Inferno

USA/J/TR/H 2016 · 122 min. · FSK: ab 12
Regie: Ron Howard
Drehbuch:
Kamera: Salvatore Totino
Darsteller: Tom Hanks, Felicity Jones, Irrfan Khan, Omar Sy, Ben Foster u.a.
Wer lange sucht, der findet irgendwann...

Der Mann der zu wenig wußte

Mit Kopf­schmerzen wacht der Kryp­to­loge und Symbo­l­ex­perte Prof. Robert Langdon (Tom Hanks) eines Morgens in einem Kran­ken­haus in Florenz auf. Ein schweres Schä­del­trauma hat sein Kurz­zeit­ge­dächtnis beschä­digt, und so hat er keine Ahnung, warum eine Handvoll sinistre Gestalten offenbar stark an seinem Ableben inter­es­siert sind: Noch im Hospital wird auf Langdon ein Mord­an­schlag verübt. Mit der feschen Ärztin Dr. Sienna Brooks (Felicity Jones) an seiner Seite, flieht er vor den Häschern und versucht nun heraus­zu­finden, was er überhaupt in Florenz zu suchen hatte.

Die Best­seller-Romane des Ameri­ka­ners Dan Brown und die nach ihnen gedrehten Filme – zum dritten Mal spielt Tom Hanks diesmal bereits den Religions-Detektiv – haben einen bildungs­bür­ger­li­chen Anstrich: Es ist die große Kunst, ob Da Vincis Mona Lisa, Washing­tons Archi­tektur oder in diesem Fall die »Göttliche Komödie«, die hier den Ausgangs­punkt einer akade­mi­schen Schnit­zel­jagd bilden, gewürzt mit reli­giöser Soße und eine kräftigen Portion Mystery.

So muss Langdon zunächst ein Bild enziffern, dann die gestoh­lene Toten­maske von Dante Alighieri, dem Verfasser der »Gött­li­chen Komödie«, finden. Dann geht es über Botti­cellis Karte der Kölle zu Vasaris Gemälde »Die Schlacht von Marciano« im Palazzo Vecchio, der wiederum zu einem Hinweis im Dom führt, der wiederum eine Reise nach Venedig und dann zum Erab des Vene­zianer Dogen in Istanbul... Und so weiter und so fort. Bis zu des Rätsels Lösung ist der Weg jeden­falls weit. Dabei wird er auch noch von kruden Erin­ne­rungs­fetzen und Visionen geplagt: »Humanity is the disease – Inferno is the killer« wispert ihm eine Stimme aus dem Irgendwo zu, geschun­dene Körper­teile wälzen und Ströme von Blut ergießen sich in sein Hirn.

Hinter alldem stecken diesmal nicht mehr böse Machen­schaften im Prä-Fran­ziskus-Vatikan, sondern ein verrückter Wissen­schaftler, der von der Welt­herr­schaft träumt und dafür erstmal den größten Teil der Welt­be­völ­ke­rung ausrotten will – mittels eines tödlichen Virus. Der Mann, ein Schweizer Milli­ardär, der so schlau wie größen­wahn­sinnig ist, könnte glatt einem James-Bond-Film entsprungen sein.

Amnesie, Paranoia und eine Seuche sind die drama­tur­gi­schen Eckpfeiler dieses rasanten Thrillers, der unter der routi­nierten Regie von Ron Howard (Apollo 13) nie die einge­fah­renen Schienen des Kino­main­stream verlässt, auf denen aber ebenso glatt wie sicher in hohem Tempo dahin­gleitet, um nach genau 121 Minuten sein Ziel zu erreichen. Neben Hanks, der hier wieder einmal seine seriösere Seite zeigen kann, stechen Jones in der weib­li­chen Haupt­rolle, Ben Forster als Ober­schurke, Omar Sy als Geheim­agent und die aus der Serie »Borgen« bekannte Sidse Babett Knudsen, hier als WHO-Chefin, hervor.

Wer lange sucht, der findet irgend­wann, und so bekommt Robert Langdon im letzten Drittel des Films heraus, dass die berühmten Illus­tra­tionen des Malers Botti­celli zu einer Buch­aus­gabe von Dantes »Inferno« einen Schlüssel dafür bieten, wie man dem realen Höllen­schlund der Seuche doch noch entgehen kann. (Wer besonders neugierig ist, kann sich ab Anfang November übrigens einen Doku­men­tar­film zur Geschichte dieser Zeich­nungen angucken: »Botti­cellis Inferno«).

Trotz reli­giöser Ornamente ist die Handlung in diesem Film alles in allem weitaus welt­li­cher, weniger höllisch als man vom Titel her erwarten mag. Andere Verbre­cherbaden, sowie die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion mischen in diesem globalen Spiel mit, dessen Terror­dro­hung erschre­ckend realis­tisch ist, und der die Prot­ago­nisten vor allem durch die schönsten Schau­plätze Italiens führt, aber auch in die Türkei. Dort, wo der Film von der Vorlage abweicht, wird alles braver, fami­li­en­taug­li­cher und ameri­ka­ni­scher,

Insgesamt ist der Film ein gelun­genes Spektakel, aber nicht wirklich bildungs­bür­ger­lich, sondern eher für jene, die beim Namen Dante an den brasi­lia­ni­schen Fußball­spieler denken, nicht unbedingt an den italie­ni­schen Autor. Man kann also selbst aus »Inferno« noch etwas lernen: Mit Bildung findet man sich in der Welt besser zurecht.

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