Der Manchurian Kandidat

The Manchurian Candidate

USA 2004 · 129 min. · FSK: ab 12
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: , ,
Kamera: Tak Fujimoto
Darsteller: Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise u.a.
An der Wand zum Wahnsinn: Ben Marco (Denzel Washington)

Mir ist die Welt abhanden gekommen

Ganz beiläufig hat sich in den letzten Jahren im Kino ein Genre heraus­ge­bildet, das sich einer­seits in bekannten Grenzen vom psycho­lo­gi­schen Dramen über Science-Fiction bis zum Thriller bewegt, ande­rer­seits aber auch Filme hervor­bringt, die in keine der üblichen Schub­laden passen.

Es sind dies Filme, die man noch am ehesten mit dem Begriff Realitäts­ver­lust­filme zusam­men­fassen kann und in denen es um das Schicksal eines oder mehrerer Menschen geht, deren alltäg­li­ches Leben aufgrund uner­klär­li­cher Ereig­nisse aus den Fugen gerät, wenn nicht gar zusam­men­bricht. Beispiele hierfür waren in letzter Zeit Oldboy, In The Cut und ganz aktuell Die Verges­senen, Der Maschi­nist und Jonathan Demmes neuer Film Der Manchu­rian Kandidat.

Die Welt von Major Marco (Denzel Washington) scheint einen Knacks zu haben, seit er aus dem ersten Golfkrieg zurück ist. Auch wenn er vor Pfand­fin­dern sachlich den helden­haften Kriegs­ein­satzes für das Vaterland beschreibt, quälen ihn nachts doch fürch­ter­liche Träume und Visionen, die sich auch nicht durch psycho­lo­gi­sche Behand­lungen und Medi­ka­mente zur Linderung seines diagnos­ti­zierten Golf­kriegs­syn­droms vertreiben lassen.
Darum ist Marco davon überzeugt, dass etwas Anderes als der übliche Kriegs­wahn(sinn) hinter seinen Ängsten steckt. Eine zentrale Rolle in seiner Erin­ne­rung spielt dabei ein Hinter­halt, in den Marco mit seiner Einheit damals geriet und den er und die Mehrzahl seiner Leute nur durch den helden­haften Einsatz von Sergeant Raymond Shaw (Liev Schreiber) über­lebten. Im Gegensatz zu seinen Kameraden, die an der Erin­ne­rung an dieses Ereignis verzwei­felten und nun verrückt oder tot sind, hat es Shaw zum aussichts­rei­chen Kandi­daten für das Amt des Vize­prä­si­denten gebracht.

Marcos Versuche, durch Gespräche mit Shaw Klarheit über die Vergan­gen­heit und ihre Auswir­kung auf die Gegenwart zu erlangen, wecken nur weitere Zweifel, die seine Umwelt als para­no­iden Wahnsinn abtut. Doch Marco hat nichts mehr zu verlieren, weshalb er sich aufmachten, zwischen diversen Fronten gegen über­mäch­tige Gegner anzu­treten, um den Vorgängen in seinem Kopf einen Sinn zu geben. Wie nicht anders zu erwarten, steckt eine gigan­ti­sche Verschwö­rung hinter allem.

Man sollte nicht den Fehler machen, Der Manchu­rian Kandidat leicht­fertig in einen Topf mit all den (meist flachen) Filmen über die »geheimen Mächte«, die angeblich die Welt regiere (wollen), zu werfen. Um Verschwö­rungs­theo­rien geht es Demme nur entfernt, weshalb auch relativ bald im Film klar ist, wie der Hase läuft und wer hinter all dem steckt (was eigent­lich schon im Titel des Films verraten wird).
Die Haupt­themen von Der Manchu­rian Kandidat sind eben kein weiteres 1984-Big-Brother-Horror-Szenario, sondern vielmehr der Iden­ti­täts­ver­lust zweier Männer, die Abgründe des mensch­li­chen Macht­stre­bens (von der Geschäfts- und Poli­tik­welt bis hinein in die Familie) und die viel­fäl­tigen Möglich­keiten der Mani­pu­la­tion.

