Halloween H20

Halloween H20: 20 Years Later

USA 1998 · 86 Minuten · FSK: ab 16
Regie: Steve Miner
Drehbuch: ,
Kamera: Daryn Okada
Darsteller: Jamie Lee Curtis, Chris Durand, Adam Arkin, Josh Hartnett u.a.

Generationswechsel unter dem Messer

oder: Bringt mir den Kopf von Michael Myers

Vor fast 40 Jahren war es, da floh Janet Leigh (in der Rolle der Marion Crane) mit geraubten $40.000 in der Hand­ta­sche aus Phoenix, tauschte ihren Wagen gegen einen Ford mit dem Kenn­zei­chen NFB-418 und machte schließ­lich – übermüdet und durch strö­menden Regen orien­tie­rungslos geworden – Station in einem kleinen, abge­le­genen Motel. Das Motel gehörte einem gewissen Norman Bates, und was der mit der Frau unter der Dusche anstellte, ist Film­ge­schichte.

Mit Psycho hatte Alfred Hitchcock eine neue Ära des Horror­films einge­leitet, eine neue Art des Monsters geschaffen. Er hatte gegen die Regeln des Main­stream verstoßen, soweit er innerhalb des Main­stream nur konnte. Und er hatte – im selben Moment, wo er sie auf der Höhe absoluter Virtuo­sität zele­brierte – die Mecha­nismen des klas­si­schen, pater­na­lis­ti­schen Erzähl­kinos bewußt offen­ge­legt und unter­graben.
Es war das Ende der satten, braven, sauberen 50er.

Vor 20 Jahren war es, da war Janet Leighs Tochter Jamie Lee Curtis (in der Rolle der Laurie Strode) an der Reihe, von einem messer­schwin­genden Psycho­pa­then verfolgt zu werden. Ein gewisser Michael Myers war aus der Irren­an­stalt geflohen und in sein Heimat­s­tädt­chen zurück­ge­kehrt, um dort alles an Teenagern nieder­zu­met­zeln, was gegen konser­va­tive, puri­ta­ni­sche Werte verstoßen wollte. Die Prot­ago­nistin durfte überleben – aber nur in Angst vor Michael, der für immer irgendwo auf sie lauern würde.
John Carpenter hatte mit Selbst­re­fle­xi­vität nicht viel am Hut. Sein Halloween war eine kompakte, perfekt geölte Schock­ma­schine, die die Figur des Psycho­pa­then zurück­holte ins Reich mythi­scher Monster, und die das Genre des Teenie-Slasher-Films begrün­dete – das den ameri­ka­ni­schen Jugend­li­chen wieder Angst vor Sex, Drogen und Rebellion beibrachte. Daddy was back in business.
Es war das Ende der hedo­nis­ti­schen, expe­ri­men­tier­freu­digen, liberalen 70er.

