Humpday

USA 2009 · 95 min. · FSK: -
Regie: Lynn Shelton
Drehbuch: Lynn Shelton
Kamera: Ben Kasulke
Darsteller: Mark Duplass, Joshua Leonard, Alycia Delmore, Lynn Shelton u.a.
Männergespräch

27. Filmfest München 2009

This is beyond gay!

Die amerikanische Independent-Regisseurin Lynn Shelton führt an die Grenzen des 'Mannseins' – und darüber hinaus

»Könntest du oder würdest du«, fragt Andrew (Joshua Leonard) seinen alten College-Freund Ben (Mark Duplass) nach einer durch­zechten Nacht und dieser antwortet entschlossen: »Ich würd's tun.« Worum es hier geht? Ganz einfach, es geht um Sex. Aber das ist nicht alles. Es geht um Sex zwischen Andrew und Ben – oder anders: es geht um die Schaffung eines Video-Kunst­werks, bestehend aus Sex zwischen Andrew und Ben. So jeden­falls sehen es die beiden Hetero-Freunde, die sich im Taumel einer orgi­as­ti­schen Party-Nacht für das lokale Humpfest (sinngemäß: Bums-Fest), ein Amateur-Porno-Festival, ange­meldet haben.

Auf diese wenigen Sätze verkürzt, klingt Humpday fast zwangs­läufig wie das post­pu­ber­täre Abenteuer zweier Infan­tiler in einem Dschungel der Pein­lich­keiten und rotzigen Zoten. Doch weit gefehlt, denn der unauf­wendig insze­nierte Inde­pen­dent-Film entfernt sich geradezu maximal von der bekannten, auf holperige Pointen ausge­rich­teten American-Pie-Rezeptur Holly­woods. Dabei gelingt es Regis­seurin, Dreh­buch­au­torin und Produ­zentin Lynn Shelton (selbst in einer Neben­rolle auf der Leinwand zu sehen) nicht nur, den bisweilen kind­li­chen Charme ihrer Prot­ago­nisten in ein Dauer­g­rinsen auf Seiten des Zuschauers zu verwan­deln. Sie entwi­ckelt aus ihren Figuren Charak­tere jenseits des anfäng­li­chen Mann-Mann-Maocho­ge­habes, die bei aller Komik auch den ernsthaft reflek­tie­renden Blick auf ihre verschie­denen Lebens­wege nicht verlieren. Während Ben nämlich verhei­ratet ist und mit seiner Frau Anna (Alycia Delmore) auf die Gründung einer Familie hinar­beitet, hat der freakige Andrew in seinem bishe­rigen Leben kaum etwas Vergleich­bares erreicht. Er ist ein durch­ge­knallter, voll­bär­tiger Welten­bummler, der morgens in New Mexiko aufsteht, um abends bei seinem alten Freund in Seattle zu sein. Die Rollen scheinen klar verteilt, Aussteiger trifft auf Klein­bürger. Doch dabei bleibt es nicht lange. Schritt für Schritt vollzieht sich ein Wandel der Persön­lich­keiten, immer entlang der urko­mi­schen Debatte, wer hier eigent­lich wen und wie fi..., pardon, 'humpen' wird. Und während Ben aus seiner präfa­mi­liären Lethargie ausbricht, sich an längst vergan­gene homo­se­xu­elle Regungen erinnert und den Humpday geradezu herbei­sehnt, beginnt Andrew an seinem »Mr.-Motor­cycle-Adven­tu­ring-Man«-Lebens­ent­wurf zu zweifeln.

Gerade das Chan­gieren zwischen den verschie­denen charak­ter­li­chen Facetten der beiden Prot­ago­nisten, wie auch der oft intime Wechsel von spitz­bü­bi­schem Witz und Ernst­haf­tig­keit, geben Humpday eine Qualität jenseits der vielen plumpen Schen­kel­klopfer-Komödien der vergan­genen Jahre. Lynn Shelton serviert uns ein Buddy-Movie mit echtem Tiefgang und setzt dabei auf ein ganz simples Rezept: die Dynamik der männ­li­chen Natur, die unkal­ku­lier­bare Kraft von Hahnen­kampf und Eitelkeit. In diesem Zusam­men­hang wirkt der Film stel­len­weise wie ein geschickt arran­giertes Expe­ri­ment. Die denkbar simple Versuchs­an­ord­nung: zwei Typen, ein uner­war­tetes Wieder­sehen, eine irre Idee. Bei dieser Konstel­la­tion generiert sich die Handlung fast von selbst, wird getragen von Bens und Andrews masku­linem Impo­nier­ge­habe und der daraus resul­tie­renden Unmög­lich­keit, sich die Absur­dität ihrer Idee einzu­ge­stehen. Lieber behaupten sie, ihr Vorhaben sei Kunst. Bringing back porn film to real art? Im Leben nicht!

Schließ­lich läuft alles auf diesen einen Tag zu: den Humpday. Die Szenerie: ein Hotel­zimmer, sehr beige, sehr verschlagen, eine Kamera, die beiden Buddies mitten­drin. Die Grenze ihrer Männ­lich­keit ist erreicht – und was nun? Ist das nun Kunst? Oder wie? In jedem Fall ist es »beyond gay« und in jedem Fall ist Humpday eine der sehens­werten Komödien des dies­jäh­rigen Filmfests München. Ansehen, lachen, fertig!

Marcus Mäckler

Auf dem Filmfest: Sa., 04.07., Film­mu­seum, 22:30 Uhr

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