Frances Ha

USA 2012 · 86 min. · FSK: ab 6
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: ,
Kamera: Sam Levy
Darsteller: Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driver, Michael Zegen u.a.
Freundschaft!

Ostküsten Westküsten Freundschaft

Zu den großen Mythen der ameri­ka­ni­schen Kultur zählt der ewige Streit zwischen der Ostküste und der Westküste, übli­cher­weise vertreten durch die Metro­polen Los Angeles und New York. Einer­seits das sonnige L.A., das für endlose Partys, Ober­fläch­lich­keit, Effekte, Kommerz, easy living, schöne Menschen und beschränkte Intel­lek­tua­lität steht, ande­rer­seits das lebens­feind­liche New York (das Wetter, die Krimi­na­lität, die Kosten, etc.), in dem allein schon wegen den Lebens­um­s­tänden alles exis­ten­ziell ist, in dem jeder zweite ein echter Künstler (also kein Möch­te­gern­film­stern­chen, sondern Maler, Poet, Filme­ma­cher oder Musiker) ist und in dem Intel­lek­tua­lität wichtiger ist als ein perfekter Körper.

In diesen Antipoden und ihrem endlosen Gerangel stecken natürlich viele Klischees und natürlich gibt es auch in L.A. hässliche, kluge und in N.Y. schöne, reiche, dumme Menschen aber letztlich findet man darin schon einen wahren Kern und gerade Künstler richten sich nur zu gerne in diesen vorge­ge­benen Mustern ein, spielen damit und befördern sie.

Der berühm­teste kultu­relle Ostküsten-West­küsten-Konflikte (neben dem HipHop) ist wohl der im Film­ge­schäft, der seinen Anfang circa 1910 nahm, als aus der damaligen Film­haupt­stadt N.Y. reihen­weise die Produk­ti­ons­firmen in eine öde Gegend namens Hollywood zogen. Seither pflegt man eine freund­liche, meist ironisch neckische gegen­sei­tige Abneigung, die in N.Y.-Filmen meist als Häme gegenüber der Ober­fläch­lich­keit der Westküste zum Ausdruck kommt (der dies­be­züg­liche Klassiker ist Woody Allens trau­ma­ti­scher Aufent­halt in Kali­for­nien im Film Annie Hall), während Hollywood eine große Leiden­schaft dafür hat, in Kata­stro­phen­filmen ausge­rechnet die Häuser­schluchten von N.Y. effekt­voll unter­gehen zu lassen.

Aktuell bietet sich die schöne Gele­gen­heit, diesen Konflikt in seiner Reinform zu erleben, da im Kino die Filme Frances Ha und Das ist das Ende, die mustergültig für die genannten Unterschiede (und eine überraschende Gemeinsamkeit!) stehen, laufen.

Einer­seits also Frances Ha, ein prototypischer New York-Film, natürlich in schwarz-weiß, natürlich mit kleinem Budget, natürlich ohne Effekte, natürlich mit weitgehend unbekannten Darstellern, natürlich voller (Lebens)Künstlern und Boheme, natürlich sprühend geistreich, natürlich melancholisch-ironisch eingestimmt. Eine wunderbar erzählte Geschichte der wechselhaften Beziehung zweier Freundinnen, einerseits der sympathisch chaotischen Frances, andererseits der bescheiden nach Erfolg und Normalität strebenden Sophie. All das erzählt vom notorisch intellektuellen Noah Baumbach, voll mit anspruchsvollen Referenzen, vorzugsweise auf die New Yorker Filmhistorie von Woody Allen bis Jim Jarmusch. Eine wunderschöne, geistreich Geschichte, mit einfachen Mitteln großartig erzählt, zurückhaltend aber doch anrührend, mal komisch, mal tragisch und immer voller Momente der puren Wahrhaftigkeit. Wichtige Klammer des Films ist New York, die zahlreichen Umzüge Frances‘ in der Stadt übernehmen die Funktion von Kapitelüberschriften.

