Get Smart

USA 2008 · 110 min. · FSK: ab 12
Regie: Peter Segal
Drehbuch: ,
Kamera: Dean Semler
Darsteller: Steve Carell, Anne Hathaway, Dwayne Johnson, Alan Arkin, Terence Stamp u.a.
Rasante Persiflage

»Kaos« gegen »C.O.N.T.R.O.L.«

Wie man eine TV-Serie recycelt: Get Smart ist ein angenehmes, kindisches Vergnügen

Es gibt keine Unschuld mehr. Und viel­leicht darf man daher solche Filme gar nicht machen. Weil sie nicht nur eine alte TV-Serie aus der Hochzeit des Kalten Kriegs fürs Kino recyceln, sondern damit auto­ma­tisch auch ein Lebens­ge­fühl und eine Naivität nicht nur des Humors zitieren, die längst ein für alle Mal vergangen sind, schlichte Träume auch vom glamourösen Agen­ten­leben mit schönen Frauen, kühlen Drinks, irgendwo zwischen Ägypten und Rio, Venedig und Hongkong. Heute dagegen meinen wir zu wissen, dass Geheim­agenten eigent­lich Lang­weiler sind, unter­be­zahlte Spießer in häßlichen Räumen, Büro­kraten, die auch nicht mehr Ahnung von den Dingen haben, als wir vor unserem Fernseher, die ihre simplen Inter­pre­ta­tionen aber immer wieder als Wahr­heiten verkaufen müssen, obwohl die Wahrheit doch längst abge­schafft wurde in der Post­mo­derne. Allen­falls also tragische, komplexe Figuren im Schatten zwischen Anspruch und Wirk­lich­keit, aber nie und nimmer glamourös.

Weil wir zuviel wissen, weil wir in einem neuen Bieder­meier leben, dessen versteckte Bosheit und Dämonie mit dieser Art heiterer Lässig­keit nicht zu erfassen ist, weil sie selbst lässig daher­kommt, darum sind wir für solche Filme viel­leicht gar nicht mehr gemacht. Richtig subversiv ist Get Smart nämlich nicht. Viel­leicht muss man aber solche Filme machen, weil sie uns daran erinnern, dass alles auch anders sein könnte. Lachen befreit und »Camp«, schrieb Susan Sontag, »ist gut für die Verdauung.«

»Kaos« gegen »C.O.N.T.R.O.L.« – so einfach ist der Gegensatz in Get Smart. Ein böser sadis­ti­scher Schurke und Beet­ho­ven­lieb­haber mit dem sympto­ma­tisch germa­ni­schen Namen Konrad Siegfried, Chef der Terror­or­ga­ni­sa­tion »Kaos«, charak­ter­lich ange­sie­delt irgendwo zwischen Blofeld und Kim Jong-il, will die Welt­herr­schaft und bedroht die USA mit einem Atom­schlag. Dagegen kämpft »C.O.N.T.R.O.L.«, die mensch­li­chere, aber eben auch leider fiktive Kino-Alter­na­tive zur CIA. Zwei »C.O.N.T.R.O.L.«-Experten, die überaus attrak­tive Agentin 99 (Anne Hathaway) und Maxwell Smart (Steve Carell), der eigent­lich völlig über­for­derte und zum ewigen Schreib­tisch­dienst verdammte Agent 86 erhalten den Auftrag, das zu verhin­dern.

Mehr muss man nicht wissen über den Plot des Films, denn weil dies alles nicht wirklich ernst gemeint ist, sondern nur Anlass für eine furiose Persi­flage wird, kann man die Drohung auch nicht ernst nehmen – und Get Smart tut das zu keiner Sekunde. Selbst wenn der Showdown dann so spannend erzählt und insze­niert ist, wie in Hitch­cocks The Man Who Knew Too Much, nur leider mit dem Zusatz, dass wir im Publikum auch immer zuviel wissen, in diesem Fall auch nie ernsthaft fürchten, dass im von Frank Gehry erbauten Disney Center von Los Angeles eine Atombombe zünden könnte. Der Weg ist das Ziel dieses Films, die Handlung liegt jenseits des Plots und besteht aus dem Parodieren allen Bombasts und Ernstes der Agenten- und Action­filme, die Block­bus­ter­per­si­flage soll in Get Smart selbst Block­buster werden.

