Heirate mich – Casate conmigo

Deutschland 2003 · 110 min. · FSK: ab 0
Regie: Ulli Gaulke, Jeanette Eggert
Drehbuch:
Kamera: Axel Schneppat
Schnitt: Markus Schmidt
Das Pardies ist anderswo: Gladis und Erik

»Wach auf, Junge«, sagt der alte Kubaner, der neben Erik am Straßen­rand hockt. »Für die Frau bist du bloß ein Sechser im Lotto«. Aber Erik will nicht aufwachen. »An diesem Tag in der Disco habe ich die Frau kennen­ge­lernt, die ich liebe«, sagt er und steckt Gladis den Verlo­bungs­ring an den Finger. »Auch ich habe an diesem Tag jemanden getroffen«, sagt Gladis. »Ich habe jemanden getroffen der mich liebt, und der meinen Sohn liebt«. So fängt es an und so wird es bleiben: Die Liebe bleibt einseitig – zumindest verbal.

Gladis: lebens­lustig, tempe­ra­ment­voll, streit­lustig, kubanisch.
Erik: bis über beide Ohren verliebt, egozen­trisch, pedan­tisch, deutsch.

Während Erik im fernen Deutsch­land bei Ikea ein roman­tisch quiet­schendes Eisenbett kauft, nimmt Gladis Abschied von Kuba und den Freunden. »Du hast Glück gehabt«, sagt die Freundin, »der liebt dich wirklich. Sonst wollen die Männer doch bloß ins Bett mit einem«. Hinzu kommt: Erik ist keiner von den fetten, alten Kerlen, die nach Kuba reisen, um sich eine junge, heiß­blü­tige Kubanerin zu angeln. Doch der Deal bleibt der gleiche: Exotik, Erotik und Lebens­freude als Tausch­ware für mate­ri­elle Sicher­heit und ein Leben jenseits der kuba­ni­schen Grenze. »Los leg, den Arm um sie«, koman­diert später eine von Gladis Freun­dinnen, als die zwei für ein Urlaubs­foto posieren. »Schließ­lich hast Du bei Castro für sie bezahlt«.

Schnell zeigt sich, dass der Preis höher ist, als Gladis klar war. Die Welt, die Erik um sie herumbaut, ist von klaus­tro­pho­bi­scher Enge. Ein Reigen von Eifer­sucht­szenen beginnt und von miss­glückten Dialogen, weil Gladis mit Nabel­schau und Seelen­strip­tease nichts anfangen kann. »Ich will gar nicht dauernd wissen, was in dir vorgeht«, brüllt sie bei einem Streit. So hatte auch Erik sich die Sache nicht ausgemalt.

Dies ist nicht nur ein Film über den Zusam­men­prall von Kulturen, dies ist auch ein Film über die Probleme zweier Menschen, unter­schied­liche Vorstel­lungen und Träume unter einen Hut zu kriegen, Enttäu­schungen zu über­winden und wieder aufein­ander zuzugehen – Probleme also, die es in jeder Part­ner­schaft gibt.

Der Film ist zwei­fellos gut gemacht. Jede Szene ein Treffer. Jedes Wort ein Schlag ins Gesicht. Als die Beamtin von der Auslän­der­behörde den Stempel aufs Visum drückt. Bei der Einschu­lung von Gladis kleinem Sohn. Als sie einen Schwan­ger­schafts­test macht. Die Kamera ist in jedem entschei­denden Moment ganz dicht dran – mitunter viel zu dicht. In dieser unge­heuren Nähe liegt die größte Stärke des Films und gleich­zeitig seine proble­ma­tischste Seite. Immer öfter macht sich Unbehagen beim Zuschauer breit, der zum unfrei­wil­ligen Zeugen eines ständig schwe­lenden Ehekrachs wird. »Wenn wir bei einem Streit aufhören wollten zu drehen, haben die beiden uns aufge­for­dert weiter­zu­ma­chen«, versi­chern Uli Gaulke und Jeanette Eggert, die Regis­seure des Films. Aber entbindet sie das ihrer Verant­wor­tung für die Prot­ago­nisten? Besonders Erik kommt bei der Sache gar nicht gut weg: Er selbst habe sich in den Film wieder­ge­funden, beteuern die Regis­seure. Das glaubt man ihnen ange­sichts von Eriks egozen­tri­schem Naturell aufs Wort. Doch bei 80 Stunden Material waren sicher auch Momente dabei, die ihn in einem etwas sympa­ti­scheren Licht hätten erscheinen lassen. Diese hat die Regie wohl bewusst der Drama­turgie geopfert. Und die Tatsache, dass Erik auch das wieder einmal nicht zu merken scheint, recht­fer­tigt nicht, ihn derart bloß­zu­stellen. »Man muss die Menschen mögen, das ist das ganze Geheimnis«, hat Doku­men­tar­filmer Gerd Kroske letztes Jahr in Leipzig gesagt. Dass Eggert und Gaulke ihre Probleme mit Erik hatten, tritt in diesem Film jeden­falls offen zu Tage.

