Fräulein Else

Deutschland/Indien/Ö 2013 · 70 min. · FSK: ab 0
Regie: Anna Martinetz
Drehbuchvorlage: Arthur Schnitzler
Drehbuch:
Kamera: Jakob Wiessner
Darsteller: Korinna Krauss, Michael Kranz, Martin Butzke, Katalin Zsigmondy u.a.
So wunderbar wie originell

Stich ins Herz unserer Zeit

»Nein, auch für 30.000 kannst Du nichts von mir haben. Aber für eine Million? Für ein Palais? Eine Perlen­schnur? Nun, wie wäre es Papa, wenn ich mich heute Abend für Dich verstei­gerte?« – schwarze Tage an der Börse, mal wieder. Else, ein Mädchen aus gutem Hause, verwöhnt gewiss, aber weder dumm noch abgehoben, wird von ihren Eltern den Gläu­bi­gern zum Fraß vorge­worfen: Sie soll einen Reichen heiraten, damit der Kredit für die Alten weiter fließt. Ein Opfergang von ganz irdischem, also unge­heurem Ausmaß.

»Mein liebes Kind, Du kannst mir glauben, wie leid es mir tut, dass ich Dir in Deine schönen Ferien mit einer so unan­ge­nehmen Nachricht hinein­platze. Kurz und gut: Die Sache mit Papa ist akut geworden.«

Arthur Schnit­zler schrieb seine auch heute noch atem­be­rau­bende Novelle »Fräulein Else« im Jahr 1924, also noch vor dem schwarzen Freitag und der großen Welt­wirt­schafts­krise – aber voller Vorahnung und auch als Kunstwerk seiner Zeit weit voraus. Die Geschichte ist als innerer Monolog erzählt. Das Innere und die Subjek­ti­vität einer Figur nun in Bilder zu über­setzen, ist schwer für Filme­ma­cher und im Gegensatz zu anderen Schnit­zler-Stoffen wurde diese Novelle daher auch in der Vergan­gen­heit kaum verfilmt. Nur der so exzel­lente wie verges­sene Stummfilm von Paul Czinner von 1928, also noch zu Schnit­z­lers Lebzeiten, mit Elisabeth Bergner in der Haupt­rolle, blieb im Gedächtnis.

Anna Martinetz, eine Öster­rei­cherin, die an der Münchner Film­hoch­schule Regie studiert, hat es jetzt für ihren Regie-Abschluss gewagt – und das Ergebnis ist so wunderbar wie originell. Das hat die Regis­seurin nicht zuletzt ihrem Mut zu verdanken. Denn sie hat den Stoff recht thea­tra­lisch und bühnennah, trotzdem sehr filmisch insz­e­niert und siedelt ihn unter Deutschen an. Vor allem hat sie ihre Else-Version nach Indien versetzt, nicht in ein Bollywood-Märchen­land, obwohl dieser Film reich gefüllt ist mit einigen welt­berühmten sinn­li­chen Bollywood-Hits. Sondern zum einen in ein Indien der brutalen Wirk­lich­keit, zum anderen zugleich in ein subtro­pi­sches Imperium, und einen post­ko­lo­nial-deka­denten, zugleich pracht­voll traum­ver­wun­schenen Ort, dessen alte Hotels zum Zufluchts­punkt des verar­menden, in jeder Hinsicht erschöpften Europa werden.

Alles scheint hier dem Verfall preis­ge­geben – bis auf die Natur, die in Gestalt von Tigern und Elefanten so wild wie überlegen auftritt.

Dies ist in der Ausfüh­rung so phan­tas­tisch wie klug und fürs Publikum mitreißend erzählt. Der Film sticht zudem ins Herz unserer Zeit: Denn Martinetz macht aus Schnit­z­lers Abgesang auf die Vorkriegs­ge­sell­schaft ein hoch­ak­tu­elles modernes Gesell­schafts­drama. Sie zeigt eine moralisch korrupte Eltern­ge­ne­ra­tion, die die Zukunft ihrer Kinder ganz beiläufig verspielt. Nicht die Erben sind das Problem, sondern die Erblasser.

Wenn das nicht aktuell ist! Darum macht es auch Sinn, dass in diesem Film in einer doku­men­ta­ri­schen Passage sogar Angela Merkel einen Auftritt hat – in einer absurden Szene, bei der die Bundes­kan­z­lerin einen Besuch bei einem Karne­vals­umzug macht. Karneval, also Über­schrei­tung, ist hier das Geheimnis einer ganz gegen­wär­tigen, unter­halt­samen, mitreißenden, unbedingt sehens­werten Lite­ra­tur­ver­fil­mung.

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