Lincoln

USA 2012 · 152 min. · FSK: ab 12
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch:
Kamera: Janusz Kaminski
Darsteller: Daniel Day-Lewis, Sally Field, David Strathairn, Joseph Gordon-Levitt, James Spader u.a.
Sitzt da wie eine schlecht gelaunte Statue: Lincoln

Lincolns List

Dies ist ein stink­lang­wei­liger und völlig über­flüs­siger Film. Inter­es­sant nur als Selbst­por­trait Steven Spiel­bergs und als Moment­auf­nahme der ameri­ka­ni­schen Psycho­krise.

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Zwölf Oscar­no­mi­nie­rungen können nicht irren: Spiel­bergs neuer Film Lincoln ist genau die Art von gutge­meinter, hoch­se­riöser Polit-Schmon­zette, die man von einem Spielberg-Film über US-Politik mit Daniel Day-Lewis in der Haupt­rolle erwartet: Bierernst, ohne Über­ra­schungen, mit viel Dialogen und getra­gener, etwas zu häufig einge­setzter Streich-Musik, mäßigem Unter­hal­tungs­wert und viel gutem Willen. Ein Film für Schul­klassen, die hier nur die richtigen Dinge über Lincoln und den ameri­ka­ni­schen Bürger­krieg lernen – aller­dings danach wahr­schein­lich in ihrem Leben nie wieder Lust bekommen, noch ein Buch hierüber zu lesen. Technisch perfekt, in seiner Insze­nie­rungs­form altmo­di­sches Hollywood-Kino, mit dem sich sein Regisseur ein weiteres Mal selbst in den Pantheon der ameri­ka­ni­schen Kinokunst stellt, sozusagen auf Augenhöhe mit seinem Gegen­stand: Zwei große weiße Nord­ame­ri­kaner unter sich. Sie jeden­falls verstehen einander.

Schon der Filmtitel klingt nach einer Statue. Und so sieht der Mann auch aus: Riesen­groß, in schwere, lange, dunkle Klei­der­s­tücke gehüllt, die fast ein wenig zu groß aussehen. Wie bei einer Vogel­scheuche. Die riesen­große Statur des Mannes, seine gesetzten wie sparsamen Bewe­gungen, der schlanke Körper vers­tärken diesen Eindruck. Sein Blick ist schwer und ernst, oft ins Leere gerichtet, der Bart verdeckt deut­li­chere Regungen im Gesicht. Der Mensch hinter dieser Statue bleibt meist unsichtbar. Auch wenn wir manches über sein Privat­leben erfahren: Seine zwei gestor­benen Söhne, der dritte, ungestüme, der unbedingt kämpfen will in einem Krieg, der so brutal ist, wie keiner vor ihm; ein Bruder­krieg. Seine Frau, die er vernach­läs­sigt, wie Macht­männer das seit jeher oft tun, und die nach Jahren der Frus­tra­tion hyste­risch ist, oder depressiv oder beides.
Die Männer um ihn herum, die er komman­diert, und die sich komman­dieren lassen.

Aber dies ist nicht irgend­eine Statue, es ist, wie der Titel schon unmiss­ver­s­tänd­lich klarmacht, der 16. Präsident der Verei­nigten Staaten und einer ihrer berühm­testen noch dazu: Abraham Lincoln, geboren 1809 und von 1861 bis zu seiner Ermordung kurz nach Beginn der zweiten Amtszeit, im April 1865, Herr im Weißen Haus. Der Mann, der sich am besten eignet, wenn Amerika mal wieder in poli­ti­sche Großin­sze­nie­rungen fern der poli­ti­schen Realität seine Ideale beschwören will, wohl wissend, dass derartige Poli­ti­sche Ästhetik selbst sehr schnell zu einer poli­ti­schen Realität eigener Art werden kann.

Kurz vor seiner Ermordung gelang es Lincoln noch, der Abschaf­fung der Sklaverei einen Verfas­sungs­rang zu geben, sie als 13. Amen­de­ment quasi unan­greifbar zu machen. Dies und der Bürger­krieg, durch den er sie überhaupt durch­setzte, erscheinen im Rückblick als einer Art zweiter Grün­dungs­my­thos der USA – nach der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung von 1776 und dem Krieg, der dieser folgte. Und Lincoln ist der einzige neben Franklin D. Roosevelt, den man in den USA heute mit den Grün­der­vä­tern George Washington und Thomas Jefferson auf eine Stufe stellen würde. Von alldem, von der Größe des Präsi­denten, vom Krieg und der Sklaverei, erzählt Steven Spielberg in seinem neuen Film, aber er tut es nur indirekt.

