Hasret – Sehnsucht

Hasret

Deutschland/Türkei 2015 · 78 min. · FSK: ab 12
Regie: Ben Hopkins
Drehbuch: ,
Kamera: Jörg Gruber
Darsteller: Isa Çelik, Bilge Güler, Serhat Saymadi, Ben Hopkins u.a.
Istanbul umarmen

Der Horizont von Byzanz

Istanbul als Sehn­suchtsort – dieser Ansatz ist für jeden, der das zweite Rom, das zu über 1000 Jahre unter dem Namen Byzanz Zentrum des christ­lich-ortho­doxen Welt­reichs war, der die einstige Haupt­stadt des Osma­ni­schen Reichs kennt, nahe­lie­gend. Die Metropole am Bosporus ist einer der schil­lerndsten, kulturell wie religiös pluralsten und geschicht­sträch­tigsten Stätten der Mensch­heits­ge­schichte. Und gerade auch in der Gegenwart der letzten vierzig Jahre wird Istanbul über alle poli­ti­schen Verwer­fungen hinweg immer wieder neu entdeckt: Als modernste Stadt der Türkei, als Metropole des nach Westen ausge­rich­teten türki­schen Kinos, das vor Ort unter dem Namen »Yeshilsham« bekannt ist und diverse B-Versionen ameri­ka­ni­scher Block­buster und europäi­scher Auto­ren­filme hervor­brachte – Cem Kaya drehte darüber 2014 seine atem­be­rau­benden, sehr komischen Doku­men­tar­film Remix, Remake Rip-Off –, als Metropole verschie­denster Facetten einer arabesk einge­färbten Popmusik- und DJ-Szene, von der Fatih Akin in Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul erzählte. Und ganz allgemein dient diese einzige Weltstadt, die auf zwei Konti­nenten steht, den übrigen Europäern als Tor des isla­mi­schen Kultur­kreises zum Westen. Und doch kann man von diesem positiv besetzten Istanbul nicht sprechen, ohne auch von seinen Schat­ten­seiten zu erzählen.
Genau dies ist die bittere Erfahrung, von der dieser Film handelt, die ihn aber auch selbst bis zu gewissem Grad trifft.

Zunächst begleitet der Film wie bei einem Making-off ein Filmteam in Istanbul, das ein weiteres jener glit­zernden 08/15-Portraits einer flir­renden Metropole drehen soll. Ein Film-im-Film-Szenario, das Doku­men­ta­ri­sches und Fiktio­nales schwer unter­scheidbar vermischt. Denn bald fallen dem Regisseur auf seinen Film­bil­dern Spuren von Dingen und Menschen auf, die er beim Drehen kaum bemerkt hat. Wie Geister tauchen sie auf, schat­ten­haft. Ein zweiter, wider­s­tän­diger Film hat sich gewis­ser­maßen in den ersten, glatten einge­schli­chen. Diese Entde­ckung faszi­niert den Regisseur Ben Hopkins, der sich in diesem Film, dessen fiktio­nalen Grund­cha­rakter er betont, selber spielt, und so beginnt er, gezielt nach jenen »Geistern« zu suchen. So zeigt er seinem Publikum das Istanbul, das es bislang nicht kannte: Es ist gleich­zeitig verborgen und alltäg­lich, es ist das Istanbul jenseits aller Touris­ten­at­trak­tionen, aber auch jenseits der Nach­rich­ten­bilder. Wir begegnen in den abge­schie­denen nächt­li­chen Gassen der Altstadt den Ausläu­fern der Gezi-Park-Proteste, die sich während der Drehzeit ereig­neten, ebenso wie den Müll­män­nern, die die Stadt sauber halten und das, was sie aufsam­meln, zu Geld machen. Wir sehen Menschen, die von Inves­toren vertrieben werden, den enormen Wandel der Stadt, das alte Gesicht Istanbuls zerstört.
Wir erleben zahllose Facetten dieser faszi­nie­renden Brücken­stadt zwischen Orient und Okzident, und bald vermi­schen sich Realität und Traum mitein­ander.

Zugleich gibt es auch eine fiktio­nale Handlung, in der die persön­liche, wohl eher fiktive Geschichte des Regis­seurs erzählt wird: Vor langer Zeit verliebte er sich in Istanbul. Das erinnert an das von Orhan Pamuk in dessen Büchern öfters beschrie­bene Konzept des »Hüsün«, einer sehr speziell-türki­schen Variante der Melan­cholie, die auch stark mit der Vorstel­lung des selbst­ver­schul­deten Schei­terns verbunden ist.

Film­sprach­lich mischt Hopkins Doku­men­ta­ri­sches und Spiel­szenen mit Kommen­taren aus dem Off. Das überzeugt immer wieder, vor allem in der ersten Hälfte, aber nicht über die komplette Länge von 98 Minuten. Mitunter scheint es, als habe sich Hopkins nicht zwischen zwei Filmen entscheiden können oder wollen.

Auch Poli­ti­sches bleibt zu oft im Vagen: Durfte oder wollte Hopkins die Verant­wort­li­chen für das von ihm Beschrie­bene nicht benennen? Warum wird nicht gesagt, dass der Wandel der Stadt und der Verlust an Moder­nität mit den Umtrieben der Regie­rungs­partei, den Isla­misten der AKP zu tun hat, die das Land zunehmend entde­mo­kra­ti­sieren und in einen neo-osma­ni­schen auto­ritären Staat verwan­deln?

»Hasret« ist das türkische Wort für Sehnsucht. Sehnen tun sich die Menschen hier nach Freiheit, nach Frieden, Ben Hopkins, ein Brite, der in Hongkong geborenen wurde, lebt seit gut einem Jahrzehnt in der Türkei und hat dort schon mehrere Filme gedreht – sein Blick ist daher keiner, der ganz von Außen kommt. Die Haltung ist vielmehr die eines Lieb­ha­bers, der zwischen Innen und Außen steht. Hopkins melan­cho­lisch-sehn­suchts­voller Filmessay zeigt uns auch die gespal­tene Seele der türki­schen Gegenwart. Und so ist dies ein sehr aktueller Essayfilm, der zwar nichts zum unmit­tel­baren Vers­tändnis der komplexen Lage der türki­schen Gesell­schaft beiträgt, aber doch eine erste poetische, sinnliche, aber nicht allzu beschau­liche oder gar einlul­lende Annähe­rung liefert.

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