Hollow Man – Unsichtbare Gefahr

Hollow Man

USA 2000 · 110 Minuten · FSK: ab 16
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch:
Kamera: Jost Vacano
Darsteller: Elisabeth Shue, Kevin Bacon, Josh Brolin, Kim Dickens u.a.

Paul Verhoeven dreht B-Pictures. Seit seinem Durch­bruch in Hollywood, seit Robocop, sind sie zwar teurer geworden, kommen entspre­chend aufwen­diger daher, und ab und zu spielt ein richtiger Star mit (obwohl Verhoeven es offenbar möglichst vermeidet, auf einen Douglas oder Schwar­ze­negger ange­wiesen zu sein). Unter all dem Putz sind sie jedoch vor allem eines geblieben: dreckige kleine Genre­filme, hübsch speku­lativ und stets ein bißchen geschmacklos. Verhoeven wäre, trotz Hays-Code, einer gewesen für das Studio­system der Vierziger. Hier hätte er ohne Finan­zie­rungs-Zwangs­pausen arbeiten können, hätte Kriegs­filme gedreht, Films Noir, nach Lust und Laune, und viel­leicht hätte er die sogar Grenzen des Akzep­ta­blen und Darstell­baren ein wenig verschoben (daß es ihn auch und gerade damals von Holland nach Hollywood verschlagen hätte, ist ja nicht einmal unwahr­schein­lich.) Statt dessen lebt Paul Verhoeven heute und dreht Hollow Man, nicht von ungefähr eine Variation der Invisible Man-Reihe aus jener Zeit, als Horror­filme noch im Double Feature liefen.

Nach dem Bombast von Starship Troopers kommt Hollow Man als Kammer­spiel daher, kühl und elegant ins Bild gesetzt von Jost Vacano, Verhoevens konge­nialem Wegge­fährten. Haupt­schau­platz: Ein geheimes Labor unter einer Lager­halle in Washington, voll­ge­stopft mit allerlei High Tech. Charak­tere: Ein Forscher­team, das hier im Auftrag des Pentagon mit einem Mittel expe­ri­men­tiert, das, in die Adern gespritzt, unsichtbar macht. Mit Versuchs­tieren klappt das schon ganz gut, wie die scheinbar leeren Käfige beweisen, in denen es kräftig rumpelt. Nur die Umkehrung des Prozesses will noch nicht gelingen, und die hohen Herren im Pentagon werden unge­duldig (daß die Versuchs­auf­nahmen, die ihnen vorge­führt werden, höchst altmo­disch auf Film gebannt sind, ist ein nettes Detail). Dabei ist das Problem schon längst gelöst, doch Sebastian Caine (Kevin Bacon), der Projekt­leiter, hält den Durch­bruch geheim, den er in näch­te­langer zermür­bender Arbeit erzielt hat. Er fürchtet, nicht zu Unrecht, daß man ihm sein Werk aus der Hand nehmen würde – und was das Militär damit vorhätte, das deutet Verhoeven nur an, das gäbe Stoff für einen ganz anderen, viel­leicht inter­es­san­teren Film.

Dieser Caine ist ein Workaholic und genialer Chemiker. Vor allem aber ein geltungs­süch­tiger Egozen­triker, der seinen Gott-Komplex offen vor sich herträgt und andere Menschen nur erträgt, wenn sie »in seinem Licht scheinen«, wie Linda es einmal ausdrückt – Caines Kollegin und ehemalige Geliebte, bis sie es nicht mehr aushielt. Jetzt ist er eifer­süchtig und verbit­tert, denn keiner mag ihn, und die Nächte sind lang, wenn man alleine am Computer sitzt. Dieses Ekelpaket also ist unsere Haupt­figur, hero und villain zugleich, wobei die böse Seite zunehmend in den Vorder­grund tritt. Hollow Man betont besonders den Jekyll & Hyde-Aspekt des Invisible Man-Motivs: Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, unsichtbar zu sein? Es sind nicht immer die anstän­digen Fantasien, die man gerne ausleben würde.

