Goethe!

Deutschland 2010 · 104 min. · FSK: ab 6
Regie: Philipp Stölzl
Drehbuch: , ,
Kamera: Kolja Brandt
Darsteller: Alexander Fehling, Miriam Stein, Moritz Bleibtreu, Volker Bruch, Burghart Klaußner u.a.
Statt Goethe Knutschen bei Gewitter

Goethe?

Der Kurier der Kaiserin: Für Philip Stölzls Goethe! ist ein Ausrufezeichen eigentlich gar nicht genug.

Wenn man diesen Film richtig einschätzen will, muss man ihn nur einmal Joann Sfars Gains­bourg (Vie héroïque) verglei­chen, der ebenfalls an diesem Donnerstag ins Kino kommt. Man könnte auch, wenn einem das nicht zu anstren­gend ist, Heinrich Manns Essay über Voltaire und Goethe lesen: Frank­reich gegen Deutsch­land, Lebens­kunst gegen Behä­big­keit, Pop-Radi­ka­lität gegen Pop-Behaup­tung, Revo­lu­tion gegen Reaktion, Sexyness gegen »Sturm und Drang«, und so weiter und so fort, das Match geht so ungefähr 7-0 aus, und auch der leider unum­gäng­liche Vergleich dieser beiden Filme.

Denn man will ja gnädig sein, nett, freund­lich, auch wenn Gnade wahr­schein­lich das Letzte ist, was sich die Macher wünschen können. So gilt hier wieder mal: Wer hat Angst vorm klugen Mann? Niemand! Denn wenn er kommt, dann laufen wir! Neuestes Beispiel: Goethe! Das Wich­tigste an diesem Film ist sowieso das Ausru­fe­zei­chen. Hinter dem Titel. Eigent­lich sagt es schon alles. Die Angeberei, das Auftrump­fende, mit dem dieser Film vermarktet wird, zugleich auch die Anbie­de­rung ans Ziel­pu­blikum im Teenie-Alter: Goethe! Goethe halt!! Ey Goethe!!!

Also heißt es nun statt Deutsch­land gegen Türkei wie letzte Woche nun in der bevor­ste­henden: Goethe gegen Gains­bourg. Ob das Ganze 3-0 ausgehen wird, muss man mal abwarten. Nach Baby und Nordwand nimmt sich der dritte Film von Philip Stölzl jetzt einer der bedeu­tendsten Figuren der deutschen Literatur an: Goethe! bietet mehr Dichtung als Wahrheit, und macht aus dem klas­si­schen Dich­ter­fürsten einen Lite­ra­tur­helden, eher John Dubbleju als Johann Wolfgang von Goethe.

Im Buchmarkt gibt es Sie ja schon länger, diese Bücher wie »Nietzsche zur Einfüh­rung«, »101 Fragen an Thomas Mann«, »Proust für Eilige« und »Shake­speare für Dummies«. Viel­leicht ist gegen all dies ja auch wirklich nichts zu sagen, und viel­leicht ist es wirklich besser, man liest den Werther, als die Bravo. Das Problem daran ist nur, dass es, wenn Goethe erstmal aufs Niveau der Bravo herun­ter­ge­stutzt wurde, irgend­wann auch keinen Unter­schied mehr macht, und die Bravo dann zumindest ehrlicher ist.

Was man auf der Leinwand sieht sind die Jugend­jahre eines Menschen, der erst später berühmt werden wird: Glaubt man Philip Stölzl, der mit Video­clips für Madonna und die umstrit­tene Rockband Rammstein berühmt wurde, später dann diverse Opern insze­nierte, und zwei Spiel­filme, dann war Goethe eigent­lich ein echt saucooler Typ, der aber keinen Plan hat, und deswegen sein Unistu­dium schleifen lässt und lieber mit ein paar geilen Chicks abhängt. Ein geiler Rocker halt, der gut drauf ist und lieber Party machen will.