Im Jahr 1998 steht ein weiterer Gene­ra­ti­ons­wechsel an.
Laurie Strode – die nun unter dem Namen Keri Tate lebt – ist mitt­ler­weile Mutter eines 17-jährigen Sohns (Josh Hartnett). (Ob's bewußt besonders clever oder schlicht schlampig von den Filme­ma­chern ist, daß es keine Tochter ist? – Ich bin mir nicht sicher.) Die Lektionen, die ihr Michael erteilt hat, haben offenbar gefruchtet: Sie ist nicht nur streng darauf bedacht, ihren eigenen Junior von allen vermeint­li­chen Lastern fern­zu­halten – sie ist auch noch Leiterin eines Internats für reiche Zöglinge, in dem sie für Zucht und Ordnung sorgt.
Doch hinter der auto­ritären Fassade hat sich wenig geändert: Auch nach 20 Jahren ist Jamie Lee Curtis – ihr aller­erster Auftritt in Halloween H20 beweist es gleich – die scream queen geblieben. Die Angst sitzt immer noch tief; Laurie/Keri weiß, daß die Geschichte noch immer kein Ende gefunden hat. An jeder Ecke meint sie, Michael zu sehen; kaum eine Person in dem Film, die sie nicht irgend­wann einmal in einer Sinnes­täu­schung für ihn hält. (Bezeich­nend oft aber erscheint ihr ihr Freund (Adam Arkin) als der masken­tra­gende Mörder.)
Der Film ist derart voll­ge­packt mit »Falscher Alarm«-Schocks, daß diese anfangs nervende Taktik mit der Zeit einen eigen­artig bedrü­ckenden Effekt hervor­ruft: Alles in der Welt dieses Films, egal wie harmlos, kann uns erschre­cken, kann kurz­fristig den Platz der zentralen Bedrohung einnehmen – und man beginnt sich zu fragen, ob die Erleich­te­rung nach dem Moment des Erkennens nicht eine voreilige ist; ob wir tatsäch­lich nur einer Verwechs­lung aufge­sessen sind, oder ob sich nicht etwas Tieferes über die Menschen und Dinge in dieser Welt enthüllt hat: Das Böse steckt in allen und allem.
Aber es ist klar – auf Dauer bleibt es nicht bei falschem Alarm, die Inkar­na­tion des Bösen muß auf den Plan treten. Michael ist mal wieder zurück, und er bleibt sich treu: sein großer Auftritt beginnt, als es zwischen Keri/Laurie und ihrem Freund gerade so richtig zur Sache zu gehen scheint.
Doch diesmal ist der Moment gekommen, wo diese Frau genug von ihrer ewigen Opfer­rolle hat und erbar­mungslos zurück schlägt – und sich endlich auch nicht damit zufrieden geben will, Michael scheinbar tot am Boden liegen zu sehen. Aber kurz vor dem finalen coup de grace wird sie gestoppt. Nicht zufällig ist es ein Hobby-Schrift­steller, der sie im letzten Moment davon abhält – einer, der sich von seiner Freundin am Telefon ständig erklären lassen muß, daß seine Testo­steron-getränkten Schund­roman-Vorstel­lungen von Sex aus weib­li­cher Sicht alles andere als über­zeu­gend sind. (Seltsam schräg gegen das wohl beab­sich­tigte Bild des Autors – dessen, der die Macht über die domi­nanten Texte hat – steht, daß es sich hier ausge­rechnet um einen Schwarzen handelt. Da waltete bei den Filme­ma­chern mit ziem­li­cher Sicher­heit nicht Clever­ness, sondern Profit­denken: Wahr­schein­lich hatte man für L.L. Cool J. keine andere Rolle mehr frei und wollte auf den zugkräf­tigen Namen nicht verzichten.)
Aber Jamie Lee Curtis läßt sich diesmal nicht so leicht aufhalten – sie will da raus, aus diesem ewigen Kreislauf. Und sie weiß: solange Michael noch seinen Kopf voll mörde­risch reak­ti­onärer Ideen auf den Schultern hat, kann nicht Schluß sein. »Off with his head« (und damit symbo­lisch auch einem anderen Teil spezi­fisch männ­li­cher Anatomie) muß die Parole lauten.

Es ist das Ende der 90er. Aufbruch in ein neues Jahr­tau­send?
Ob der Ausstieg gelingt, bleibt fraglich. Keri Tate hat eine Sekre­tärin, die Norma heißt (get it?) und zwischen­durch mal was von verstopften Abflüssen in der Mädchen­du­sche erzählt. Gespielt wird sie von Janet Leigh. Mit einem mütter­li­chen Ratschlag verab­schiedet sie sich von Jamie Lee – und aus dem Film. Sie steigt in ihr Auto und fährt davon. Es ist ein vierzig Jahre alter Ford – Kenn­zei­chen NFB-418.

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Nichts für Vegetarier

Michael Myers' Halloween Menü

Der Phantasie bleibt in Halloween H20 von Steve Miner nur die Frage über­lassen: Wie kann man nur so ein harter Knochen sein?

Es ist Herbst. Die Blätter haben sich goldgelb und rostrot verfärbt. Es ist die Zeit, in der jeder froh ist, ein Dach über dem Kopf zu haben, viel­leicht ein Häuschen in einem netten Vorort, mit einer gut funk­tio­nie­renden Küche, prächtig ausgerüstet mit einem warmen Herd, Töpfen und Messern. Sitzt man dann nach des Tages Mühen satt am Küchen­tisch, nimmt man gerne den nassen und windigen Weg ins Kino in Kauf, um sich etwas Unter­hal­tung zu gönnen – Halloween H20 viel­leicht.

