständig aus seinem ursprünglichen Universum heraus und verwandelt ihn in den Auslöser einer überdrehten Abenteuerkomödie.
David soll aus beruflichen Gründen ein mysteriöses Paket aus Südamerika nach Europa bringen. Gemeinsam mit seiner Ex-Freundin Tess, seinem Sohn und einem reichlich überforderten Kollegen geht es an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. Natürlich weiß niemand, was sich in dem Paket befindet. Natürlich öffnet es der Falsche. Und natürlich springt kein gefährlicher Schmuggelgegenstand heraus, sondern ein Baby-Marsupilami, das innerhalb kürzester Zeit das gesamte Schiff in eine einzige Katastrophenzone verwandelt.
Die Handlung ist dabei weniger wichtig als ihr Tempo. Denn Lacheau interessiert sich kaum für Plausibilität. Er interessiert sich für Eskalation: Menschen fliegen durch die Luft, Türen explodieren, Körper prallen gegeneinander, Verfolgungsjagden geraten zur choreografierten Slapstick-Orgie. Das besitzt bisweilen eine erstaunliche, sehr erfrischende, weil unkonventionelle Rücksichtslosigkeit. Kinder fliegen hier genauso elegant durch die Gegend wie Erwachsene. Autoritäten werden ebenso verprügelt wie Ganoven. Selbst vermeintlich moralisch überlegene Figuren bleiben von der allgemeinen Lächerlichkeit nicht verschont.
Genau darin kommt der Film Franquin näher, als man zunächst vermuten würde. Denn wer den belgischen Zeichner ausschließlich über das Marsupilami kennt, vergisst leicht, wie anarchisch sein Humor eigentlich war. Gerade Reihen wie Gaston oder die bitterbösen Schwarzen Gedanken lebten von einer Komik, die keinerlei Ehrfurcht vor Institutionen, Hierarchien oder gut gemeinten Botschaften kannte. Franquins Slapstick war nie bloß harmloser Klamauk, er besaß immer auch die Lust am Kontrollverlust und ganz nach dem Lebensprinzip, dass das gesamte Werk durchzieht: „Mit Humor macht man das Unglück müde“.
Diesen Geist übernimmt Philippe Lacheau erstaunlich präzise. Nicht die Figuren. Nicht die Geschichten. Aber die Haltung. Dass dabei fast jede Form pädagogischer Absicherung über Bord geht, gehört zu den Stärken des Films. Marsupilami möchte seine Zuschauer nicht erziehen. Er möchte sie zum Lachen bringen. Und zwar möglichst hemmungslos.
Manchmal fühlt sich das beinahe wie eine französische Variante von Peter Meisters wunderbarer Krimikomödie Das schwarze Quadrat an. Auch dort setzt eine ebenso absurde wie wertvolle Fracht an Bord eines Kreuzfahrtschiffes eine Kette immer groteskerer Ereignisse in Gang. Auch hier wird das Kreuzfahrtschiff zur perfekten Bühne für Missverständnisse, Verfolgungen und slapstickhafte Zerstörung.
Natürlich ist nicht jeder Gag ein Treffer. Manche Übertreibung läuft ins Leere, manche Pointe wird etwas zu lange ausgewalzt. Doch selbst dann besitzt der Film eine ansteckende Spielfreude, die viele sorgfältiger konstruierte Familienfilme schmerzlich vermissen lassen. Am Ende bleibt deshalb weniger eine gelungene Comicverfilmung als eine überraschend gelungene Komödie.