Natürlich kann man in diesem Film eine kritische Ausein­an­der­set­zung mit den aktuellen poli­ti­schen Verhält­nissen in Amerika, vor allem im Umfeld der letzten US-Präsi­den­ten­wahl sehen, doch solche Kritik ergibt sich eher en passant. Das, was Der Manchu­rian Kandidat an poli­ti­schem Ränke­spiel (sehr gelungen und präzise wohl­ge­merkt) aufzeigt, hat man im Vorfeld der US-Wahlen ausführ­lich auch den Medien entnehmen können.
Die poli­ti­sche Brisanz, die der originale Manchu­rian Kandidat von John Fran­ken­heimer aus dem Jahr 1962 hatte (wobei man darüber streiten kann, wieviel dieser Brisanz ihm erst nach dem Attentat auf J. F. Kennedy zuge­schrieben wurde), ist in der aktuellen Version »nur« noch ein kleiner Teil­as­pekt.

Ich würde sogar so weit gehen, Demmes Film als weit­ge­hend unpo­li­tisch zu bezeichnen, auch wenn das ange­sichts seiner Handlung als paradox erscheinen mag. Aber alle Verweise auf den Golfkrieg, auf die ameri­ka­ni­sche Sicher­heits­lage, auf die Wahl usw. sind nur das Hand­lungs­gerüst für die zentralen Konflikte von Marco und Shaw, die sich der Welt, in der sie leben, nicht mehr gewiss sein können.
Beispiel­haft zu sehen ist dies etwa an den im Film allge­gen­wär­tigen Sicher­heits­kon­trollen, die Marco durch­läuft. Darin kann(!) man natürlich Kritik gegen die hyste­ri­sche Heim­si­cher­heits­po­litik Amerikas sehen, aber wahr­schein­li­cher ist, dass sie Demme in erster Linie als will­kom­mene Span­nungs­ele­mente dienen.

Das gleiche gilt für die alles über­span­nende Verschwö­rung, deren gefähr­li­ches Ziel Demme nie wirklich heraus­stellt. Vorrangig ist die Verschwö­rung ein großer MacGuffin, der für die Schwie­rig­keiten der Haupt­fi­guren verant­wort­lich ist.
Entspre­chend unwichtig ist es auch, wie »logisch« die Auflösung des Films ist, da es hier (wie in allen anderen Realitäts­ver­lust­filmen) darum geht, den Vers­tö­rungs­pro­zess eines Menschen zu zeigen und es dabei zweit­rangig ist, diese Vers­tö­rung zum Schluß auch noch zwingend sachlich zu begründen.
Übli­cher­weise braucht man am Ende eines solchen Films ein Deus ex Machina, um die vorher­ge­henden, uner­klär­li­chen Ereig­nisse doch irgendwie zu erklären, wofür es verein­facht gesagt drei Möglich­keiten gibt: Über­sinn­li­ches bzw. -irdisches, der eigene Kopf (Traum, Wahn, etc.) oder der große Plan im Hinter­grund (Verschwö­rung, perfides Spiel, etc.), der auch im Manchu­rian Kandi­daten bemüht wird.
Bei der Auflösung solcher Filme geht es weniger um Wahr­haf­tig­keit, als vielmehr um Wahr­schein­lich­keit.

Was die tech­ni­sche Umsetzung betrifft, kann man erfreut fest­stellen, dass Demme im Manchu­rian Kandi­daten endlich wieder an die Inten­sität, die Das Schweigen der Lämmer zu einer solchen Kinoikone werden ließ und die seinen darauf folgenden Filmen weit­ge­hend fehlte, heran­kommt.
Eine von Anfang bis zum Ende fesselnde Handlung (obwohl die Momente des klas­si­schen suspense sehr dünn gesät sind), hervor­ra­gende Schau­spieler im perfekt abge­stimmten, äußerst inten­sivem Zusam­men­spiel, Bilder zwischen berü­ckender Schönheit und sach­li­cher Expres­si­vität, Szenen die ergreifen, verstören, über­ra­schen, scho­ckieren und eine geschickt einge­setzte Filmmusik, die die schwer zu fassende Grund­stim­mung des Films zusätz­lich unter­streicht.

Meis­ter­lich gelingt es Demme, den Zuschauer an der schau­rigen Mischung von absoluter Einsam­keit, Zusam­men­bruch jeder Gewiss­heit, kafka­esker Bedrohung und drama­ti­schem Kontroll­ver­lust, die Marco und (fast noch schlimmer) Shaw wider­fährt, teilhaben zu lassen. Es sind dies keine angenehme Gefühle, doch wie bei einem Horror­film, kann man aus der Sicher­heit des Kino­ses­sels heraus ein ganz einzig­ar­tiges »Vergnügen« daran finden.
Wer mehr Lust auf diese Art der kontrol­lierten Vers­tö­rung hat, dem sei an dieser Stelle auch Der Maschi­nist von Brad Anderson ans Herz gelegt.

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