Genesis

Frankreich 2004 · 80 min. · FSK: ab 0
Regie: Claude Nuridsany, Marie Pérennou
Drehbuch: , ,
Kamera: Claude Nuridsany
Darsteller: Sotigui Kouyaté
Leben entsteht

Das Märchen vom Werden

Genesis, der neue Film des Mikro­kosmos-Teams, verknüpft die Geschichte der Evolution mit der von der Entste­hung des Menschen. Leben und Sterben, fressen und gefressen werden präsen­tieren sich als Märchen, in dem die Liebe eine prägende Grund­kon­stante darstellt. Natürlich geht es auch um Konkur­renz und Kampf. Der Märchen­er­zähler Sotigui Kouyaté fängt das komplexe Geschehen in anschau­li­chen Sprach­bil­dern ein. Die Wahl fiel aus verschie­denen Gründen auf einen Afrikaner: der schwarze Kontinent gilt als Wiege der Mensch­heit, und hier ist die Tradition münd­li­chen Erzählens noch lebendig. Eigent­lich spielt jedoch die Kamera die Haupt­rolle. Großer tech­ni­scher Aufwand war nötig, um sie derart hinter ihren Bildern verschwinden zu lassen. Was beob­achtet sie nicht alles, vom Einzeller zum Menschen­wesen. Nichts bleibt ungesehen, weder auf den Klippen zerbors­tener Strände der Gala­pa­gos­in­seln, noch in der schein­baren Gebor­gen­heit, die im Ei eines Krokodils oder im Bauch einer Menschen­mutter herrschen sollte. Faszi­nie­rende Aufnahmen von norma­ler­weise Unsicht­barem.

Doch die Filme­ma­cher vertrauen zu sehr auf die Kraft dieser Bilder und versuchen, mit asso­zia­tiver Montage dem groben Faden der Geschichte folgend zu verbinden, was nicht zusam­men­gehört. Die Verknüp­fungen zwischen Bild und Text sind oft weit hergeholt, die tieri­schen Darsteller werden unan­ge­messen vermensch­licht. Dazu trägt auch die akus­ti­sche Konstruk­tion des Filmes einiges bei. Neben der aufdring­lich emotio­na­li­sierten Musik stört vor allem das Mickey-Mousing: die jeder Bewegung unter­legten »drolligen« Töne, die den Gang einer Riesen­schild­kröten mit dem Dröhnen von Dino­sau­ri­er­schritten begleiten, um nur ein Beispiel zu nennen. Bei Mikro­kosmos mag das ange­messen gewesen sein, denn die unbe­kannte Welt zwischen den Gräsern verfügt über Geräusche, die mit unseren Ohren nur bedingt zu fassen sind. Doch bei größeren Tieren wirkt das eher albern und entstel­lend.

Die Idee, die Genesis als Märchen zu erzählen, hat ihren Charme. Denn was ist schon der prin­zi­pi­elle Unter­schied zwischen der Über­lie­fe­rung in Wissen­schafts­jour­nalen und der münd­li­chen? Warum nicht wie einen alten Mythos erzählen, was wir hier über unsere Herkunft erfahren. Man sollte sich aller­dings vorher darüber im klaren sein, ob man diesen Zugang akzep­tieren kann.

Traurig ist jedoch, dass die Synchro­ni­sa­tion der Erzähl­si­tua­tion so schadet. Mit Christian Brückner wurde zwar ein Sprecher verpflichtet, der nuanciert erzählen kann (und dem es fast gelingt, seine Spielfilm-Sprech­rollen, als Robert de Niro beispiels­weise, vergessen zu machen). Im Off funk­tio­niert das wunderbar. Aber häufig ist der Märchen­er­zähler Kouyaté im Bild, spricht in die Kamera, wenn er seine Gleich­nisse von Sand und Wasser erzählt. Und hier wird die Diskre­panz deutlich zwischen Bild und Ton, hier sieht man allzu deutlich, was man nicht hört. Der Haupt­figur ist das wich­tigste Werkzeug seiner Tätigkeit genommen: die eigene, wohlüber­legt modu­lierte Stimme – und die kann auch durch den besten deutschen Synchron­spre­cher nicht ersetzt werden.

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