Ganz direkt konzen­triert sich Spielberg aufs Finale von Lincolns Amtszeit: Jene wenigen Wochen im Februar und März 1865, in denen Lincoln die Abschaf­fung der Sklaverei durch den ameri­ka­ni­schen Kongress peitschen muss. Dieser Kongress erscheint kein bisschen weniger störrisch, als der heutige im Steu­er­streit mit Obama. Der Präsident hält Reden um Reden, die wenig Wirkung zeigen, dann greift er irgend­wann zu Tricks, mit denen er Abge­ord­nete des Reprä­sen­tan­ten­hauses verführt oder zur Not unter Druck setzt – um am Ende seine Mehrheit zu sichern. Der Zuschauer weiß natürlich von Anfang an, wie alles ausgeht, aber wenn man sich für Geschichte inter­es­siert, ist dies trotzdem eine bemer­kens­werte Histo­ri­en­lek­tion. Filmisch hat Lincoln aber seine mehr als deut­li­chen Grenzen, und die sind nicht weniger eng, als die holz­ge­tä­felten Räume, in denen sich die Figuren meist aufhalten. Farblich ist alles in Braun- und Sepia­tönen gehalten. Alles ist fahl, schummrig, fast nie scheint die Sonne (nun gut, der größte Teil des Films spielt im Winter, aber trotzdem).

Vom Krieg, der draußen, weit weg im Süden tobt, sieht man – von einem Saving Private Ryan-ähnlichen Anfangs­ge­metzel abgesehen – nur wenig, er ist sowieso schon entschieden. Lincoln muss ihn sogar künstlich verlän­gern, um das 13. Aman­de­ment wirklich noch zu verab­schieden – sonst hätte sich das hundert­tau­send­fache Sterben nicht gelohnt.

Am über­ra­schendsten ist viel­leicht, dass es seiner­zeit die heute so reak­ti­onären und unbe­lehr­baren Repu­bli­kaner waren, die den Wandel anschoben. Die Liberalen von heute, die Demo­kraten, waren damals Sympa­thi­santen des Südens. Spielberg zeigt die poli­ti­schen Akteure in span­nenden Debatten – aber alles bleibt doch immer ein Kammer­spiel, wirkt wie verfilmtes Theater. Dazu trägt auch Daniel Day-Lewis sein Teil bei: Wie ernst er seine Rolle, aber auch sich selbst nimmt, und jede Geste als Staatsakt zele­briert, das sieht man ihm noch in der letzten Haar­spitze an. Wie ein Lincoln-Gespenst schlurft er durch den Film, endgültig zu jener Karikatur eines Method-Acting-Anhängers zusam­men­ge­schrumpft, die sich schon in seinen Rollen als Gangster »Butcher Bill« in Gangs of New York (vor zehn Jahren!) und vor allem als seelen­loser Kapi­ta­list Daniel Plainview in There Will Be Blood andeutete. Keine Spur mehr von funkelnden Auftritten wie The Last of the Mohicans oder The Age of Innocence.
Und Spiel­bergs Drehbuch tut ein Übriges, um Humor und Leich­tig­keit erst gar nicht aufkommen zu lassen – auch Spielberg unter­nimmt einen Staatsakt; Lincoln ist ein Film, wie ein Gang zum sonn­täg­li­chen Gottes­dienst. Es ist nichts dagegen zu sagen, aber Spaß ist was anderes.

