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Großbritannien 1999, 101 Minuten · FSK: ab 6 |
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Einer dieser Ritter war der Brite Nick Leeson, und wenn alles nur ein bißchen anders gelaufen wäre, wäre der ehemalige Broker heute vielleicht schon Top-Manager irgendwo in New York. So aber hatte er plötzlich 800 Millionen Miese auf einem schwarzen Konto, in britischen Pfund versteht sich, und wurde so berühmt als der Mann, der 1995 Barings, die älteste britische Privatbank, in den Abgrund stürzte. Damit leitete der relativ »kleine« Angestellte eine der größten Destabilisierungen in der britischen Finanzökonomie der jüngeren Zeit einauch eine perfekte Film-Story?
Sensationell und ungewöhnlich ist an James Deardens Film High Speed Money leider gar nichts. Zwar liegt das Buch zugrunde, in dem Leeson seine Geschichte während der Untersuchungshaft zu Papier brachte, doch der Zuschauer erlebt nur das tägliche Einerlei, die Routine auf dem Weg zum Abgrund, die so grau ist, wie die immergleichen Monsum-Wolken über dem verschwitzen Singapur, in dem Leeson zeitweise als »number one trader in town« firmierte.
Früher hatte die Börse zumindest im Film noch den sardonisch-verruchten Charme eines Michael Douglas (Oliver Stones Wall Street), oder sie erwies sich in Brian DiPalmas sarkastischer Perspektive zumindest satiretauglich (Bonfire Of Vanities), heute erscheint sie vor allem ziemlich stressig. Permanent sieht man den Blick des Leeson-Darstellers Ewan McGregor nervös und überfordert umherstreifen, fettige Haare und zitternde Hände unterstreichen überdeutlich, dass hier ein Zauberlehrling die Geister nicht mehr los wird.
Zum Kokser oder sonstigen Junkie wird Leeson trotzdem nicht, keine Dämonie und kein bißchen Wohlleben zelebrieren die Lust am kriminellen Akt, selbst die mit Süßigkeiten überfüllte Schreibtischschublade, die zum running gag getaugt hätte, illustriert nur die Ödnis und Daseinsleere dieses Yuppies (oder ist dies etwa die »innerweltliche Askese«, die nach Max Weber den Kapitalismus in Reinform auszeichnet?).
Vielleicht ist Wirtschaft als solches auch einfach kein gutes Filmthema, erst recht dann nicht, wenn wie hier der Ausgang von vornherein bekannt ist. Im Gegensatz zu Klondyke-Goldrausch oder dem Schatz der Sierra Madre und erst recht den Roulette-Chips in Scorseses Casino lassen sich die Milliardensummen um die es hier geht, nie sinnlich fassen, Gewinn, Verlust und Schicksal reduzieren sich auf die Zahlensprünge der Börsenanzeige.
So wenig er auf Humor oder Ironie setzt, so wenig zeigt Deardens Film das Thatcher-Geschöpf, dass Leeson auch war: »There is no such thing like society« erklärte die eiserne Lady, und darum dachte auch Leeson nur an sich. Aber selbst hier folgt der Film ganz dem billigen Ausweg, den Leeson sich selber anbietet: Mitleid mit einer Kollegin war der Auslöser dafür, dass er das berüchtigte Schwarzkonto mit der Nummer 88888 anlegte Leeson war also gerade kein herzloser Kapitalist. Erst später brauchte er dann immer mehr Geld, um die Maschine am Laufen zu halten. Aha.
Nur an einer Stelle unternimmt High Speed Money so etwas wie eine Entlarvung des Geschäfts: »Wir verkaufen nichts Reales« erklärt Leeson, »Das einzige, was der Markt ist: Ein gigantisches Casino«. In Wahrheit, das zeigt Dearden, versteht keiner mehr das Geschäft. Und Nick Leeson entpuppt sich als Poststrukturalist aus Naivität: Getreu der Maximen Baudrillards ersetzt er die Real-Ökonomie durch eine gespenstrische Ökonomie der Spekulation, und läßt auf einem Schwarzkonto die reine Simulation des Kapitalflusses wuchern. Dass dies erst auffällt, als bereits dreistellige Millionensummen in diesem Orkus verschwunden sind, beweist nur den Scheincharakter aller Börsengeschäfte: Tatsächlich wird hier im Prinzip mit nichts gehandelt als mit »Geist« (Georg Simmel). Autos kaufen zwar keine Autos, Aktien können aber sehr wohl vgl. VodafoneAktien kaufen. Die enormen Summen von denen die Rede ist, sind nur Symbole für Furcht und Erwartungen, virtuelles Eigentum, das nur dann real werden kann, wenn es die allermeisten nicht realisieren wollen. Nick Leeson trieb dieses Grundprinzip nur auf die absurde Spitze.
Glaubt man Friedrich Nietzsche, der offenbar auch kein Freund der Globalisierung war, dann geht es zumindest ihm nach dem großen Krach besser: »Wer weniger besitzt, wird weniger besessen.«