Vergessene Welt – Jurassic Park

The Lost World: Jurassic Park

USA 1997 · 129 Minuten · FSK: ab 12
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: ,
Kamera: Janusz Kaminski
Darsteller: Jeff Goldblum, Julianne Moore, Pete Postlethwaite, Arliss Howard u.a.

»The Industry« sagt man in Los Angeles, wenn man vom Film­ge­schäft spricht – und das nicht zufällig: Film ist in unserer Gesell­schaft, mit allen Vor- und Nach­teilen, die das bringt, ein Indus­trie­pro­dukt. Die Grundlage der indus­tri­ellen Revo­lu­tion ist die maschi­nelle Fertigung; die zentrale Idee hinter der maschi­nellen Fertigung ist die beliebige, präzise Wieder­hol­bar­keit eines Produk­ti­ons­vor­gangs.

Welcome to the Machine. The Lost World: Jurassic Park ist da.
Nachdem sich die Thrill-Mecha­nismen von Jurassic Park weltweit bei einer unge­ahnten Anzahl von Menschen als effektiv erwiesen haben, wird nun erneut eine Horde echsen­hafter Freß­ma­schinen auf das Publikum losge­lassen, um sich noch einmal gierig Unsummen von Geld einzu­ver­leiben.
Das Team hinter der Kamera ist das gleiche wie bei Jurassic Park, Jeff Goldblum und Richard Atten­bo­rough über­nehmen erneut die gleichen Rollen, und das Grund­prinzip (Menschen flüchten vor Dino­sau­riern) ist sowieso unver­än­dert.
Daß es im Unter­titel nicht etwa Jurassic Park II heißt, ist konse­quent und ehrlich: »Jurassic Park« ist inzwi­schen mehr Trademark denn Filmtitel, und The Lost World ist eher Wieder­ho­lung denn Fort­set­zung.

Der oft gezogene Vergleich der beiden Jurassic Park Filme mit einer Achter- oder Geis­ter­bahn­fahrt trifft Wesent­li­ches. Hier wie dort geht es darum, sich mecha­ni­sierten Momenten des Schre­ckens hinzu­geben, während die Technik gleich­zeitig darüber wacht, daß das Grauen in kontrol­lierten Grenzen bleibt. Nichts anderes wollen im Film die Erbauer des fiktiven »Jurassic Parks«.
The Lost World ist inhärent selbst­re­flexiv: Jurassic Park (I wie II) ist letzlich nichts anderes als ein funk­tio­nie­render »Jurassic Park« – mit der Illusion größerer Bedrohung und der Gewißheit tatsäch­li­cher Sicher­heit. Und wie in dem darge­stellten Projekt der Saurier­züch­tung geht es Lost World darum, Vergan­genes zu wieder­holen/wieder-zu-holen und damit ein stau­nendes Publikum zur Kasse zu bitten.

Insgesamt ist die Maschine diesmal größer und böser geworden. Die Farben sind düsterer, erdiger und kontrast­rei­cher, und Quantität und Level der Gewalt sind gestiegen. Selbst­ver­s­tänd­lich sind die Spezi­al­ef­fekte noch perfekter, und es gibt noch mehr Dino­sau­rier, die noch mehr Menschen noch genüß­li­cher zerflei­schen.

Immerhin: Seine Funktion erfüllt The Lost World über weite Strecken hin nahezu perfekt. Wenn jemand weiß, welche Hebel zu ziehen und Knöpfe zu drücken sind, um beim Publikum die gewünschten Emotionen auszu­lösen, dann Steven Spielberg. Er ist einer der letzten Virtuosen des klas­si­schen Erzähl­kinos, und in einer Saison, wo andern­orts nur noch der blinde Aktio­nismus zu herrschen scheint, wo der Action-Film zunehmend zu einer noch belie­bi­geren Anein­an­der­rei­hung noch lauterer und größerer Explo­sionen verkommt, tut es äußerst wohl, auch einmal wieder dem ehrwür­digen Prinzip des Suspense gehuldigt zu sehen. Endlich gibt es wieder einmal lange Sequenzen mit durch­ge­hendem Span­nungs­bogen und ziel­ge­rich­tetem Aufbau zu genießen – den Labor-Trailer an der Klippe macht Spielberg so schnell keiner nach.

