| Bulgarien/D/CZ 2025 · 109 min. · FSK: ab 12 Regie: Stephan Komandarev Drehbuch: Stephan Komandarev, Simeon Ventsislavov Kamera: Vesselin Hristov Darsteller: Gergena Pletnyova, Todor Kotzev, Gerasim Gerogiev, Anastasia Ingilizova, Ivaylo Hristov u.a. |
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| Kein Trost, aber Klarheit... | ||
| (Foto: jip film) | ||
Es gibt Filme, die rekonstruieren eine Krise. Und es gibt Filme, die nutzen sie als Sezierbesteck. Made in EU von Stephan Komandarev gehört zur zweiten Kategorie. Was wie ein Pandemie-Drama beginnt, entpuppt sich als bitteres Protokoll einer Gesellschaft im postsozialistischen Dauerfieber – und als Anklage gegen ein Europa, das seine Werte gerne etikettiert, aber selten vernäht.
Iva (überragend: Gergana Pletnyova) arbeitet in einer Textilfabrik in einem bulgarischen Kaff, in dem die Wahl zwischen Mine und Nähmaschine nicht metaphorisch, sondern existenziell ist: Pest oder Cholera, Staublunge oder Akkordschicht. Zehn, zwölf, vierzehn Stunden am Tag. Wer fehlt, verliert den Bonus. Wer den Bonus verliert, verliert die Hälfte des Gehalts. Für eine Witwe, deren Mann in der Mine starb, ist das keine abstrakte Drohung, sondern die Arithmetik des Ruins. Also geht sie krank zur Arbeit. Der Husten bleibt, Iva kippt um, Diagnose: Covid-19 und scheinbar die erste Überträgerin der Krankheit in der Stadt.
Was folgt, ist Hexenjagd im Zeitraffer. Freundschaften zerbrechen, Nachbarn spucken Gift, in der Motorhaube ihres Autos stecken eines Nachts drei Spitzhacken. Komandarev zeichnet diese Eskalation mit fast dokumentarischer Nüchternheit: blasse Farben, wenig Musik, Handkamera, Gesichter im Gegenlicht. Das erinnert an das britische Arbeiterkino eines Ken Loach, an eine Tradition, in der Empörung nicht deklamiert, sondern beobachtet wird. Und doch ist dieser Film zutiefst osteuropäisch. Die postsozialistische Tristesse liegt wie Staub auf allem.
Ein Satz fällt im Film wie ein beiläufig hingeworfener Befund und hallt doch lange nach: „Es gibt keine glücklichen Auswanderer.“ In dieser lakonischen Feststellung verdichtet sich eine ganze Generationserfahrung – das Versprechen vom Westen als Erlösungsraum, das sich allzu oft als neue Abhängigkeit entpuppt. Und ein zweiter Satz trifft noch härter: »Was sie uns damals über den Kommunismus erzählt haben, war alles eine Lüge, aber was sie über den Kapitalismus erzählt haben, war alles wahr.« Das ist keine nostalgische Verklärung, sondern eine bittere Diagnose. Komandarev lässt diesen Satz stehen, ohne ihn auszubuchstabieren – und gerade deshalb wirkt er wie ein Riss im Fundament.
Denn natürlich ist Iva der perfekte Sündenbock. Während in der Fabrik Fensterreiniger als „Desinfektionsmittel“ ausgegeben wird, Näherinnen Schulter an Schulter schuften und Gesundheitsinspekteure mit zwei Gratis-Anzügen milde gestimmt werden, bleibt das eigentliche System unangetastet. Der italienische Besitzer – Sonnenbrille als Dauer-Maske – denkt in Quoten, nicht in Menschen. „Made in EU“ prangt auf den Labels, als wäre es ein Gütesiegel. Komandarev fragt leise, aber unerbittlich: Qualität für wen? Sicherheit für wen? Solidarität für wen?
Der einzige halbwegs Vernünftige ist ein alter Arzt, der die Mechanik aus Angst, Korruption und Wegsehen durchschaut – zu spät, zu leise. Blackmailing, Bestechung, medialer Pranger: Der COVID-Irrsinn wird hier nicht als globales Schicksal, sondern als lokales Machtinstrument gezeigt. Und doch erlaubt sich der Film subtile Ironie. Eine schiefe Naht an einem „Made in EU“-Label wird zum visuellen Leitmotiv. Ein kleiner Fehler im Stoff, ein Riss im Versprechen. Das Ende spielt damit noch einmal – mit einem Hauch von bitterem Humor, der gerade deshalb funktioniert, weil er nicht erlöst.
In der zweiten Hälfte dreht der Film vielleicht eine Runde zu viel durch die Spirale der Anklage. Und kurz vor Schluss lässt er seine „Show, don’t tell“-Strenge fallen und greift etwas zu vehement zum moralischen Dampfhammer. Das ist weniger elegant als der Rest, weniger ambivalent, fast schon zu explizit. Aber es schmälert nicht die Wucht, mit der dieser Film dann doch immer wieder sehr zielgenau trifft.
So düster und konsequent wie Komandarevs vor zwei Jahren in Deutschland gezeigtes Sozialdram, Eine Frage der Würde – Blagas Lessons, so wirkt auch Made in EU wie ein Schlag in die Magengrube – das so wie sein letzter Film – damals mit Eli Skorcheva – nun ebenfalls von einer großen Hauptdarstellerin getragen wird, die Ivas stille Würde nie verrät. Komandarev interessiert sich nicht für Hochglanznarrative eines geeinten Europas. Er interessiert sich für die Nahtstellen, für das, was ausfranst, wenn der Stoff zu sehr gespannt wird.
Am Ende bleibt kein Trost, aber Klarheit. Und vielleicht ist das mehr, als man von einem Film verlangen darf.