Politik ist nicht erst heute Klein­ar­beit und ein mühsames, oft frus­trie­rendes Geschäft, dies ist der Haupter­trag von Spiel­bergs Film. Aber das darin erhaltene Lob der urde­mo­kra­ti­schen Über­zeu­gungs­ar­beit, der checks and balances, der Republik und ihrer Legi­ti­ma­tion durch Verfahren ist nur ein schein­bares. Tatsäch­lich tut Spielberg so ziemlich das Gegenteil: Er singt ein pathe­ti­sches Loblied charis­ma­ti­scher Herr­schaft, er konstru­iert seinen Lincoln als anti­re­pu­bli­ka­ni­schen Ersatz­mon­ar­chen in dessen Person alle Befrei­ungs­be­we­gungen vor und vor allem nach ihm zusam­men­fallen und verschmelzen – eine »Insti­tu­tion in einem Fall« (Arnold Gehlen). Diee ameri­ka­ni­sche Befrei­ungs­theo­logie in der eine Nation sich an sich selbst berauscht, wird besonders deutlich in dem unge­wöhn­lichsten der vielen Trailer zum Film: Der »Unite« genannte Trailer. Als einziger Trailer zeigt er nicht allein Bilder aus dem Film, sondern Doku­men­tar­ma­te­rial. So bettet er die Film­bilder mit Hilfe forcierter, »drama­ti­scher« Musik aus der Soßen­fa­brik von John Williams ein in einen geschichts­phi­lo­so­phi­schen Bilder­strom, der von Martin Luther King, den Bürger­rechts­be­we­gungen der 60er, die Suffra­getten im Kampf u,ms Frau­ens­wahl­recht und aktuelle US-Truppen (!!) ausgehend über Nelson Mandela, Mahatma Ghandi, die Landungen in Iwo Jima und Omaha Beach, sowie die Licht­in­stal­la­tion über Ground Zero einen Zusam­men­hang des Kampfes um Rechte stiftet.

Was fehlt, zeigt der Vergleich zu zwei anderen US-Filmen, die in diesen Wochen ins Kino kommen, vielfach Oscar-nominiert sind, und derzeit heiß debat­tiert werden: Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty handelt von der Jagd auf Osama Bin Laden. Bigelow zeigt die dunklen Seiten des Guten, und sie weiß, dass Kino mehr ist, als lange Reden. Und Quentin Tarantino's Django Unchained, der fast zu gleichen Zeit spielt wie Lincoln wirkt als dessen Gegen­ent­wurf und Mängel­an­zeige: Eine Anklage des Rassismus, wo Lincoln nur ein Lob des Guten ist. Und ein Film mit vielen schwarzen Darstel­lern. Lincoln dagegen handelt zwar von der Skla­ven­be­freiung, zeigt aber nur schlaue alte weiße Männer. Die wenigen schwarzen Figuren sind entweder Stimme Diener, lächelnde Onkel Toms, hübsche Nannys, die auch mal mit ins Bett schlüpfen um Opas Unterleib zu wärmen. Oder sie plappern gelehrig Worte der Weißen nach, wie Lincolns »Gettysburg Adress« in einer der ersten Szenen. Aber nichts zeigt Spielberg von der Realität des versklavten Amerika. Und man sieht keinen einzigen Vertreter der tatsäch­lich exis­tie­renden Anti-Sklaverei-Bewegung der schwarzen Ameri­kaner. Sie wirken wo sie auftau­chen nur wie das billige Alibi in einem Manifest des ästhe­ti­schen Konser­va­ti­vismus. Auch dass die Sklaverei in verän­derter Form noch lange weiter bestand – als schiere Abhän­gig­keit und als »convict lease system« mit der Zwangs­ar­beit für verur­teilte schwarze Ameri­kaner, kommt in diesem langen, lang­wei­ligen Film nicht vor.

Es gibt für diesen Film mehrere poli­ti­sche Lesarten. Die erste Lesart ist die links­li­be­rale, repu­bli­ka­ni­sche. Nach dieser geht es in dem Film um Gleich­heit. Lincoln sagt: »We begin with equality – it's the origin; isn't it? It's justice.« Und dies mit Euklid begründet: »Things which are equal to the same thing, are equal to each other. That's a rule of mathe­ma­tical reasoning. It's true because it works. Has done and will always do so. In his book Euclid says this is selfe­vi­dent.« In Wirk­lich­keit verhielt es sich anders.
Die zweite die oben bereits aufge­führte These der der Mythi­sie­rung. Offenbar misstraut Spielberg den Insti­ti­tionen, und vertraut darauf, dass ein gott­glei­cher großer Einzelner schon im rechten Moment zur Stelle sein werde, um die Dinge zu richten.

Literatur:
Garry Wills: »Lincoln at Gettysburg: The Words that Remade America«; USA
Jörg Nagler: »Abraham Lincoln: Amerikas großer Präsident. Eine Biogra­phie«; Beck Vlg.
John Keegan: »Der Ameri­ka­ni­sche Bürger­krieg«; Rowohlt

PS: Bevor man ins Kino geht, sollte man übrigens in den Trailern das Original verglei­chen mit einer Synchro­ni­sa­tion, die einfach nur beschissen ist.

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