Historias mínimas

Argentinien/Spanien 2002 · 92 min. · FSK: ab 0
Regie: Carlos Sorin
Drehbuch: Pablo Solarz
Kamera: Hugo Colace
Darsteller: Javier Lombardo, Antonio Benedictti, Javiera Bravo, Francis Sandoval u.a.

Kleinste Geschichten von weit weg

Alltäg­lich scheinen sie, die drei kleinen Geschichten, die Regisseur Carlos Sorin hier erzählt, und doch sind sie für ihr Prot­ago­nisten alles andere als alltäg­lich: es sind gewagte Schritte hinaus aus dem gewohnten Trott, Aufbrüche in große Abenteuer. Don Justo, der 80jährige, dessen Geschäft am Ende der Welt – vielmehr im Dorf Fitz Roy im Süden Pata­go­niens – schon lange sein Sohn führt, zieht los, um seinen verlo­renen Hund zu suchen, den irgend jemand in der nächsten Stadt, San Julian, gesehen haben will. Den gleichen Weg hat auch Maria Flores, die sich mit ihrem Baby aufmacht, ihren Gewinn einer Fern­seh­show abzuholen. Und hier ist auch der Vertreter Roberto unterwegs, im Gepäck eine Geburts­tags­torte für ein Kind, in dessen Mutter er sich verliebt hat.

Alle drei haben ihre eigenen Geschichten und ihre eigenen Strecken, die sich kaum je berühren. Alle drei stoßen auf ihrer Reise an Grenzen, mit denen sie zurecht­kommen müssen: Don Justos Hund hatte viel­leicht einen Grund, wegzu­laufen, wie er im Auto der Biologin, die ihn erschöpft am Straßen­rand aufge­lesen hat, preisgibt. Maria, im Bestreben, die Chance zum Eintritt in die verlo­ckend glit­zernde Fern­seh­welt zu nutzen, müsste sich eigent­lich einge­stehen, dass sie daheim ohne Strom­an­schluss mit der gewon­nenen Küchen­ma­schine eigent­lich nicht viel anfangen kann. Und Roberto steht plötzlich vor der Aufgabe, aus der fußball­för­migen Torte schnell ein Geschenk für ein Mädchen machen zu müssen, weil er nicht mehr sicher ist, ob das Kind der ange­be­teten jungen Witwe wirklich ein Sohn ist. Die findige Lösung des Problems hält ihn so auf, dass fraglich ist, ob er nicht schließ­lich zu spät kommt.

Erfolg und Scheitern liegen nah beiein­ander, und am Ende haben alle drei eine erfüllte Hoffnung mehr und einen Traum weniger. Und doch ist das Ganze kein Null­sum­men­spiel: die Welt ist weiter geworden.

Carlos Sorin drehte seinen Film am äußersten Ende der Welt, in dessen weiter Land­schaft Sied­lungen und Menschen wie verloren wirken, fast ausschließ­lich mit Laien­dar­stel­lern. Nur zwei Schau­spieler, darunter der glänzend besetzte Javier Lombardo in der Rolle des Roberto, wirkten mit, die übrigen haben sich teils durch Arbeit am Laien­theater, teils durch ihre Berufe (z. B. Bäcker) als Darsteller quali­fi­ziert. Das Drehbuch ist auf die Prot­ago­nisten zuge­schnitten, die nach Erstel­lung der Grund­sto­ries gecastet wurden, und die beweg­liche Kamera unter­s­tützen den Eindruck der Authen­ti­zität, ohne in pseu­do­do­ku­men­ta­ri­sche Wackel­bilder abzu­gleiten.

Kleine Geschichten über kleine Leute wie diese, zurück­hal­tend beob­achtet und ohne Pomp erzählt: so wird Kino zum Erleb­nisort für das alltäg­liche Abenteuer. Dank an Regis­seure wie Carlos Sorin, die solche Reisen ermög­li­chen.

Svenja Alsmann

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