Erzählt wird die Liebe Goethes (eindrucks­voll: Alexander Fehling), der gerade durch sein Jura-Examen gefallen ist, und sich als Möch­te­gern-Popli­terat betätigt, zur hübschen Lotte Buff (Miriam Stein). Die ist aber einem anderen verspro­chen, was immerhin die gute Wirkung hat, dass Goethe seinem Liebes­kummer in Form von Literatur subli­mieren muss, und ihm so sein Debü­troman Die Leiden des jungen Werther einfällt.

Statt nun zu versuchen, etwas über einen Künstler und künst­le­ri­sches Schaffen zu erzählen, bietet Stölzl lieber billige Schmon­zette und seichte Abenteuer. Geknutscht wird zum Gewitter, gefummelt bei Kerzen­licht. Weil alles moder­ni­siert ist, darf man Goethe auch nackt sehen und beim »ersten Mal« zugucken, obwohl längst jeder wissen kann, dass Goethe höchst­wahr­schein­lich erst mit 39 Jahren zum ersten Mal Sex hatte, und auch die Mädchen seiner Zeit recht zurück­hal­tend waren – nicht aus Tugend, sondern aus Angst vor Syphillis – haben die Macher wohl wie wir auch erst aus der FAS erfahren. Manche Dialoge sind in gekün­s­teltem Schwur­bel­deutsch gehalten, der Nichts­ah­nenden »histo­risch« vorkommt, ansonsten ist dieser Goethe im ganzen Habitus ein moderner Jüngling, rebel­len­hafter als wahr­schein­lich das histo­ri­sche Vorbild. Er geht seinen eigenen Weg, und verspottet die Tradition.

Aber all das ist nur Fassade. Nicht für Goethe, aber für den Film und seinen Regisseur. Der nämlich ist auch insofern zeitgemäß, dass er alles wirklich Rebel­li­sche, also Sperrige, Unkon­ven­tio­nelle, Anti­au­to­ritäre aus dem Film getilgt hat. Dieser Goethe ist kein Revo­lu­ti­onär, auch kein konser­va­tiver, er ist kein künst­le­ri­scher Avant­gar­dist, sondern einer von uns, nur ein bisschen fescher. Zu Ufa-Zeiten hätte Hans Albers so einen gespielt, der die Tiefe eines Zahn­putz­be­chers hat, den nichts erschüt­tern kann, weil am Ende die Mädchen auf ihn fliegen – und nur dazu ist natürlich die Dichtung gut. Goethe als flatternd fröh­li­cher Hedonist – dies ist die unglaub­lich biedere – und ganz bestimmt zeit­ge­mäße – Substanz dieses Films. Darin erinnert dieser Goethe mehr an den »Kurier der Kaiserin« als dem in den 70er-Jahren Klaus­jürgen Wussow die Herzen zuflogen, als an einen Mann, der altgrie­chi­sche Vers­dramen schrieb, und dessen Kunst, wie der Film nahelegt, vor allem aus Enttäu­schung kam: Weil er sein Mädchen nicht bekam, musste er dichten, so die etwas über­ra­schende, aber auch altba­ckene Moral des Films.

Stilis­tisch ist Goethe! ein aufwen­diges Kostüm­film-Liebes­drama, das in bombas­tisch tuender, dann aber doch brav-konven­tio­neller Fern­seh­film-Ästhetik – co-finan­ziert hat Pro7/Sat-1 – gedreht und sehr aufdring­lich mit klas­si­zis­ti­schen Musik­tönen unterlegt wurde, und sich eindeutig vor allem an ein jugend­li­ches, jeden­falls ein unbe­darftes Publikum wendet. Je weniger man von Goethe weiß, um so besser.

Gegen all dies wäre nun noch nicht mal viel zu sagen, würde der Film nicht so tun, als ginge es um Goethe. Die Haupt-Frage ist ja eigent­lich nur, warum man einen Film über Goethe macht, wenn man sich nicht für Goethe inter­es­siert. Die Antwort liefert Co-Produzent Bully Herbig: Goethe sei »zum ersten Mal ... main­stream­taug­lich« wird er zitiert. Na dann!

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