Ein Mann – ein Mord

Grosse Pointe Blank

USA 1997 · 107 min. · FSK: ab 16
Regie: George Armitage
Drehbuch: , ,  u.a.
Kamera: Jamie Anderson
Darsteller: John Cusack, Minnie Driver, Alan Arkin, Dan Aykroyd u.a.

Klas­sen­treffen sind eine Geißel Gottes. Wer hätte diese Erfahrung wohl noch nicht gemacht. Schlimm genug, wenn man einen Ehema­ligen unvor­be­reitet in der U-Bahn trifft. Da heißt es dann unbe­fangen aus dem Alltag schwätzen und immer schön Wieder­se­hens­freude heucheln – obwohl man so ein gutes Buch dabei gehabt hätte.

Klas­sen­treffen sind wie die Spie­gel­ka­bi­nette auf dem Jahrmarkt. Da verzerren sich Perspek­tiven. Da werden Biogra­phien gefälscht, Erfolge frisiert, Lebens­li­nien begradigt. Da freut man sich plötzlich, die Rotznase wieder­zu­sehen, der man auf dem Schulhof am liebsten eins auf die Vorder­zähne gegeben hätte. Da führt man munter Grund­satz­dis­kus­sionen mit dem Streber, dem man nie etwas zu sagen hatte. Ging dem Reife­zeugnis einst das musi­ka­li­sche Triumph­ge­heul »School´s out« voraus, stimmen wir anläßlich des fünf-, zehn- oder gar fünf­zehn­jäh­rigen Jubiläums ein in den Schun­kel­re­frain »Wie schön war doch die Jugend­zeit«. Die vier apoka­lyp­ti­schen Reiter haben Zuwachs bekommen: in die Phalanx Hunger, Tod, Pest und Krieg reiht es sich nahtlos ein: das Klas­sen­treffen.

Dieser Meinung ist auch Martin Blank, der sich eigent­lich nicht zu verste­cken brauchte. Schließ­lich ist er ein »handsome devil« und weit gebracht hat er es auch. Ein typisch ameri­ka­ni­scher Junge ist er, aus der typisch ameri­ka­ni­schen Klein­stadt Grosse Pointe in Michigan. Zehn Jahre nach Been­di­gung der High­school trägt er im Stil der echten Yuppies schwarze Desi­gner­an­züge, das Geschäft läuft gut, sogar zu der eigenen Sekre­tärin reicht es. Da darf auch die (nicht nur) typisch ameri­ka­ni­sche Sinnkrise nicht fehlen, an der in der typisch ameri­ka­ni­schen Psycho­the­rapie gefeilt wird. Und – last but not least – wie jeder echte Ameri­kaner hegt Martin Blank eine schier unüber­wind­liche Abneigung gegen Orga­ni­sa­tionen jeder Art. Indi­vi­dua­listen brauchen keine Gewerk­schaft, auch wenn ein Berufs­kol­lege Martin nur allzu gerne für ein derar­tiges Projekt gewinnen möchte. In diese Idylle platzt nun die Einladung zum Klas­sen­treffen und Martin hat ein Problem: wie nämlich verkauft man den ehema­ligen Mitschü­lern die Karriere als Profi­killer?

Grosse Pointe Blank (das Wortspiel des Originals Grosse Pointe – point blank – Martin Blank kann der deutsche Titel Ein Mann – ein Mord wieder einmal nur unzu­rei­chend umsetzen) ist eine respektlos-rüde schwarze Komödie, die sich gar nicht erst den Anschein gibt, eine diffe­ren­zierte Einstel­lung zu dem pädago­gisch wert­vollen Thema der Gewalt einnehmen zu wollen. Regisseur George Armitage läßt die sattsam bekannten Prot­ago­nisten aus Pulp Fiction in Form von lebens­großen Papp­maché­fi­guren Spalier stehen, wenn es zum Shootout kommt.

Wer eine Tarantino-Kopie erwartet, wird aller­dings enttäuscht werden. Vielmehr scheint sich der Film hier lustig zu machen über eine Erschei­nung, die sich an die Fersen der Film­kritik geheftet hat wie der Hund von Basker­ville. Die Unsitte nämlich, jeden Streifen Zelluloid, in dem Ameri­kaner ihr verfas­sungs­mäßig abge­si­chertes Recht auf das Tragen einer Waffe in Anspruch nehmen, flugs mit Quentins Genie­streich zu verglei­chen (der viel­leicht gar kein so gewal­tiger Genie­streich war, aber da hat die Zeit wohl ähnlich verklä­rende Effekte wie auf die Erin­ne­rung an selige Schul­stunden).

Grosse Pointe Blank bietet ein (Mündungs)Feuerwerk an sprit­zigen Dialogen, die rück­sichts­lose Demontage der ameri­ka­ni­schen Klein­stadt­idylle, ein Klas­sen­treffen mit Leiche im Keller (das im wahrsten Sinne des Wortes) und lebt nicht zuletzt von den gran­diosen Darstel­lern. John Cusack entfaltet als smarter Auftrags­mörder mit ganz alltäg­li­chen Sorgen unge­ahntes komö­di­an­ti­sches Talent. Kollege Dan Ackroyd, der mit allen Mitteln eine Gewerk­schaft für Profi­killer ins Leben rufen möchte, darf im Finale den wohl uname­ri­ka­nischsten Satz aller Zeiten über­zeu­gend zum Besten geben: Arbeiter aller Länder vereinigt euch!

Daß Armitage den Tiefgang dennoch nicht scheut, soll niemanden schrecken und hier auch nicht als Drohung formu­liert werden. Er tut dies nämlich so unauf­dring­lich und konse­quent komisch, daß sich der Zuschauer nicht zur Reflexion genötigt fühlen muß. Trotzdem macht sich Grosse Pointe Blank immer auch ganz gewaltig lustig über die harmo­ni­schen Fantasien vom ameri­ka­ni­schen Alltag. Sei es der Therapeut, der seinem Klienten längst die Sitzungen gekündigt hat, aber nicht wagt, den Raus­schmiß durch­zu­setzen (schließ­lich weiß Blank ja, wo der Herr Doktor wohnt) oder das heimat­liche Reihen­haus, das so gar nicht mehr aussieht, wie der Heim­keh­rende es in Erin­ne­rung hatte – Armitage verwei­gert seinen Prot­ago­nisten senti­men­tale Verklä­rung ebenso wie bier­ernsten Realismus. Viel­leicht können wir gerade deswegen lachen über das, was in unserer Gesell­schaft eigent­lich nicht zum Lachen frei­ge­geben ist: der Seiten­hieb auf den Kapi­ta­lismus zum Beispiel. Es ist aber auch allzu über­zeu­gend wenn Martin formu­liert, warum an seiner Berufs­wahl nichts Krank­haftes sein kann: »A psycho­path kills for no reason. I do it for money«.

Grosse Pointe Blank hat das ansonsten zwei­fel­hafte Prädikat »Sommerhit Kino« einmal wirklich verdient. Und für alle, denen ein baldiges Klas­sen­treffen ins Haus steht: vorherige Einnahme des Films kann schmerz­lin­dernd wirken.

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