In Sachen Liebe

Addicted To Love

USA 1997 · 90 Minuten · FSK: ab 12
Regie: Griffin Dunne
Drehbuch:
Kamera: Andrew Dunn
Darsteller: Meg Ryan, Matthew Broderick, Kelly Preston, Tchéky Karyo u.a.

»Du wirst meiner Liebe nicht entgehen,« heißt es in Ödön von Horváths »Geschichten aus dem Wiener Wald«, und mit jenem Fleisch­hauer Oskar, der diesen Satz äußert, muß Sam (Matthew Broderick) zumindest geis­tes­ver­wandt sein. Sam ist Astronom in einer kleinen Stadt im Mittleren Westen der USA, und Sam hat das längste Teleskop von allen – mit dem beob­achtet er jeden Mittag seine Freundin Linda (Kelly Preston). Um so mehr entsetzt es ihn, als Linda beschließt, daß sie mehr von der Welt kennen lernen möchte als Sams beschau­li­chen Klein­stadt-Kosmos und nach New York zieht.

Dort findet Linda in Anton (Tcheky Karyo), einem fran­zö­si­schen Restau­rant­chef, eine neue Liebe. Aber Sam ist felsen­fest überzeugt: diese Beziehung wird unglück­lich verlaufen und Linda zurück in seine Arme treiben. Um zum richtigen Zeitpunkt dann auch tatsäch­lich zur Stelle zu sein, bezieht Sam einen Beob­ach­tungs­posten gegenüber von Lindas Appar­te­ment, und von Stund an karto­gra­phiert er obsessiv und akribisch jedes kleinste Detail von Lindas Leben, um am entschei­denden Tag bereit zu sein.

Doch bald bekommt Sam unvor­her­ge­se­hene Gesell­schaft: die avant­gar­dis­ti­sche Künst­lerin Maggie (Meg Ryan), die ehemalige Geliebte von Anton, sinnt auf bittere Rache an ihrem Ex, und dazu kommt ihr Sams Obser­va­ti­ons­posten gerade recht. Die beiden gehen eine Zweck­ge­mein­schaft ein und beginnen, die Über­wa­chung zu perfek­tio­nieren. Damit fängt aller­dings nicht nur ein böser Psycho-Krieg zu eska­lieren an, sondern auch eine Freund­schaft zwischen Maggie und Sam, aus der bald mehr wird.

So schmu­se­weich und knuddelig, wie die Darsteller vom Plakat lächeln, ist Addicted To Love ganz und gar nicht, und wer eine typische Meg Ryan-Liebes­komödie erwartet, wird sich gehörig wundern. Was die beiden Prot­ago­nisten unter Liebe verstehen, ist mehr als furcht­ein­flößend (um so mehr, als wahr­schein­lich alle, die schon in ähnlicher Situation waren, einen Kern davon bei sich selbst wieder­er­kennen werden).
In Addicted To Love geht es um gnaden­lose Obses­sionen; er ist dem Horror­film oder Psycho­thriller manchmal näher als der Komödie, und nicht selten hat sein Lachen einen Unterton des Wahnsinns. Wie alle guten schwarzen Komödien verliert der Film aber in seiner Auslotung der Grenz­be­reiche des Humors nie seine Ballance.

Unter der gekonnten Regie des bisher als Schau­spieler bekannten Griffin Dunne (After Hours, An American Werewolf in London) entfaltet sich die Geschichte flott und witzig, ohne ihr dunkles Herz zu verleugnen. Es gelingt dem Film erstaun­lich gut, einen über­zeu­genden Kurs zwischen den Klippen des blanken Zynismus und der verharm­lo­senden Rühr­se­lig­keit hindurch zu steuern. Nur hängt es dem Drehbuch noch ein wenig an, daß es ursprüng­lich für einen Kurzfilm gedacht war: nach einer durchweg bril­lanten ersten Hälfte kann der Film nicht ganz verbergen, daß er etwas zu rudern hat, um die Existenz der zweiten Hälfte zu moti­vieren und die Handlung unter Dampf zu halten.

Dafür wird man aber mehr als reichlich mit Sequenzen wie dieser entschä­digt: Um Lisa und Anton besser unter Kontrolle zu haben, baut Sam sein komplettes Zimmer zu einer Camera obscura um. Nachdem er die nötigen optischen Appa­ra­turen instal­liert hat, weißelt er die als Projek­ti­ons­fläche ausge­suchte Wand, und dabei entsteht, als würde er Löcher schneiden in die Mauern seiner Welt, die den Blick freigeben auf seine Träume, das Abbild von Lisa vor ihm.
Addicted To Love hat verstanden: um zu zeigen, daß Liebe meist nichts ist außer Projek­tion, ist das Kino der ideale Ort.

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