Überhaupt hat es Spielberg sich nicht einfach leicht gemacht. Er war sichtlich bemüht, auch noch die ödesten Sequenzen des Drehbuchs (wie beispiels­weise die lästige Expo­si­tion) durch Regie­ein­fälle zu beleben, und der Film hat zahl­reiche wunder­schöne Momente (von der komplexen Eröff­nungs­ein­stel­lung bis zu einem herr­li­chen, schier endlosen Close-up von Julianne Moores angst­er­starrtem Gesicht), sowie ein gerüttelt Maß an Selbst­ironie (die er sich natürlich locker leisten kann).

Das Rohma­te­rial, aus dem The Lost World zusam­men­ge­setzt ist, rekru­tiert sich aus dem Magazin der Film­ge­schichte. Gefräßig bedient der Film sich im histo­ri­schen Bilder­vorrat; von Hatari! über King Kong, Godzilla, den Lost World-Filmen von 1925 und 1960, Jurassic Park selbst und diversen Viet­nam­filmen bis hin zu Nosferatu reichen die Spender der cine­ma­ti­schen DNS, die Spielberg seinem Saurier-Spektakel einpflanzt.

Während dieses Spiel mit Zitaten häufig großen Spaß macht, ist es hingegen äußerst unschön, daß Spielberg sich auch die Mecha­nismen zur Darstel­lung des Monströsen aus dem Fundus besorgt hat, und dabei einiges aus der Rumpel­kammer der Xeno­phobie zum Vorschein kommt.
In The Lost World gilt es einmal mehr, die ameri­ka­ni­sche Nuklear­fa­milie zu retten – auch wenn diese nicht mehr so aussieht, wie man das früher gewohnt war: am Ende des Films sitzen nun, in Eintracht vor dem Fernseher versam­melt, Jeff Goldblum mit einer schwarzen Tochter, deren Mutter im Film nie auftaucht, und einer Frau, mit der er nicht verhei­ratet ist.
Aber auch die Dino­sau­rier haben jetzt Familien, und die Bedrohung der schiefen Idylle geht im Film von Unge­heuern aus, die allzu oft mit südame­ri­ka­ni­schen Immi­granten asso­zi­iert werden; die Botschaft, die übrig­bleibt, ist: die fiesen Einwan­derer machen alles kaputt.
Wenn die Dino­sau­rier schließ­lich auf eine Insel verschifft werden, um dort unberührt von Menschen­hand glücklich zu leben, geht es unter dem Deck­mantel ökolo­gi­schen Bewußt­seins darum, daß die Horden der Armen dieser Welt dort bleiben sollen, wo sie sind, und daß sie, wenn sie sich schon vermehren müssen, dies gefäl­ligst bei sich daheim tun sollen. In Deutsch­land könnte dieser Film glatt als unschöner Beitrag zur Asyl- und Nach­rei­se­de­batte durch­gehen.

Doch nicht nur auf ideo­lo­gi­scher Ebene hat der Film seine Probleme. Wie das bei Maschinen so ist: die stete Wieder­ho­lung des gleichen Vorgangs führt zu Abnut­zungs­er­schei­nungen. Es gibt einen Punkt, ab dem auch die schönste Dino­sau­rier-Attacke an Reiz verliert, weil sie eben nur noch die so-und-so-vielte in einer langen Reihe schöner Dino­sau­rier-Attacken ist.
Da hilft es auch nicht viel, wenn The Lost World nicht dort aufhört, wo man es erwarten würde, sondern zum Finale noch ein paar Umdre­hungen höher schaltet und Jurassic Park III in kompri­mierter Form gleich mitlie­fert. Aus der Geis­ter­bahn wird da dann nur vollends Kinder­ge­burtstag. (Wenigs­tens wird dabei aber Dreh­buch­autor David Koepp vom T-Rex gefressen – Selbst­er­kenntnis, erster Weg und so...)

Der mecha­ni­sierte Schrecken bekommt so schließ­lich selbst etwas Mecha­ni­sches. Wie bei einer Geis­ter­bahn­fahrt, die zulange dauert, werden einem irgend­wann die Schienen bewußt, denen man gezwungen ist zu folgen. Und bald fühlt man sich dann nur noch wie ein Teil einer viel größeren Maschine, die man durch das bereit­wil­lige Reagieren auf die Darbie­tung am Laufen hält.
Um eine weitere Ebene der Selbst­re­fle­xi­vität zu erreichen, hätte The Lost World konse­quen­ter­weise noch einen Film mehr zitieren sollen: Chaplins Moderne Zeiten.

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