Jason Bourne

USA 2016 · 124 min. · FSK: ab 16
Regie: Paul Greengrass
Drehbuch: ,
Kamera: Barry Ackroyd
Darsteller: Matt Damon, Alicia Vikander, Julia Stiles, Tommy Lee Jones u.a.
Transformation zum schwarzeneggerschen »Terminator«

Multiple Orgasmen gegen das digitale Gefängnis

Well, I try my best
To be just like I am
But everybody wants you
To be just like them
They sing while you slave and I just get bored
I ain’t gonna work on Maggie’s farm no more

(Bob Dylan, Maggies Farm)

Man könnte der Bourne-Reihe wie fast jeder anderen Block­buster-Fort­set­zung dieser Tage Über­flüs­sig­keit, Feigheit vor dem Feind (Krea­ti­vität) und vulgärste kapi­ta­lis­ti­sche Gier vorwerfen. Aber spätes­tens nach dem dritten Teil, der auf Die Bourne Identität (2002) und Die Bourne Verschwö­rung (2004) folgte, spätes­tens seit dem Bourne Ultimatum (2007) wurde deutlich, dass die auf den Romanen von Robert Ludlum aufset­zenden Polit-Thriller nicht ganz so einfach vom Tisch zu wischen sind. Das liegt vor allem an der politisch-tech­no­lo­gi­schen Affinität, die das Franchise »Bourne« zunehmend charak­te­ri­siert. Man denke nur an die fast schon ikono­gra­fi­sche für die Über­wa­chungs­po­litik unserer Tage stehende Szene in Ultimatum, in der Matt Damon alias Jason Bourne sich durch die Londoner Waterloo Station bewegt um einer­seits seine eigene Identität wieder­zu­finden, zum anderen, um Über­wa­chungs­ka­meras und Hacks der eigenen Handy-Kommu­ni­ka­tion zu entgehen und dann noch einen Jour­na­listen zu beschützen, der bereit ist, Infor­ma­tionen zu leaken.

Obwohl es einen vierten Bourne-Film gibt – das weder von Paul Green­grass insze­nierte noch mit Matt Damon besetzte Bourne Vermächtnis – ist Jason Bourne die direkte Fort­set­zung von Ultimatum. Kurz und knapp werden die verlo­renen Jahre im Unter­grund erklärt, bevor der direkte Anschluss an Bournes bislang nur partiell erfolg­reiche Suche nach seiner in der Operation »Treads­tone« elimi­nierten alten Persön­lich­keit wieder aufge­nommen wird. Und was bereits in Ultimatum ange­deutet wurde, wird in Bourne zeitgemäß verstärkt – die Über­wa­chung des Indi­vi­duums über das Internet, in öffent­li­chen Räumen instal­lierte Kameras (CCTV) und die schon bekannten Hacks von Smart­phones ist noch lücken­loser, eleganter – und für das Indi­vi­duum undurch­sich­tiger geworden. »Freiheit«, sagt Bourne in einer seiner raren Sprech­pas­sagen, »gibt es nur noch im Unter­grund.« Doch Green­grass belässt es nicht nur bei dieser an sich nicht sonder­lich über­ra­schenden Bestands­auf­nahme. In einer über­ra­genden ersten Run-Stop-Hit-Sequenz, in der Jason durch ein von Demons­tra­tionen erschüt­tertes Athen fährt, rennt, keucht, springt und blutet, wird nicht nur die Verzweif­lung des gemeinen Bürgers spürbar, sondern auch die schiere Vergeb­lich­keit jeden legalen Wider­stands. Denn wenn Über­wa­chung derart »smart« funk­tio­niert, bleibt nur das alte biblische Einge­ständnis, das was immer der Mensch auch denkt – dann doch Gott lenkt.

Tatsäch­li­cher Wider­stand ist dann nur noch möglich durch Menschen wie Jason Bourne, der statt zu reden nur mehr handelt. Dies führt zwar zu einem simplen dialog­armen Plot, der vor allem von den ständigen Hin- und Zurück-Trans­for­ma­tionen des Jägers zum Gejagten lebt. Doch wie Green­grass Matt Damon dabei immer mehr in einen schwar­ze­negger­schen »Termi­nator« überführt und eine Action-Sequenz auf die nächste folgen lässt, erinnert in seiner explo­siven, sich stei­gernden und befrei­enden Kraft an den Segen multipler Orgasmen.

Was am Ende übrig bleibt, ist dann aller­dings doch mehr als die pure, körper­liche Freiheit, ist wie so oft auch ein kaum zu lösender Vater-Sohn Konflikt mit antiken Bezügen. Und es ist auch die von Green­grass wuchtig zemen­tierte Erkenntnis, dass inzwi­schen nicht nur mehr CIA-Verant­wort­liche korrum­pierbar sind – Tommy Lee Jones und Alicia Vikander verkör­pern dies gleich gene­ra­ti­ons­über­grei­fend – sondern auch die scheinbar frei­heit­li­chen, bildungs­bür­ger­lich sozia­li­sierten IT-Idea­listen, die mehr und mehr unseren Alltag prägen und gestalten und von einem Internet-Kritiker Evgeny Morozov wohl nicht zu Unrecht als funk­tio­nale Idioten geoutet werden.

Auch wenn die Hoffnung und damit Jason Bourne zuletzt stirbt – düsterer kann man den Verlust unserer Freiheit kaum skiz­zieren.

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