Man muss dazu auch nicht wissen, dass Get Smart einst, seit 1965 als TV-Serie erfolg­reich im US-Fernsehen lief und dann irgend­wann auch in West­deutsch­land unter dem Titel »Mini Max«, und für ein paar Jahre Kult wurde (Hier der berühmte Trailer der alten Serie: [http://www.youtube.com/watch?v=AvMj5LuT5hk]). Der Komiker Don Adams spielte Smart, Barbara Feldon 99, deren Namen man hier übrigens nie erfährt, und was schon sehr früh für den Kinofilm einnimmt, ist wie ähnlich seine Haupt­dar­steller, der nerdig-liebens­werte Steve Carell und die einfach nur bezau­bernde, immer noch sträflich unter­schätzte Anne Hathaway den Fern­seh­dar­stel­lern sind. Carell macht seine Sache gut, wirkt allen­falls etwas brav. In den Schatten ab er stellt ihn klar Anne Hathaway, die sich mit ihren Auftritten in Brokeback Mountain und Havoc längst von aller Plötzlich Prin­zessin-Nied­lich­keit gelöst hat. Als 99 lässt sie neue Talente sichtbar werden, und entwi­ckelt eine wunder­bare komische Seite. Carell und Hathaway haben nur knapp zwei Stunden Zeit, ein Lein­wand­ver­hältnis zu entwi­ckeln, und so versteht man nicht recht, warum jetzt an manchen Orten zu lesen ist, »die Chemie« zwischen beiden stimme nicht. Wir finden: Sie stimmt perfekt! Auch in der TV-Serie ging es nie um Sex, sondern um Sexyness – schon deshalb, weil die Auftritte von Adams so comichaft und kalku­liert künstlich, so stand-up-comeadian waren, dass Smart im Gegensatz zu seinem weib­li­chen über­le­genen Gegenüber nie ganz von dieser Welt schien.

Gewiss: Im Hollywood der Krise, in der ein Block­buster nach dem nächsten ökono­misch enttäuscht, ist dieser Film auch ein neuer, verzwei­felter Versuch, auf Nummer sicher zu gehen, indem man eine alte TV-Serie fürs Kino recycelt. Bei Mission: Impos­sible oder Charlie's Angels hat das Rezept gut funk­tio­niert, aber auch hier wird es Fans der alten Serie geben, die deren Charme vermissen – aber der lässt sich eben nicht repro­du­zieren; die Unschuld der Sechziger ist vorbei. Nur ist es auch ein bisschen sonderbar, wenn jetzt Menschen, die noch gar nicht auf der Welt waren, als Adams und Feldon im deutschen Fernsehen flirteten, sich über den fehlenden alten Serien-Charme echauf­fieren – das sagt eher etwas über die histo­ris­ti­schen Gefühle unserer Gegenwart.

Regisseur Peter Segal (Die Wutprobe, 50 erste Dates) vermeidet den Fehler, eine solche Wieder­be­le­bung dennoch zu versuchen, und dann zwangs­läufig in Nostalgie zu ertrinken. Seinem Get Smart-Film gelingt es, ohne die Serie und den Geist von Erfinder Mel Brooks zu verraten, zeitgemäß zu sein, und das action­dürs­tende Teenager­pu­blikum anzu­spre­chen und zugleich als ganz zeitlose Klamotte zu funk­tio­nieren: Das bringt Get Smart in die Nähe eines Louis-de-Funes-Films: Dies ist eine Klamotte, da hilft kein Herum­ge­rede, alles ist sehr, sehr albern und manche Scherze sind ungemein platt und wahn­sinnig blöd – aber ganz erstaun­li­cher­weise funk­tio­nieren sie irgendwie doch! Und der Witz ist erwachsen, zotenarm und zumeist sehr geist­reich.

