Johanna von Orleans

The Messenger: The Story of Joan of Arc

Frankreich 1999 · 165 Minuten · FSK: ab 16
Regie: Luc Besson
Drehbuch: ,
Kamera: Thierry Arbogast
Darsteller: Milla Jovovich, John Malkovich, Faye Dunaway, Dustin Hoffmann u.a.

Die Zeitreise der heiligen Johanna

Okay, okay, okay:
Sie hat nie von einem »unheim­li­chen Wind« oder einem »Gesicht in den Wolken« gespro­chen, jeden­falls nicht so weit wir wissen. Sie hat ihr Schwert nicht zufällig auf der Wiese gefunden, sondern wußte genau, wo sie es zu suchen hatte: in der Kirche St. Catherine in Fierbois, wo sonst. Ihre Familie wurde nicht von den Englän­dern ausge­rottet, sondern nur gele­gent­lich verscheucht, was man damals schon bald gleich­mütig akzep­tierte. Ihre Mutter überlebte sie, schlimm genug, um zwanzig Jahre später in einer päpstlich gebil­ligten Revision ihre Tochter vom Stigma der Häresie zu befreien und deren »Verdienste für Frank­reich zu würdigen«. Und ihre Moti­va­tion entsprang ganz sicher nicht profanem Rache­durst, sondern dem Bewußt­sein des Auser­wählten (Matrix lässt grüßen). Sie verließ ihre völlig intakte Welt aus freien Stücken, um ihre Mission zu beginnen, für deren Erfüllung sie, wie sie bereits wußte, nur ein Jahr und ein wenig mehr hatte.

Aber: Luc Bessons The Messenger: The Story of Joan of Arc ist von der Art Filme, die einen unruhig machen, akti­vieren. Er stellt alles auf den Kopf, was wir über »Die Jungfrau« so zu wissen glauben, und genau hierin liegt sein Geheimnis: Er kann einen Zuschauer zum Forscher machen. Gerade durch die heftigen Kontro­versen um den Film erfuhr ich mehr über diese faszi­nie­rende Frau, als irgendein 7-Stunden-Pracht­schinken geschweige denn der Geschichts­un­ter­richt es je vermocht hatten.

Es entsteht ein sinnlich-mittel­al­ter­li­ches Kino­ge­fühl: Ereig­nisse und Personen – allen voran die Prot­ago­nistin – werden unge­fil­tert auf den Zuschauer losge­lassen. Einfach schauen und staunen, wie etwa bei der folgenden Szene: Nach Auffas­sung der Kirche konnte der Teufel nicht in Besitz einer Jungfrau gelangen. War der Sach­ver­halt der biolo­gi­schen Unberührt­heit bestätigt, so mussten Johannas Ausfüh­rungen zwangs­läufig der Wahrheit entspre­chen, also kam sie von Gott und kriegte ihre Armee (nach weiteren kurzen Befra­gungen, die nur sechs Wochen dauerten, versteht sich). Eine Art von Beweis­füh­rung, die das Mittel­alter für uns Aufge­klärte in ungreif­bare Entfer­nung rückt. Ein erfri­schender Aspekt, fühlt man sich doch häufig zu vorschnellen Urteilen über vergan­gene Epochen bemüßigt.

Die Schlach­ten­szenen sind präzise bis hinunter zu den Waffen: Langbogen, Armbrust, rostige Rüstungen. Erstmals im Film ist ein Trebuchet in Aktion zu sehen, gefürch­tetste Bela­ge­rungs­waffe selbst lange nach Erfindung der Kanone und weitaus effi­zi­enter als ein herkömm­li­ches Katapult. Andere Dinge wie zum Beispiel die »Schwer­kraft­ka­none« der Engländer sind wiederum reine Phantasie. Na ja. Es verhält sich eben genau wie bei einer Lite­ra­tur­ver­fil­mung: Über kleinere Unge­nau­ig­keiten wird sich niemand aufregen, ist nur der Tenor korrekt. Viele behaupten indes, Besson habe dem Ansehen der Heiligen schon allein durch seine histo­ri­schen Unge­nau­ig­keiten geschadet. Finde ich nicht. Man hielt sich nur nicht sklavisch an die äußer­li­chen, cine­as­tisch ohnehin sattsam »bekannten« Gege­ben­heiten des Mittel­al­ters.

Es geht ja auch gar nicht um das Mittel­alter. Es geht um Johanna von Orleans.