Caine spritzt sich das Mittel selbst, und Kevin Bacon ward nie mehr gesehen. Jetzt hat er freie Hand, begnügt sich nicht lange mit versteckten Coladosen und heim­li­chen Beob­ach­tungen auf der Damen­toi­lette, lernt schnell, schlimme Dinge zu tun. Als schließ­lich die Rück­ver­wand­lung fehl­schlägt, findet er sich mit seinem Zustand ab und entkommt der Kontrolle seiner zu Recht mißtraui­schen Kollegen. Die hübsche Nachbarin, die sich immer so aufrei­zend am erleuch­teten Fenster ausge­zogen hat, bekommt seine Frus­tra­tion zu spüren. Obwohl diese Szene stark gekürzt scheint, ist sie das eigent­liche Zentrum des Films. Hollow Man ist, jeden­falls zunächst einmal, eine Geschichte über Männer­phan­ta­sien und das Potential zur Grau­sam­keit, das in uns allen steckt. Und es ist ein Film, der damit spielt, daß wir nicht alles sehen können – obwohl das Kino doch gerade dies immer vorgibt.

Seit Sharon Stone die Beine kreuzte, zwischen denen anschließend Michael Douglas sein Gesicht vergrub, gilt Verhoeven in Hollywood als Experte für Schwei­ne­reien, wie man sie einem Europäer immer noch eher zutraut. Bei Starship Troopers stellten sich die (ameri­ka­ni­schen) Darsteller in der Dusch­szene so prüde an, daß Verhoeven und Vacano erst selbst die Hosen runter­lassen mussten. In Hollow Man bietet er – schock­schwe­renot! – full frontal nudity. Oder das, was man in Hollywood dafür hält. Zwar ist Kevin Bacons bestes Stück schon bekannt aus Wild Things und hier nur in einer Ther­mo­pro­jek­tion kurz im Bild, sorgt aber mit Sicher­heit bei einigen US-Zuschauern ebenso für Aufsehen wie die (compu­ter­ani­mierte?) Brust­warze der Kollegin, der Caine im Schlaf die Bluse aufknöpft. Zugegeben, das alles ist kein Beweis für die Qualität von Hollow Man. Es zeigt aber, daß Verhoeven noch immer gerne Anstands­grenzen verletzt.

Unsicht­bar­keit bliebe Behaup­tung, wenn nicht immer wieder ihre Auswir­kungen vor Augen geführt würden. Die Spezi­al­ef­fekte sind das Aushän­ge­schild des Films und haben wieder einmal den Großteil des Budgets verschlungen. Obwohl man sich an compu­ter­ma­ni­pu­lierte Bilder längst gewöhnt hat, ist das Resultat beein­dru­ckend. Es bleibt nicht bei schwe­benden Gegen­s­tänden und Klei­dungs­stü­cken ohne Inhalt. Caine bekommt eine Latex­maske angepasst (deren leere Augen­höhlen besonders gut wirken, wenn eine Lampe hinein­leuchtet), darf sich übergeben und wird effekt­voll wieder sichtbar in Regen, Wasser­dampf, Swim­ming­pool und lodernden Flammen. Doch am aufre­gendsten ist das Unsicht­bar­werden und Wieder­er­scheinen selbst. Da wird einem unsicht­baren Gorilla ein Serum gespritzt, breitet sich in der Blutbahn aus, wird vom Herzen weiter­ge­pumpt, und Schicht um Schicht, Organ um Organ, baut sich der Körper auf, bis Haut und Haare das Werk vollenden. Caine dagegen löst sich vor unseren Augen in seine Bestand­teile auf. Diese Bilder haben die morbide Faszi­na­tion medi­zi­ni­scher Präparate. Die Effekte mögen digital sein, doch bei diesen Körper­welten gibt es nicht nur sichtbar oder unsichtbar.

Eine derart diffe­ren­zierte Zeichnung hätte auch der Figur des Caine und damit dem ganzen Film gut getan. Als er entdeckt, daß Linda ein Verhältnis mit seinem Kollegen und Rivalen hat, dem gutaus­se­henden und besonders lang­wei­ligen Josh Brolin, tickt er endgültig aus. Vorbei ist es mit der Ambi­va­lenz und den Zwei­deu­tig­keiten. Cains Wandlung zum Monster wird verdeut­licht, indem der Unsicht­bare einen unsicht­baren Hund massa­kriert. Es folgt ein wenig origi­neller und manchmal unfrei­willig komischer Aliens-Klon im herme­tisch abge­rie­gelten Labor. Der Film hätte ein besseres Finale verdient als dieses aus Versatz­stü­cken zusam­men­ge­klaubte Action-Routi­nes­tück, bei dem Linda schließ­lich in Sarah Connor-Manier ihre Nemesis zur Strecke bringen darf. Aber viel­leicht wäre das zuviel verlangt gewesen. Hollow Man würde eine prima Video­pre­miere abgeben, und das ist auch nichts Schlechtes.

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