Vorspeise: Kürbis­suppe
Zwanzig Jahre sind ins Land gezogen und es ist wieder Herbst. Die Blätter haben sich goldgelb und rostrot verfärbt. Es ist die Zeit, in der jeder froh ist, ein Dach über dem Kopf zu haben, ein Häuschen in einem netten Vorort viel­leicht, mit einer gut funk­tio­nie­renden Küche, prächtig ausgerüstet mit einem warmen Herd, Töpfen und Messern. Doch haben sich seltsame Bräuche unter den Menschen etabliert. Man höhlt Kürbisse aus, schneidet Fratzen in ihre Schale, stellt Kerzen in ihr Inneres. Das Fleisch der ausgehöhlten Kürbisse läßt sich gut als Suppe verar­beiten: Heiß und nahrhaft spiegelt sie in mildes Orange getaucht alle Gemüt­lich­keit und Wärme wieder, die einem jetzt so sehr angeht. Die Kinder aber maskieren sich und ziehen von Haus zu Haus. Sie rufen »Trick 'o' treat«, denn es ist Halloween. Auch Michael ist nach zwanzig Jahren wieder dabei. Er trägt noch immer dieselbe Maske. Michael ist 41, allein und sagt nie ein Wort.

Hauptgang: Verschie­denes Fleisch
Jamie Lee Curtis ist Laurie Strode. 1978 verhalf ihr diese Rolle unter der Regie von John Carpenter zum Durch­bruch. Nun, zwanzig Jahre später, spielt sie statt der 17-jährigen Baby­sit­terin die leitende Lehrerin einer wohl­si­tu­ierten Privat­schule im Norden Kali­for­niens. Vor zwanzig Jahren ist Laurie Strode dem ambi­tio­nierten Flei­scher­hand­werk ihres Bruders nur knapp entkommen. Michael Myers, der die gemein­same Schwester umge­bracht hatte, verbrannte schließ­lich. In der Phantasie von Laurie aber lebt Michael immer noch. Mit Alkohol und Tabletten versucht sie, die immer wieder­keh­renden Paranoia zu bekämpfen. Sogar ihren Namen hat sie geändert: Sie heißt jetzt Keri Tate.
Alles weitere trägt sich auf dem Gelände der Privat­schule zu. Die Zöglinge sind auf einem Ausflug. Keri beschließt, die Nacht zum ersten November in ihrem Haus auf dem Schul­gelände zu bleiben. Außer ihr sind nur noch ihr Liebhaber (Adam Arkin) und ihr Sohn John (Josh Hartnett), der mit drei seiner Freunde eine Halloween-Party feiert, zurück­ge­blieben. Da taucht Michael Myers (Chris Durand), der schon eine Spur unschöner, tödlicher Schnitt­wunden (z.B. die Kufe eines Schlitt­schuhs im Gesicht eines Teenagers) hinter sich herzieht, tatsäch­lich auf, und das Schlacht­fest beginnt. Doch Keri stellt sich dem zu knall­harter Realität gewor­denen Verfol­gungs­wahn.

Dessert: Der Kopf
Eigent­lich denkt man, Michael Myers ist schon tot. Alle denken es, nur Keri Tate, alias Laurie Strode, nicht. Die Ängste der vergan­genen zwanzig Jahre mögen eine Skepsis in ihr entwi­ckelt haben, die sie fein­füh­liger macht als die anderen. Sie weiß, daß er noch nicht endgültig tot ist, und nimmt die Sache in die Hand. Sie kapert den Leichen­wagen. Der schwarze Leichen­plas­tik­sack beginnt sich zu bewegen. Michael steht auf. Sie bremst. Er fliegt durch die Wind­schutz­scheibe. Er steht auf. Gemeinsam stürzen sie mit dem Wagen eine Böschung hinunter. Er wird zwischen einem quer liegenden Baum und dem Leichen­wagen einge­klemmt. Sie nicht. Er steckt fest. Sie hat eine Axt ... Kopf ab. Endlich.

Halloween H20 zeigt eine Reihe sehr realis­tisch anmu­tender Wunden. Viel­leicht zu realis­tisch für Zuschauer, die keine Fans des Hard-Core-Horrors sind. Auch sonst läßt der Film wenig Raum für Phantasie. Abgesehen davon ist es Steve Miner, sowie den Autoren Robert Zappa und Matt Greenberg gelungen, mit den Anleihen bei Debra Hill und John Carpenter respekt­voll umzugehen und einen hand­werk­lich über­zeu­genden Film zu drehen, der zudem voller Anspie­lungen auf Filme des Genres steckt. Vor allem Jamie Lee Curtis kann man sich nicht entziehen. Die Rolle der Laurie Strode/Keri Tate ist ihr auf den Leib geschrieben – eine Frau, die die Gele­gen­heit nützt, ihr Trauma zu über­winden. Nach dem finalen Schlag würde man sie gerne zu einer Schale Kürbis­suppe einladen.

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