Denn wofür sie steht, das ist zeitlos gültig. Es ist sonst, wie wenn Moses nur für die Juden exis­tierte. Sie ist Zentrum und Motor der Ereig­nisse, genau wie zu Lebzeiten. Müßte man sonst sagen, die Haupt­dar­stel­lerin stand viel zu weit im Vorder­grund und die anderen wirkten wie Komparsen, so ergibt es sich hier einfach durch die tatsäch­li­chen Ereig­nisse: Ja, genau so ist es ja auch gewesen! Ohne ihre Initia­tive hätte es keinen fran­zö­si­schen König gegeben und die Lethargie hätte Frank­reich verschwinden lassen. Nur sehr wenige der Aussprüche im Film sind nicht schrift­lich als von ihr verbürgt: Wers nicht glaubt, der mag sich bei Lektüre der ins Englische über­setzten Prozeß­mit­schriften und der späteren Zeugen­aus­sagen leicht selbst davon über­zeugen. Viele hundert Schreib­ma­schi­nen­seiten.

Und es lohnt sich besonders bei diesem Film, diese Texte zu kennen. Bei aller Verfrem­dung hat sich Besson nämlich getreu­lich an sie gehalten. Er rekon­stru­iert die ganze Jeanne allein mit Hilfe ihrer eigenen Äuße­rungen und dem, was andere über sie zu Protokoll gaben, denn wir haben keine verbürgte Abbildung von ihr. Darum ist es übrigens auch egal, ob Jovovich oder Miss Marple die Rolle spielt. Mehr Realismus kann man nicht verlangen. Auch wenn die Heili­gen­ver­ehrer mit ihren »mentalen Bildern« genau das tun. Du sollst dir kein Bild machen.

Doch folgen Sie mir nun weiter, ich will Ihren Blick auf etwas Wich­ti­geres lenken als diese öde Erbsen­zäh­lerei.

Frank­reich: Von einer Frau verloren, von einem Mädchen wieder­er­langt

Um die Passion der Jungfrau von Orleans in die Gegenwart zu holen, greift Besson auf eine meta­pho­ri­sche (Bild-)Sprache zurück, besonders bei der Umsetzung ihrer Visionen – wer bräche nicht in schal­lendes Gelächter aus, wenn plötzlich geflü­gelte Engel und gold­ge­krönte Heilige über die Leinwand schwebten, oder wenn psal­mo­die­rende Stimmen zu hören wären? So eröffnet er dem Betrachter in bildlos spiri­tu­eller, ja geradezu athe­is­ti­scher Nüch­tern­heit die Chance, die Jungfrau von Orleans, entbunden vom Spinn­ge­webe jahr­hun­der­te­alter Mythen und Legenden, ganz neu und vor allem ganz für sich persön­lich zu entdecken: Was immer sie war, vor allem war sie ein Mensch. Unschuldig und ohne Wissen, stark, gera­de­heraus, unbedingt glaub­würdig, auch wenn nur die Wenigsten von uns ihre spiri­tu­ellen Erfah­rungen teilen. Es tut weh, jemanden zu beneiden, den man mag.

Besson lenkt daher zunächst auf den Verdacht hin, daß bei Jeanne d'Arc alles mit natür­li­chen Dingen zuginge: Wolken, Wind und wilde Wölfe. Keine Vision also. Keine göttliche Eingebung. Bis hin zu: Es gibt ihn gar nicht, diesen Gott, selbst wenn Du heimlich den Meßwein aussäufst. Dann aber lässt sich ihre Geschichte nur mit einer ernst­haften seeli­schen Erkran­kung erklären, ebenso wie ihr Charisma – kein Wider­spruch, es gibt genügend charis­ma­ti­sche Zeit­ge­nossen mit offen­sicht­li­chen Webfeh­lern. Daher auch die Szene mit dem Massaker am Anfang: Sie dient nur dazu, einen noch plau­si­bleren Anschub zu konstru­ieren. Denn Rache ist eine Erklärung, die selbst ein nihi­lis­ti­sches Publikum, ein Publikum ohne irgend­einen Glauben außer demje­nigen an die rohe Materie, akzep­tieren kann: Jehannes »Stimmen« und »Visionen« resul­tieren aus einer Persön­lich­keits­spal­tung, einer Schi­zo­phrenie. Nichts als Wind und heiße Luft anstatt der heiligen Katharina und des Erzengels Michael. Höchste Zeit für die Nerven­klinik.

Und genau an dieser Stelle holt Besson das Publikum ab.

Bei aller Verfrem­dung tastet er den Lebensweg der Jehanne Darc nämlich nicht an. Um zu zeigen, daß es so einfach nun mal nicht gewesen sein kann: Egal woran du glaubst, es steckt eine Fügung in diesem Leben, das nicht mal zwanzig Jahre währte. Eine Kindheit in Gebor­gen­heit und Einfalt. Von ihrem 13. Lebens­jahr an wird sie von Visionen drang­sa­liert, bis sie mit 17 endlich nachgibt und innerhalb von nur drei­ein­halb Monaten all die Dinge voll­bringt, für die wir sie noch ein halbes Jahr­tau­send später verehren. Noch ihren hoch­ge­lehrten Richtern bietet das Bauern­mäd­chen mutig und auf geradezu geniale Weise die Stirn, obwohl sie ahnt, daß das vergebens ist – ein drama­ti­scher Tod bildet den Schlußstein eines mehr als drama­ti­schen Lebens.

