Lieber Frankie

Dear Frankie

Großbritannien 2004 · 105 min. · FSK: ab 0
Regie: Shona Auerbach
Drehbuch:
Kamera: Shona Auerbach
Darsteller: Emily Mortimer, Gerard Butler, Sharon Small, Jack McElhone u.a.
Jack McElhone als Frankie

Von Vätern und Zufällen

Vom ersten Moment an, in dem wir Lizzie sehen, ist sofort klar, sie flüchtet vor etwas. Die Art des Gangs und die Länge der Schritte, der eilige aber wachsame Ausdruck ihrer Miene: alles deutet darauf hin. Ihren neun­jäh­rigen, tauben Sohn Frankie sowie ihre mürrische Mutter Nell im Schlepptau, geht’s per Minivan mit wenig Gepäck, in den womöglich letzten Winkel einer schot­ti­schen Küsten­stadt. Ein Lüge ist der Grund für diese Flucht, die Lüge einer Mutter, die ihrem Kind vormacht sein Vater arbeite auf hoher See und könne deshalb nicht bei der Familie sein. Letzt­end­lich bedeutet dies aber auch Flucht vor der Vergan­gen­heit und der Gefahr, der Vater könne ihnen auflauern.

Frankie ist eigent­lich ein ganz normaler Junge. Gut, er ist gehörlos und deshalb auch ein wenig verschroben, aber er geht zur Schule und findet Anschluss. Das Fehlen seines Vaters und die ständigen Umzüge gehen aber nicht spurlos an ihm vorüber. In sich gekehrt verbringt Frankie viel Zeit in einer Fanta­sie­welt, einer Welt der Seefahrt, des Meeres und der Vorstel­lung seinen Vater zu treffen. Mit kleinen Fähnchen, die er auf eine Weltkarte spickt, wird die Route des Schiffes genau verfolgt. Weder Schiff noch Vater sind Hirn­ge­spinste, doch die Kombi­na­tion dieser, ist eine geschickt fingierte Aktion der Mutter, ihrem Sohn den Vater vorzu­ent­halten. Briefe mit aben­teu­er­li­chen Seemanns­ge­schichten, die in Wirk­lich­keit Lizzie verfasst, sind einziges Mittel diese Fiktion aufrecht zu erhalten. Was jahrelang ganz gut funk­tio­nierte wird zum Verhängnis, als das mutmaß­liche Schiff im lokalen Hafen einlaufen soll. Ihre Angst vor der Wahrheit und ihre Unfähig­keit, sich der Lüge zu stellen, treiben Lizzie dazu, über ihre Freundin Marie einen Mann zu enga­gieren, der für einen Tag den Vater spielen soll. So tritt der Unbe­kannte in das Leben der Klein­fa­milie, der nicht nur Frankies Lebens­freude und Herz aufblühen lässt, sondern auch das der Mutter in Wallung bringt. Unver­mit­telt taucht der richtige Vater wieder auf, der sterbend nur einen Wunsch hat, noch ein letztes Mal seinen Sohn zu sehen.

Shona Auerbachs Film feierte unter Jubel beim Tribeca Film­fes­tival seine Premiere. Bei Un Certain Regard in Cannes stieß er bei Kritikern aber auf weniger Zustim­mung. Für die positive Aufnahme beim Publikum spricht sicher­lich die sich stetig aufbau­ende Atmo­s­phäre. Wirken die Aufnahmen auf den ersten Blick recht kühl – raue Küsten­land­schaft, triste Wohn­ge­gend oder auch die spar­ta­nisch einge­rich­tete Wohnung –, so sind es die Charak­tere, die wie eine Fackel in einer Höhle, Wärme und Licht in den Film bringen. Ange­fangen mit der ausdrucks­starken Leistung des jungen Jack McElhone, der dem gehör­losen Frankie viel Charisma durch bloße Mimik und Körper­sprache einhaucht, über Emily Mortimer (Lizzie) die einmal mehr zeigt, dass sie zu Englands besten Schau­spie­le­rinnen gehört, bis hin zu Gerard Butler. Zuletzt in der Titel­rolle von Joel Schu­ma­chers Phantom der Oper zu sehen, mimt er hier souverän (mehr gibt die Rolle aber auch nicht her) einen selbst­losen sowie charis­ma­ti­schen Retter in der Not. Dass der Film dennoch seine Tücken hat, liegt an der teilweise dünnen und konstru­ierten Story. Warum zieht die Familie gerade an den Heimat­hafen des Schiffes, auf dem angeblich der Vater arbeitet, vor dem man flüchtet? Auch ein Job fliegt der Prot­ago­nistin mal eben zufällig ins Haus bei dem gleich­zeitig auch die neue beste Freundin im Paket dazu gehört. Story­tech­nisch treiben diese Zufälle den Film voran, aber sehr realis­tisch und ausge­wogen wirken sie dabei nicht. Wer sich daran nicht stören mag, bekommt dennoch einen atmo­s­phä­risch dichten Film geboten, der passend zur Jahres­zeit, die warmen Gefühls­re­gionen anregt.