Trotzdem strotzt der Film natürlich von Anspie­lungen auf die alte Serie. Offen­sicht­li­chen, wie dem Schuh-Telefon, oder dem »Cone of Silence«, und weniger deut­li­chen, wie Smarts immer ein bisschen zu enge Anzüge und seine immer wieder­keh­renden Sätze: »Would you believe…?«, und »Missed it by THIS much«. Von Mel Brooks angedacht als Parodie der ersten Bond-Filme und Rip-Off von Peter Sellers’ »Inspector Clouseau«-Auftritten funk­tio­niert das Ganze, obwohl man heute mit guten Gründen der Meinung sein kann, dass die Geheim­dienste sich längst selber parodieren. Und obwohl ja Bond irgendwie schon immer auch eine Parodie seiner selbst war, und es spätes­tens seit Casino Royale wurde. Die alte Serie, entwi­ckelt kurz nach der Cuba-Krise, auf dem Höhepunkt des atomaren Wett­rüs­tens und des Viet­nam­kriegs war qua ihrer Natur anti-patrio­tisch. Sie gab den Ernst von Politik, Militär und Geheim­dienst, auch das alldem inherente männliche Helden­ideal, das selbst in den Bond-Filmen noch mitschlum­mert, der Lächer­lich­keit preis.

So hat ganz nebenbei, und auch das ist Louis-de-Funes-like, auch dieser Film dann sogar ein paar richtig geist­reiche Witze zur Gegenwart, der diese, und den Wahnsinn des „Kampf gegen den Terror“ ähnlich grob entlarvt, wie einst Kubrick das atomare Wett­rüsten in Dr. Stran­gelove. Schon der Satz des »C.O.N.T.R.O.L.«-Chef (Alan Arkin) ist abgründig: »Wir sind keine Menschen, die anderen Zettel an den Kopf tackern – das ist CIA-Mist«. Aber wenn dann der Ober­schurke beim US-Präsi­denten anrufen und seine Bomben­dro­hung loswerden will, und statt­dessen in einer auto­ma­ti­schen Tele­fon­schleife landet: »Für Drohungen gegen die Ostküste drücken Sie bitte die 1, für Drohungen gegen die Westküste drücken Sie bitte die 2, für Drohungen gegen Hawaii bitte die 3«, dann ist das sehr böse, sehr trocken, und trotzdem wackelt das Kino vor Lachen.

Darüber hinaus gibt es viele herrliche kleine Szenen, wie die mit Bill Murray als Agent 13, um den sich in der Serie der Running Gag entwi­ckelte, dass er immer an den absur­desten Orten zum Vorschein kommt. Hier ist er im Inneren eines Baumes versteckt. Oder die Auftritte von James Caan als US-Präsident, der – auch dies ein Grund, die Origi­nal­ver­sion zu gucken – immer statt »nuclear« »nucular« sagt. Und während er bereits von der Drohung eines Atom­bom­ben­schlags gegen Los Angeles infor­miert ist, liest er vor einer Schul­klasse in dem Kinder­buch »Goodnight Moon« – wie George W. Bush am 11. September 2001. Ein Schüler sagt ihm: »Du wärst ein lausiger Lehrer« – und wird dezent aus dem Rahmen der Kamera gezogen. Auch hier gibt es übrigens keine Zufälle: So sollte einen früh stutzig machen, wenn ein Agent ausge­rechnet die Nummer 23 trägt.

Das einzige Ärgernis ist eine deutsche Synchro­ni­sa­tion, die nicht halb so geschmack­voll und charmant ist, wie das englische Original – wer kann, sollte sich dieses ansehen. Alles Übrige, nicht zuletzt auch die Chemie und der Witz seiner Darsteller, macht Get Smart zu einem überaus ange­nehmen, im besten Sinne kindi­schen Vergnügen.

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