Für Besson viel­leicht das Wich­tigste an Jeanne: Sie lebt nicht aus dem Kopf wie wir, mit unseren ewigen Zweifeln und Rück­ver­si­che­rungen (lat. religio); sie lebt allein aus ihrem Herzen. Sie glaubt, was sie sieht und hört, und sie handelt danach.

Spiri­tua­lität ist eine Sache voll­kom­mener innerer Freiheit. Und das macht uns Besson mit seinem Film klar, gerade indem er es uns nicht in Form von Heili­gen­bil­dern aufzwingt.

Er hat für uns erst die Möglich­keit geschaffen, daß Jeanne d'Arc viel­leicht tatsäch­lich von Gott gesandt wurde. Es ist nicht wichtig, woran du glaubst, solange du das Göttliche in dir annimmst, es wahr machst, es reali­sierst. Kirche und Pfarrer, das ist doch nur altes, verstaubtes Zeug!

Genau wie das, wofür sie stehen, hmm?

Was du nicht siehst, des Name ist: subtil
(Laotse, Das Buch vom Sinn und Leben)

Unter dieser Über­schrift kann man gar manche Szene des Films verbuchen. – Wie bitte, Besson und subtil? Bitte sich nicht zu verschlu­cken, einige Beispiele.

Während der Krönungs­ze­re­monie in Reims regnen Blüten­blätter von Lilien (die fran­zö­si­sche Lilie, fleur-de-lis) aus dem Kirchen­ge­wölbe. Sie sind offenbar nur für Jeanne zu sehen, eine Vision, die ihr ganz eindeutig sagen will: »Jetzt ist es gut, Du hast alles voll­bracht, Deine Aufgabe ist erfüllt. Gehe in Frieden.« Denn längst schon hat sie die Weichen für Frank­reich gestellt. Doch genau das erkennt sie nicht. Im Häre­ti­ker­prozeß von 1431 sagt sie aus, daß ihr Auftrag mit der Krönung Charles VII. endete. Daß sie die Feldzüge danach, also Paris, Saint-Denis, Compiègne, ohne den Auftrag ihrer Stimmen und nur auf Wunsch der jewei­ligen Stadt­väter und Kirchenäl­testen hin unter­nommen hatte. Dann wurde sie gefangen genommen.

Besson stellt ihren Unge­horsam – die mensch­liche Einmi­schung in den gött­li­chen Plan – dem Jammer­bild gegenüber, das sie mit ihrer kleinen Horde vor den Mauern von Paris abgibt: Dauer­regen, keine Ausstrah­lung, keine Männer, nicht die Spur einer Chance, Resi­gna­tion bis hin zu Schmer­zu­n­emp­find­lich­keit und Paralyse. Die andere Jeanne. Die, die sich nun nicht mehr in Gottes Gnade weiß.

Und viel­leicht kann man so auch die Therapie verstehen, die Das Gewissen in Form von Dustin Hofmann ihr am Ende ange­deihen lässt: Vor der Abso­lu­tion steht die Beichte, vor der Beichte die Einsicht. Vor der Einsicht die Beschei­den­heit. Und die Beschei­den­heit kommt erst mit deiner Liebe zu dir selbst.

Bist Du nun bereit? – Ja, ich bin bereit. Und ein starker Abgang.

Johannas Glaube an Gottes persön­li­chen Auftrag ist das Mosa­ik­stein­chen im Kopf des Zuschauers, mit dem er jede dieser Szenen erst vollenden kann, und ohne das sie keinen rechten Sinn ergeben. Indem Besson auf solch fein­füh­lige Art Bezug auf Johanna und ihre Visionen nimmt, überläßt er es also uns, der Cinemaxx-Kamarilla, den Film zu vollenden, die blutvolle Legende der Jungfrau von Orleans als mögliche – und insgeheim viel­leicht sogar erwünschte Alter­na­tive zum Prädikat: besonders schi­zo­phren neu erstehen zu lassen. Wir haben die Wahl, und das wird durch den Origi­nal­titel deutlich: Lieber The Messenger, die Botin Gottes? Oder doch nur The Story of Joan of Arc, ein fetziges Actionhis­tör­chen? Eine Einbe­zie­hung des Betrach­ters, die sich in solch philo­so­phi­scher Tiefe keiner der anderen vierzig Filme zum Thema anrechnen kann.

