Männerzirkus

Someone Like You...

USA 2001 · 97 Minuten · FSK: ab 12
Regie: Tony Goldwyn
Drehbuch:
Kamera: Anthony B. Richmond
Darsteller: Ashley Judd, Greg Kinnear, Hugh Jackman, Marisa Tomei, Ellen Barkin u.a.

Das Leben nach dem Beichtstuhl in New York

Gott ist tot, der Beicht­stuhl hat ausge­dient. So viel weiß der moderne Mensch. Mal ausge­nommen Nortons Glauben ist alles! macht das Kino auch einen immer größeren Bogen um Kirchen, Pfarrer und Beicht­s­tühle. Zelluloid scheint eher geeignet den Vollzug, die Details der Sünden in immer neuen Varia­tionen zu verfolgen, als der Reue und Vergebung eben jener Verfeh­lungen einen Platz einzu­räumen (es sei denn es kommt zum letzten Gefecht zwischen Gott, dem Teufel und einer belie­bigen Hollywood-Prominenz. Schwar­ze­negger zum Beispiel...). In The Mask of Zorro wurde es nur zu offen­sicht­lich: wer als Kame­ra­mann den Beicht­stuhl betritt kann nicht Fahren, kann kaum Schwenken, der Raum ist einfach zu klein, man muss sich also für Auflö­sungen entscheiden, die irgend­wann zu Beginn des Jahr­hun­derts viel­leicht noch für Aufsehen gesorgt haben. Und jetzt, nach dem allmäh­li­chen Verschwinden des Chris­ten­tums scheint der öffent­liche Platz des Geständ­nisses par exellence der Fern­seh­bild­schirm zu sein. Man hat das in Notting Hill gesehen, in Bamboozled, man sieht es jeden Nach­mittag auf mindes­tens fünf Kanälen. Seelsorge überall, Buße und Sühne, multi­me­dial in jedem Wohn­zimmer. Die großen Offen­ba­rungen, die Momente, in denen Menschen so ganz bei sich zu sein scheinen und endlich mit der WAHRHEIT heraus­rü­cken. Je mehr Augen zuschauen, desto größer die Vergebung, desto sicherer der Platz im Paradies derje­nigen, die auch mal für 15 Minuten berühmt waren. Und wo sonst sollte Jane Goodale, die Heldin des Männ­erzirkus, zu sich selbst kommen?

Jedoch ist das Geständnis ja immer der Schluss des Films, die Erlösung und Auflösung und bis es dazu kommt, muss Jane noch einige andere Hinder­nisse aus dem Weg räumen, die emotio­nalen Span­nungen aufbauen, die dann gelöst werden können. Sie ist Gäste-Scout für eine Talkshow, das heißt, sie soll Frisch­fleisch zum Plaudern ranschaffen. Schicke Wohnung, schickes Leben, neuer Freund, ein Märchen­prinz. Alles wunderbar. Bis der Traummann einen Rück­zieher macht. Eigent­lich wollten die Zwei auf einem weißen Schimmel in die neue gemein­same Wohnung reiten, aber am Ende sitzt Jane ganz alleine ihrem Gaul. Von allen Männern enttäuscht muss sie zu allem Überfluss auch noch bei ihrem Kollegen Eddie einziehen, einem noto­ri­schen Weiber­helden, der dennoch irgendwie sympa­thisch ist, weil er in seiner Offenheit immer wieder seine Verletz­lich­keit offenbart und dem vers­tänd­nis­voll-verklemmten und dennoch egomanen Prinzen Ray gegenüber­ge­stellt ist. Man ahnt es schon, Jane und Eddie werden zusam­men­finden, am Ende, wenn per Kabel alles gesagt wird und in der jetzigen Konstel­la­tion bietet der Plot genügend Potenzial für 90 amüsante Minuten.

Es ist alles hübsch und effektiv in Szene gesetzt, New York in der Gegenwart, Bezie­hungs­ver­wir­rungen und Irrungen wie in »Friends«, der Sitcom der 90´er, von der man sich auch ästhe­tisch so einiges abgeguckt hat. Kapi­telein­tei­lungen wie in »Frasier«, schon hier drängt das Fernsehen in das Kino Goldwyns. Aber ein Film ist länger als die Folge einer Serie und so kann Männ­erzirkus ein bisschen genauer hinsehen, den Auf und Abs, die in ständiger Wieder­ho­lung die Fern­seh­helden umkreisen, auf den Grund gehen. Theo­rie­bil­dung. Ein Sprung, ein Umschnitt auf einen Bauern, der uns erklärt, dass ein Bulle eine Kuh niemals zweimal besteigen wird. So ein Tier ackert sich durch den Stall und muss schließ­lich gegen den Bullen vom Ende der Strasse einge­tauscht werden, damit die Dinge ihren Lauf nehmen können, die Kühe schwanger bleiben, die Milch fließt. Da arbeitet sich Jane ab an abstrakten Konzepten, überträgt das Anima­li­sche auf das Maskuline und will so ihre eigene Einsam­keit, den Umstand, dass sie verlassen worden ist, im Zuge »post­fe­mi­nis­ti­scher« Konstrukte und dem allge­meinen Feindbild »Mann« zum Verschwinden bringen. Sie phan­ta­siert sich in ein alter ego und schreibt von nun an Kolumnen gegen die feind­liche Welt des anderen Geschlechts, die scheinbar nur eine halbe Gene­ra­tion aus den Niede­rungen der Tierwelt heraus­ge­wachsen ist. Daneben das Melodram mit Eddie, die Beiden kommen sich näher, distan­zieren sich usw. Die aktuelle Geliebte Eddies kommt aus dem Schlaf­zimmer, gerade als Jane ihm, nur mit Slip und T-Shirt bewaffnet, die Cheer­leader-Auffüh­rung der erfolg­rei­chen und vergangen High­school­jahre vorführen darf. Da gibt es einen kurzen Moment der Nähe, Jane darf die Riten der ameri­ka­ni­schen High­school-Mädchen aufführen, ganz Frau sein. Und wird zunächst doch wieder auf die alten Erklä­rungs­muster zurück­ge­worfen.

Die Auflösung der Konflikte erfolgt dann eher nach den Regeln des Genres als nach der inneren Logik der Geschichte. Die Neben­hand­lungen hängen ein Stück weit in der Luft und ihr Auftau­chen am Ende scheint ein bisschen konstru­iert. Aber das ist ja der Vorteil der Fern­seh­beichte: Alle Charak­tere finden sich ein, versam­meln sich vor der jewei­ligen Matt­scheibe und alle sind somit präsent, ohne denselben Raum einnehmen zu müssen. Sozusagen Montage auf einer höheren Ebene. Jane findet in ihrem Monolog mit der Liveka­mera das »Wahre«, das »Echte« und warum sie es ausge­rechnet hier findet, Auge in Auge mit dem Monster Fernsehen, das norma­ler­weise alles ins Reich der Mani­pu­la­tion drängt, bleibt wohl vorerst ein Geheimnis. Fernsehen, Kino, Wunsch­ma­schine.

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