Es gibt sie, die Liebe auf den ersten Blick! Was könnte es denn anderes sein, das den 36jährigen Hamburger Erik dazu bewegt, seiner kuba­ni­schen Traumfrau so schnell einen Heirats­an­trag zu machen? Was könnte es sonst sein, das die 27jährige Gladis dazu bringt, mit ihrem Sohn Omarito die Heimat, die Freunde, ihr bishe­riges Leben zu verlassen, um zu Erik nach Deutsch­land zu gehen? Was könnte es sein?

Zwei Jahre lang begleitet der Film das Paar und beob­achtet die neue Familie bei ihren Bemühungen, die Träume zu leben, die bei der ersten Begegnung in einer kuba­ni­schen Sommer­nacht entstanden sind. Er ist nicht einfach, der Neubeginn in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache. Und es fällt weder Gladis noch Erik leicht, ihre Erwar­tungen an die gemein­same Zukunft mit der Realität in Einklang zu bringen. Beide haben ihre Vergan­gen­heit: er hat nach 8 Jahren Ehe wegen Gladis seine Frau verlassen, sie hatte nicht zum ersten Mal das Angebot, durch Heirat nach Europa zu kommen. Und doch haben sie sich gefunden und versuchen, trotz aller Schwie­rig­keiten gemeinsam zu leben.

»Nach einer wahren Bege­ben­heit«, dieser Titel erscheint ganz zu Anfang. In der Tat könnte man diese Doku­men­ta­tion leicht für einen Spielfilm halten (zumal spätes­tens seit »Dogma 95« die DV-Optik geradezu zum Kenn­zei­chen ambi­tio­nierter Low-Budget-Spiel­film­pro­duk­tionen wurde). Dieser Eindruck entsteht durch die szenische Auflösung der Geschichte, auf den weit­ge­henden Verzicht auf Inter­views und durch die unglaub­liche Nähe zu den darge­stellten Personen. Zwei Jahre lang haben die Filme­ma­cher Uli Gaulke und Jeannette Eggert die Ehe von Gladis und Erik begleitet und doku­men­tiert, bis sie fast zu ihrem Bestand­teil wurden. Die Nach­be­ar­bei­tung gibt ihren subjek­tiven Eindruck wieder und versucht gleich­zeitig, allge­meine Aspekte in dieser beson­deren Beziehung aufzu­zeigen. Dabei betrachten sie nicht nur die Begegnung verschie­dener kultu­reller Hinter­gründe, sondern speziell die Ankunft in Deutsch­land, den Blick­winkel der Neuan­kömm­linge.

Den Anstoß zu diesem Film gab ein Brief Eriks an Regisseur Uli Gaulke, er habe in Kuba die Frau seines Lebens getroffen und wolle sie heiraten. Die Adresse hatte er von seiner Gladis bekommen: sie kannte Gaulke und Eggert von den Dreh­ar­beiten zu Havanna mi amor. In diesem Doku­men­tar­film, der 2000 mit dem Deutschen Filmpreis ausge­zeichnet wurde, ist Gladis eine der vorge­stellten Personen. Eigent­lich ist sie auf der Suche nach jemandem, der ihren Fernseher repariert, um die populäre neue Tele­no­vela ansehen zu können. Ihre Begegnung mit den deutschen Filme­ma­chern gerät zu einer Bestands­auf­nahme vom Umgang mit den kuba­ni­schen Männern.

Durch diese Vorge­schichte ergab sich die Möglich­keit, die Ehe ab der Verlobung zu begleiten – und die seltsame Situation, dass die Auslän­derin den Filme­ma­chern zunächst vertrauter war als der Landsmann. Ihre Offenheit und die Selbst­ver­s­tänd­lich­keit, mit der die Kamera nicht nur wichtige Stationen wie die Hochzeit, die Ankunft in Deutsch­land, den Gang zum Auslän­deramt, sondern auch den Alltag begleitet, ermög­licht es, sich in ihre Situation einzu­fühlen. Sie ringt nicht nur um den Erhalt der in Kuba mühsam erkämpften Selbstän­dig­keit, sondern auch mit Vers­tän­di­gungs­schwie­rig­keiten in der neuen Heimat. Doch eine Rückkehr, die Erik so fürchtet, kommt aus verschie­denen Gründen nicht in Frage.