Die Königin und der Leibarzt

En kongelig affære

DK/D/S/CZ 2012 · 137 min. · FSK: ab 12
Regie: Nikolaj Arcel
Drehbuch: ,
Kamera: Rasmus Videbæk
Darsteller: Mads Mikkelsen, Mikkel Boe Følsgaard, Alicia Vikander, David Dencik u.a.
Eros & Aufklärung: Who is who?

Verbotene Liebe am Königshof

»Rousseau – Der Mensch ist frei geboren, doch überall liegt er in Ketten – darf ich mir das Buch ausleihen?« Genau so haben wir uns das vorge­stellt: Europa, Zeit der Lumières, der Lichter, wie man in Frank­reich sagt, wenn man die Europäi­sche Aufklä­rung meint. Die Welt verän­derte sich und die Vordenker dieser Verän­de­rung, die Philo­so­phen Rousseau und Voltaire waren wie Popstars in diesem Zeitalter.

Die Geschichte des Johann Friedrich Struensee gehört dabei zu den span­nendsten unter den wahren Geschichten dieser Zeit. Der deutsche Arzt, Sohn eines Predigers, wurde 1768 Leibarzt des psychisch labilen, womöglich geis­tes­ge­störten König von Dänemark, Christian VII. Bald gelangte er am Kopen­ha­gener Hof zu großem Einfluss. Struensee wurde zum Minister ernannt und nutzte seine Macht, um das ökono­misch und intel­lek­tuell rücks­tän­dige Land im Schnell­ver­fahren zu moder­ni­sieren. In mehr als tausend Verord­nungen schaffte er Zensur und Folter ab, verkün­dete Glaubens- und Pres­se­frei­heit, beschnitt die Macht des Adels. Der wehrte sich bald, schimpfte, dass der König unter dem Einfluss eines Aufklä­rers stehe. Doch der König stand in all seiner Über­spannt­heit zu seinem inge­niösen Untertan.

So weit, so gut, und viel­leicht hätte Johann Friedrich Stru­en­sees Geschichte sogar ein Happy End genommen, hätte der sich nicht auch noch in die dänische Königin Caroline Mathilde verliebt und sie sich in ihn. Als diese unmög­liche, verbotene Liebe aufflog, hatten Stru­en­sees Wider­sa­cher endlich ein unschlag­bares Argument gegen den liber­tären Stören­fried in der Hand. Uner­bitt­lich sollte er büßen – man machte mit ihm kurzen, harten Prozess und richtete ihn 1772 hin.

Eine wahre Geschichte also, eine drama­ti­sche Geschichte. Eine Geschichte, die von Wahnsinn handelt, von Leiden­schaften, von der Freiheit und ihren Feinden. Der Schrift­steller Per Olov Enquist hat sie in seinem Roman »Der Besuch des Leib­arztes« erzählt, und der dänische Regisseur Nikolaj Arcel hat sie jetzt verfilmt: Die Königin und der Leibarzt (En kongelig affære), der auf der Berlinale im Wett­be­werb lief, und dort – warum auch immer – gleich zwei silberne Bären gewann, ist ein Kostüm­film mit klas­si­schen Mitteln: Galoppritte durch prächtige Wälder, Masken­bälle mit wallenden Kleidern und enger Korsage, die die Dekol­le­tees der Damen üppig zur Geltung kommen lässt, und Männer, denen die gepuderte Perücke verrutscht.

Filmisch sehr einfalls­reich ist das zwar nicht, abgesehen von einigen Momenten, in denen die Regie die klas­si­schen Gemäl­de­ta­bleaus der europäi­schen Malerei zum Leben erweckt – aber allemal hübsch anzusehen, zumal drei hervor­ra­gend ausse­hende Stars des europäi­schen Films die Haupt­rollen spielen: Da ist zuerst der Däne Mads Mikkelsen, bekannt einer­seits als Actionstar und James-Bond-Bösewicht, ander­seits bald als »Michael Kohlhaas« mit Bruno Ganz auf der deutschen Leinwand zu sehen. Dann Mikkel Boe Følsgaard, der als schi­zo­phrener König Christian VII. darstel­le­risch aus dem Vollen schöpfen kann – eine dankbare Rolle, die mit einem Berlinale-Bär prämiert wurde. Und schließ­lich der schwe­di­sche Shoo­ting­star Alicia Vikander in der Rolle der Königin Caroline Mathilde. Erzählt wird das alles aus ihrer Perspek­tive – der einer engli­schen Prin­zessin mit aufge­klärten Neigungen, die am dänischen Hof mit einem labilen Gatten erstmal ziemlich einsam war.
Der Regisseur insze­niert ein finsteres, von Verschwö­rern und Gefahren durch­tränktes Dänemark als Bastion der Gegen­auf­klä­rung im 18. Jahr­hun­dert.

Sein Film ist damit ein viel­leicht trotz aller Kostüme allzu zeit­ge­mäßes Lehrstück. Denn es handelt von der Skepsis gegenüber der Aufklä­rung, von der Furcht vor zuviel Freiheit. Die wahre Geschichte ging aller­dings viel besser aus, als der Film. Nach der Hinrich­tung Stru­en­sees und dem Sieg der Frei­heits­feinde kam nämlich Friedrich VI., Sohn Chris­tians VII. und Caroline Mathildes auf den Thron, und setzte das Werk Stru­en­sees und seiner Eltern mit großem Erfolg fort.
Dänemark wurde eines der libe­ralsten Länder Europas – und das ist es bis heute.

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