The Life and Death of Peter Sellers

USA/GB 2004 · 122 min. · FSK: ab 12
Regie: Stephen Hopkins
Drehbuch: ,
Kamera: Peter Levy
Darsteller: Geoffrey Rush, Charlize Theron, Emily Watson, John Lithgow u.a.
Küsschen oder würgen?

Jedermann und niemand

Es ist erst wenige Wochen her, da lobte ich an dieser Stelle den gelun­genen Versuch Kevin Spaceys, dem Genre des Bio-Pics mit seinem Film Beyond The Sea eine freiere, ehrli­chere aber auch arti­fi­zi­el­lere Richtung zu geben.

Eine unver­kenn­bare geistige Verwandt­schaft zu diesem Film weist nun The Life And Death Of Peter Sellers von Stephen Hopkins auf.

Denn auch hier geht es nicht um eine akri­bi­sche Rekon­struk­tion (auch wenn die »Äußer­lich­keiten« wie die Darsteller oder die nach­ge­stellten Film­szenen oft eine verblüf­fende Ähnlich­keit erreichen), sondern um die viel­schich­tige Annähe­rung an den Menschen und Künstler Peter Sellers. Die größte Schwie­rig­keit bei der Suche nach dessen wahrem Charakter ist dabei das Fehlen eines solchen, denn Sellers war (behauptet zumindest der Film) ein Mann ohne eigene Eigen­schaften, der nur durch und in seinen Rollen lebte.

Dabei beginnt alles ganz harmo­nisch. Sellers ist Teil einer beliebten Radio-Komi­ker­truppe, das Einkommen ist zwar nicht üppig dafür stetig, seine Frau ist ein herzens­guter Mensch, sein kleines Kind erfüllt ihn mit Freude, seine Eltern geben ihm Rückhalt.
Ange­trieben von seiner domi­nanten Mutter verfolgt Sellers aber bald den Wechsel vom Radio zu Fernsehen und Film, was aufgrund seiner erstaun­li­chen Wand­lungs­fähig­keit äußerst erfolg­reich verläuft. Bald schon wohnt er mit seiner Familie in einem großen Haus, ein Bentley steht vor der Tür und sein aufstei­gender Ruhm scheint durch nichts mehr zu bremsen zu sein.

Mit zuneh­mendem Erfolg tritt aber auch eine dunkle Seite von Peter Sellers hervor, die in den beschei­denen, einfachen Zeiten keinen Weg fand, sich auszu­drü­cken. Es folgen zahl­reiche Affären und Ehen, ein künst­le­ri­sches Auf und Ab, ein selbst­zer­stö­re­ri­scher Lebens­wandel und emotio­nelle Abgründe, die man dem beliebten Komiker eigent­lich nicht zutrauen würde, die aber bereits in vielen seiner Rollen erkennbar durch­schienen. Der Film endet – wie der Titel schon sagt – mit dem Tod von Peter Sellers im Jahre 1980.

Stephen Hopkins erzählt diese Geschichte so wech­sel­haft wie das Leben und die Rollen von Peter Sellers selbst. Das hat seine guten Seiten, das birgt aber leider auch einige weniger gute Aspekte.

Auf der Aktiv-Seite des Films stehen die schau­spie­le­ri­schen Leis­tungen, die von augen­fällig großartig (Geoffrey Rush als Sellers und in zahl­rei­chen seiner Rollen) über charmante Nach­ah­mungen (John Lithgow als Blake Edwards, Stanley Tucci als Stanley Kubrick) bis hin zu diskreter Brillanz (Emily Watson als Sellers erster Frau) reichen.
Fast müßig ist es, bei einem Film wie diesem auf die perfekte Ausstat­tung hinzu­weisen, wobei hier in der Nach­in­sze­nie­rung legen­därer Film­szenen eine zusätz­liche Heraus­for­de­rung (die natürlich bravourös gemeis­tert wurde) bestand.

Drehbuch und Regie zeigen ihre volle Könner­schaft vor allem in zwischen­mensch­li­chen Szenen, die eine sehens­werte emotio­nelle Inten­sität erreichen und dabei von der Komödie über das Drama bis hin zum Liebes­filme jede Tonlage abdecken.
Zumindest teilweise gelingt es, auch den zerris­senen Charakter von Peter Sellers in Bilder zu fassen, wobei man sich als Zuschauer einmal mehr die Frage nach der histo­ri­schen Authen­ti­zität besser nicht stellen sollte.

Bedau­er­lich dagegen ist, dass der Regisseur manchmal seinem eigenen Erzähl­ta­lent nicht traut und deshalb massive Erklä­rungs­ge­schütze aufge­fahren werden, damit auch der Letzte versteht, wieso, weshalb, warum.

Erschwe­rend kommt dabei hinzu, dass Hopkins für diese Erklä­rungen seine sonst so klare Erzählung durch­bricht, indem er auf vermeint­lich geist­reich um die Ecke gedachte Spie­le­reien verfällt.
Im ersten Moment mag es ja nahe­lie­gend erscheinen, dass der Verwand­lungs­künstler Sellers in kleinen Sequenzen auch seine Eltern und andere Personen aus seinem Leben darstellt, um sein Verhältnis zu ihnen zu beschreiben. Tatsäch­lich aber würde das nur funk­tio­nieren, wenn der echte Sellers einen Film über sein Leben gestallten würde. So aber spielt Geoffrey Rush Peter Sellers, der wiederum z.B. seine Mutter spielt. Das ist eindeutig zuviel der Schau­spiel­kunst. Und als ob das nicht schon offen­sicht­lich genug wäre, werden dabei auch noch bedeu­tungs­schwere Monologe herum­ge­schoben, so dass man fast vergisst, welch wunderbar geist­rei­chen und witzigen Dialoge sonst noch in diesem Film vorkommen.

Das alles ändert aber nichts am positiven Gesamt­ein­druck von The Life And Death Of Peter Sellers. Der Film hat einige ausge­spro­chene Qualität (siehe oben), unterhält auf hohem Niveau und gerade Film­freunde werden an den unzäh­ligen Anspie­lungen und Zitaten ihre Freude haben.
Was manche Schwäche des Films betrifft, so lässt sich recht­fer­ti­gend sagen, dass Stephen Hopkins zumindest versucht hat, nicht die üblichen Pfade zu beschreiten und er sich dabei viel­leicht ein wenig verrannt hat.

Über den Menschen Peter Sellers erfährt man hier zwar viel Inter­es­santes, aber wenig Endgül­tiges. Doch wenn die Theorie des Films stimmt und Sellers nur in und durch seine Rollen gelebt hat, dann lernt man diesen außer­ge­wöhn­li­chen Schau­spieler ohnehin am besten dadurch kennen, dass man seine Filme wieder einmal anschaut.
Film­mu­seum, bitte über­nehmen Sie.

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