Ande­rer­seits also Das ist das Ende, ein proto­ty­pi­scher L.A.-Film, natürlich in knalligen Farben, natürlich voll­ge­stopft mit visuellen Effekten jeder Art (abge­trennte Köpfe, Explo­sionen, schreck­liche Monster), natürlich voll­kommen Star-fixiert (praktisch nur Holly­wood­stars die sich selber spielen), natürlich laut, aufdring­lich, derb. Eine aber­wit­zige Geschichte vom Welt­un­ter­gang (im bibli­schen Sinne), den ein Haufen mehr oder minder befreun­dete Schau­spieler im Haus von James Franco erleben. Ein absurd wildes Treiben an der Grenze zur Geschmack­lo­sig­keit (gerne auch mal die Grenze über­schrei­tend), erstellt von einer Gruppe befreun­deter Film­schaf­fender wie Seth Rogen und Evan Goldberg, die scheinbar eine drogen­ge­schwän­gerte Herren­abend-Idee zu einem hyper(selbst)refe­ren­zi­ellen Hollywood-Comedy-Filmstar-Spektakel verar­beiten. Der Hinter­grund dafür ist die Stadt L.A., vor allem Hollywood, das effekt­voll zur Hölle fährt. Alles sehr wild und aufge­dreht, aber da die Betei­ligten der Judd Apatow-Schule entstammen auch äußert lustig und trotz allem stel­len­weise auch sehr klug und emotio­nell viel­schichtig. Und gerade an diesem Punkt wird es inter­es­sant.

Denn so extrem unter­schied­lich diese beiden Filme auch sein mögen, haben sie doch eines gemeinsam, sie sind beide wunder­bare, ehrliche, ergrei­fende Werke über die Freund­schaft.

In Frances Ha sind es zwei Frauen, die erst unzertrennlich sind, denen dann irgendwie das Leben dazwischen kommt, die sich entfremden, um über Umwege dann doch wieder zu erkennen, was sie einander bedeuten. Als Mann kann ich schlecht beurteilen, wie realistisch diese Schilderung einer Frauen-Freundschaft ist, sie wirkt auf mich jedoch zutiefst glaubhaft, was auch daran liegen mag, dass gewisse Aspekte von Freundschaft einfach universell sind und deshalb von jedermann verstanden werden können (die Frage, inwiefern es überhaupt Unterschiede zwischen reinen Männer- bzw. Frauenfreundschaften gibt, ob solche nur eingebildet sind oder die Folge einer gender-kulturellen Erziehung, will ich hier ausdrücklich nicht weiter vertiefen).

In Das ist das Ende sind es sechs Männer (wobei die Freundschaft von Seth Rogen und Jay Baruchel im Mittelpunkt steht), die in einem komplexen, sich laufend ändernden Bekanntschafts- und Freundschaftsnetzwerk stehen, die ständig ihre Position gegenüber den anderen neu bestimmen, die jeweilige Ab- oder Zuneigung immer neu verhandeln. Auch wenn diese Entwicklungen im Film (handlungsbedingt) extrem zeitlich gerafft sind, ergeben sie doch ein ziemlich exaktes Bild davon, wie Männerfreundschaften funktionieren (das kann ich nun aus eigener Erfahrung bestätigen).

Zwei Filme, zwei Städte (fast schon zwei Welten), zwei künst­le­ri­sche Konzepte und doch ein großes Thema. Der Vergleich der Filme Frances Ha und Das ist das Ende belegt auf das schönste, dass unter der Firnis (bzw. den Ölfarben) der kulturellen Unterschiede doch immer dieselbe Leinwand des echten Lebens steckt.

Dass wohl nur wenige Menschen beide Filme anschauen werden (um diese Gemein­sam­keit zu erkennen), da sie sehr unter­schied­li­ches Ziel­pu­blikum anspre­chen, resul­tiert aus kultu­rellen Miss­ver­s­tänd­nissen bzw. Abgren­zungen, die leider weit über den oben genannten Ostküsten-West­küsten-Konflikt hinaus­gehen.

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