Übern großen Teich

Das ameri­ka­ni­sche Publikum mochte den Film nicht. Sogar Kollegen wie der Regisseur Ronald F. Maxwell ziehen über Besson her. Offenbar kann man die ambi­va­lente, chamä­leon­ar­tige und uname­ri­ka­ni­sche Jovovich sowieso nicht ausstehen: »she of the tremulous lower lip and halting speech«. Ein Model als Schau­spie­lerin, noch dazu mit dem Regisseur verhei­ratet? Die kann überhaupt nicht gut sein!

Doch womit man die größten Schwie­rig­keiten hatte, war die Demontage der Heiligen – eine vom Papst abge­seg­nete Person als seelisch trau­ma­ti­siert und verkap­selt hinzu­stellen! Von blasphemy ist in den Kritiken gar die Rede: Das passt zum religiös-verbohrten Eiferertum besonders der Südstaaten, siehe Carl Sagans Roman »Contact«: Was bricht Dr. Arroway bei der Bewerbung um »die Reise« das Genick? Ihre Weigerung, sich zum Götzen God zu bekennen. Aus der Reaktion des Publikums lässt sich mehr über das Mittel­alter lernen als aus dem Film selbst.

Jehanne im Jetzt: Handwerk, Vision und betei­ligte Personen

Was ich sonst noch schön finde an diesem Film, ist abgesehen von (schon gut, ich gestehe!) Milla Jovovich und den schmerz­vollen, von Musik­ma­gier Eric Serra vorge­tra­genen Attacken, dass Besson sich der Mecha­nismen der Mythen­bil­dung offenbar sehr wohl bewusst war. Viel­leicht sagte er sich so: »Was wir heute über Jeanne d'Arc zu wissen glauben, hat fast 600 Jahre der Diffa­mie­rung, der Erzählung, der münd­li­chen Über­lie­fe­rung, der Ausschmü­ckung und der Helden­ver­eh­rung durch­laufen. Doch wie wird diese Frau in Wirk­lich­keit gewesen sein?« So hat er sie zurück­ge­bildet, sie konden­siert, sie durch die Zeiten vom Heute bis zum Urknall 1429 zurück­ver­folgt, um in der heiligen Jungfrau den mensch­li­chen Kern zu finden. Eine schil­lernde Schlampe. Milla Jovovich. Das Wunder passiert allein in dir.

Sympa­thisch ist auch, dass The Messenger auf alther­ge­brachte Art und Weise entstand: Die modisch-moderne Compu­ter­grafik verschlang ausnahms­weise einmal nicht den Löwen­an­teil des Budgets und ersetzte auch nicht den braven Komparsen in der Rüstung: Tausende, zum Teil knit­ter­freie Kostüme wurden für die Massen­szenen ange­fer­tigt. Betrachtet man den Hofstaat des Dauphins, fühlt man sich bisweilen an den gran­diosen, rausch­haften Opern­auf­tritt in Das fünfte Element erinnert. Das gilt auch für die Atmo­s­phäre der Innen­räume: Oft genug wähnt man sich vor Ort und riecht die Fackeln, so dicht ist sie. Ganz zu schweigen von den saftigen Bildern, mit denen Besson die Glau­bens­freude eines Kindes bebildert.

Die Strapazen sollen ebenfalls mittel­al­ter­li­ches Maß ange­nommen haben: Es gab, so hört man, mit all dem bewegten Blech eine Menge Verlet­zungen, und bei den Dreh­ar­beiten setzte es immer wieder Frost und Regen. Ideale Voraus­set­zungen für grimmige Kriegs­szenen.

Der korrupte Bischof Pierre Cauchon hingegen kommt bei Weitem zu gut weg. Mit Hilfe eines massiven Tribunals von über vierzig von den Englän­dern einge­schüch­terten Kirchen­män­nern, der england­hö­rigen Univer­sität von Paris, »...den schwie­rigsten, subtilsten und listigsten Fragen, die nicht einmal die anwe­senden Kanoniker hätten beant­worten können...« und eines infamen Betruges als letzter Rettung spielte er die illi­te­rate Jeanne dem von den Englän­dern bestellten und bezahlten Todes­ur­teil in die Hände: Die Zeugen­aus­sagen (ff.) lassen hieran keinen Zweifel. Er setzte selbst nach ihrer Hinrich­tung alles daran, ihren Ruf und Mythos durch gefälschte Akten zu zerstören. Ihm ging es, auch er ein moderner Mensch, um Macht und Geld.

Und Milla Jovovich? Offenbar hat ihr das viele Schreien und Kreischen in dieser Rolle die Tür zu den eigenen Ängsten geöffnet. Konfron­ta­ti­ons­the­rapie. Das genaue Gegen­s­tück zur zarten, wort­kargen Leeloo. Gleich nach dem Dreh reichte das Seelchen die Scheidung von Übervater Besson ein, was ihr das Schicksal so mancher Kollegin ersparen wird – man darf also auf künftige Erschei­nungen gespannt sein.

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