Der Fluch von Darkness Falls

Darkness Falls

USA 2003 · 85 min. · FSK: ab 16
Regie: Jonathan Liebesman
Drehbuch: ,
Kamera: Dan Laustsen
Darsteller: Chaney Kley, Emma Caulfield, Lee Cormie, Joshua Anderson u.a.

Er sitzt halbnackt in einer Badewanne, der Raum strahlt hell erleuchtet, sein Gesicht halb abge­schnitten durch den Dusch­vor­hang. Er hat einige Minuten der Panik hinter sich, der Furcht. Viel­leicht auch ein bisschen Erleich­te­rung, jetzt, wo sich seine Albträume im fühlbaren, realen Raum mani­fes­tieren. Er ist allein, ein einsames kleines Kind, die Mutter liegt erschlagen außerhalb seiner Sicht­weite. Die Kamera fährt zurück, aus dem Bade­zimmer heraus in die Schwärze des Flurs. Verloren und so unglaub­lich weit entfernt wartet er auf Hilfe, das Licht verwiesen in die Begren­zungen der Tür. Der Rest der Leinwand gehört dem Monster, das über dem Türrahmen auf ihn, sein nächstes Opfer, lauert.

Darkness Falls beginnt als Märchen, eine Voice-Over Stimme erzählt die Geschichte von der Geburt des Unge­heuers, weit in der Vergan­gen­heit. Die Photo­gra­phien, die die Worte illus­trieren, verbrennen langsam. Aus der Asche erhebt sich der Mythos der Zahnfee. Weil die alte Matilda Dixon den Kindern Geld­stücke schenkte, wenn sie vor 150 Jahren ihre Milch­zähne verloren. Zum Fluch wird sie, weil sie als Hexe verbrannt wurde und nun Rache sucht für das, was ihr angetan wurde. Statt Pennys gibt es jetzt den Tod als Geschenk.

Der Film funk­tio­niert als einfaches Genre-Stück. FSK ab 16 ist beantragt und doch muss man vermuten, das Darkness Falls für ein jüngeres Publikum gemacht ist, weil der Reiz ja genau in der Über­tre­tung der Regeln liegt. Als erstes Thema etabliert sich auch die Initia­tion. Der junge Kyle, der später seine Mutter verlieren wird, bekommt in der Nacht Besuch von (s)einer Freundin, lädt sie ein zum Tanz. So ist der Schrecken, der ihn an diesem Abend, nachdem sie wegge­gangen ist, heim­su­chen wird, auch die Mani­fes­ta­tion der sexuellen Ängste. Das erste Mal und die erste Begegnung mit dem Tod liegen in diesem Genre immer neben­ein­ander.

Genau wie die ewige Wieder­kehr des Grauens. 12 Jahre nach der Mordnacht kehrt Kyle zurück in sein verschla­fenes Heimat­nest, um dem Bruder seiner Tanz­ge­fährtin, den üble Albträume verfolgen, zu helfen. Nach seiner Ankunft betritt er ein Kran­ken­haus­zimmer. Wir sehen nur die Spie­ge­lung des Gesichtes des kleinen Michael im blank­po­lierten Chrom des Nacht­schränk­chens und wir wissen, dass Michael die gleichen Gespenster heim­su­chen wie seinen poten­zi­ellen Retter, als der noch ein Kind war. Gemeinsam arbeiten sie die Traumata durch, finden Frieden, das Licht der Erleuch­tung, das die düsteren, irra­tio­nalen Schatten vertreibt, symbo­li­siert durch einen Leucht­turm, der als Szenario für den Showdown dient. Darkness Falls erfindet nichts neu im Kino, der Gestus ist Routine. Und genau darin liegt die Faszi­na­tion.

Den Horror verbreitet nicht das Monster Zahnfee, als Still kann sie jedes Kind als das entlarven, was sie ist: ein digitaler Flirt mit dem Unheim­li­chen. Der Horror liegt in den filmi­schen Codes, ihrem perfekten Gebrauch. Es ist dieses Spiel aus Zufahrten und Wegfahrten, Montage, Musik und Sound, dem Rhythmus der Bild­folgen. Der Gebrauch der Tiefen­schärfe, wenn sich irgendwo im Hinter­grund die Bedrohung Stück für Stück mate­ria­li­siert. Sich die schmalen Fenster zur Geis­ter­welt öffnen. Dem Licht, das immer nur zeigt, was der Kader an Unheim­li­chem zu bieten hat. Die Dramatik liegt in den Verzö­ge­rungen, der ange­spannten Erwartung auf den Ausbruch, nicht im Ausbruch selbst. Es ist ein Spiel zwischen Zuschauer und Film, beide kennen die Codes und das Vergnügen liegt darin, sie richtig einzu­setzen und sie auf der anderen Seite zu erkennen. Im Prinzip kann der geübte Blick jede Einstel­lung, jede Unschärfe vorher­sagen. Dennoch ist er gebannt.

Und dann sind da noch diese heraus­ge­ho­benen Bilder, plateaux vivants, wie das eingangs beschrie­bene. Kyle in der Badewanne. Dies sind die Momente, die den einzelnen Film in seinem Genre besonders machen, die man erinnert. Wie die tödlichen Bilder des Videos aus The Ring. Bilder, die man sich noch Wochen später ins Gedächtnis zurück­rufen kann, wenn man den Moment der Furcht erneut erleben will.

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