High Speed Money – Die Nick Leeson Story

Rogue Trader

Großbritannien 1999 · 101 min. · FSK: ab 6
Regie: James Dearden
Drehbuch:
Kamera: Jean-François Robin
Darsteller: Ewan McGregor, Anna Friel, Yves Beneyton, Betsey Brantley u.a.

Blitzkrieger des Kapitalismus

Aktien kaufen Aktien: High Speed Money von James Dearden

»Wirt­schaft ist das Schicksal« – Walther Rathenau war es, der vor bald 100 Jahren das napo­leo­ni­sche »Politik ist das Schicksal« konter­ka­rierte, und damit dem neuen Jahr­hun­dert den Takt vorgab. Ob feind­liche Über­nahmen wie gerade bei Vodafone und Mannes­mann, ob Mega­fu­sionen wie Daimler/Crysler oder die Währungs­spe­ku­la­tionen mit denen ein George Soral mal eben ein paar Staaten durch­ein­an­der­pur­zeln läßt – täglich erleben wir wieder: An der Börse liegen die Schlacht­felder von heute. Die Kämpfer in diesen Blitz­kriegen des Kapitals sind junge Ritter, manche smart und alle hungrig auf Kariere und den ganz großen Coup. Statt in schim­mernden Rüstungen kämpfen sie in feinen blau-grauen Anzügen, jonglieren mit Millio­nen­summen und strei­chen­wenn nichts schief gehtpro Jahr ein paar hundert­tau­send Mark an Provi­sionen ein.

Einer dieser Ritter war der Brite Nick Leeson, und wenn alles nur ein bißchen anders gelaufen wäre, wäre der ehemalige Broker heute viel­leicht schon Top-Manager irgendwo in New York. So aber hatte er plötzlich 800 Millionen Miese auf einem schwarzen Konto, in briti­schen Pfund versteht sich, und wurde so berühmt als der Mann, der 1995 Barings, die älteste britische Privat­bank, in den Abgrund stürzte. Damit leitete der relativ »kleine« Ange­stellte eine der größten Desta­bi­li­sie­rungen in der briti­schen Finan­zö­ko­nomie der jüngeren Zeit einauch eine perfekte Film-Story?

Sensa­tio­nell und unge­wöhn­lich ist an James Deardens Film High Speed Money leider gar nichts. Zwar liegt das Buch zugrunde, in dem Leeson seine Geschichte während der Unter­su­chungs­haft zu Papier brachte, doch der Zuschauer erlebt nur das tägliche Einerlei, die Routine auf dem Weg zum Abgrund, die so grau ist, wie die immer­glei­chen Monsum-Wolken über dem verschwitzen Singapur, in dem Leeson zeitweise als »number one trader in town« firmierte.

Früher hatte die Börse zumindest im Film noch den sardo­nisch-verruchten Charme eines Michael Douglas (Oliver Stones Wall Street), oder sie erwies sich in Brian DiPalmas sarkas­ti­scher Perspek­tive zumindest sati­re­taug­lich (Bonfire Of Vanities), heute erscheint sie vor allem ziemlich stressig. Permanent sieht man den Blick des Leeson-Darstel­lers Ewan McGregor nervös und über­for­dert umher­streifen, fettige Haare und zitternde Hände unter­strei­chen über­deut­lich, dass hier ein Zauber­lehr­ling die Geister nicht mehr los wird.
Zum Kokser oder sonstigen Junkie wird Leeson trotzdem nicht, keine Dämonie und kein bißchen Wohlleben zele­brieren die Lust am krimi­nellen Akt, selbst die mit Süßig­keiten über­füllte Schreib­tisch­schub­lade, die zum running gag getaugt hätte, illus­triert nur die Ödnis und Daseins­leere dieses Yuppies (oder ist dies etwa die »inner­welt­liche Askese«, die nach Max Weber den Kapi­ta­lismus in Reinform auszeichnet?).

Viel­leicht ist Wirt­schaft als solches auch einfach kein gutes Filmthema, erst recht dann nicht, wenn wie hier der Ausgang von vorn­herein bekannt ist. Im Gegensatz zu Klondyke-Gold­rausch oder dem Schatz der Sierra Madre und erst recht den Roulette-Chips in Scorseses Casino lassen sich die Milli­ar­den­summen um die es hier geht, nie sinnlich fassen, Gewinn, Verlust und Schicksal redu­zieren sich auf die Zahlen­sprünge der Börsen­an­zeige.

So wenig er auf Humor oder Ironie setzt, so wenig zeigt Deardens Film das Thatcher-Geschöpf, dass Leeson auch war: »There is no such thing like society« erklärte die eiserne Lady, und darum dachte auch Leeson nur an sich. Aber selbst hier folgt der Film ganz dem billigen Ausweg, den Leeson sich selber anbietet: Mitleid mit einer Kollegin war der Auslöser dafür, dass er das berüch­tigte Schwarz­konto mit der Nummer 88888 anlegte Leeson war also gerade kein herzloser Kapi­ta­list. Erst später brauchte er dann immer mehr Geld, um die Maschine am Laufen zu halten. Aha.

Nur an einer Stelle unter­nimmt High Speed Money so etwas wie eine Entlar­vung des Geschäfts: »Wir verkaufen nichts Reales« erklärt Leeson, »Das einzige, was der Markt ist: Ein gigan­ti­sches Casino«. In Wahrheit, das zeigt Dearden, versteht keiner mehr das Geschäft. Und Nick Leeson entpuppt sich als Post­struk­tu­ra­list aus Naivität: Getreu der Maximen Baudril­lards ersetzt er die Real-Ökonomie durch eine gespens­tri­sche Ökonomie der Speku­la­tion, und läßt auf einem Schwarz­konto die reine Simu­la­tion des Kapi­tal­flusses wuchern. Dass dies erst auffällt, als bereits drei­stel­lige Millio­nen­summen in diesem Orkus verschwunden sind, beweist nur den Schein­cha­rakter aller Börsen­ge­schäfte: Tatsäch­lich wird hier im Prinzip mit nichts gehandelt als mit »Geist« (Georg Simmel). Autos kaufen zwar keine Autos, Aktien können aber sehr wohl vgl. Voda­fo­neAk­tien kaufen. Die enormen Summen von denen die Rede ist, sind nur Symbole für Furcht und Erwar­tungen, virtu­elles Eigentum, das nur dann real werden kann, wenn es die aller­meisten nicht reali­sieren wollen. Nick Leeson trieb dieses Grund­prinzip nur auf die absurde Spitze.

Glaubt man Friedrich Nietzsche, der offenbar auch kein Freund der Globa­li­sie­rung war, dann geht es zumindest ihm nach dem großen Krach besser: »Wer weniger besitzt, wird weniger besessen.«

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