Feuchtgebiete

Deutschland 2013 · 109 min. · FSK: ab 16
Regie: David Wnendt
Drehbuchvorlage: Charlotte Roche
Drehbuch: Claus Falkenberg, David Wnendt
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Darsteller: Carla Juri, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Marlen Kruse u.a.
Pippi im Ficki-Kacka-Land

Auf seine Art ein Horrorfilm

Eine Gratwanderung, eine beeindruckende Hauptdarstellerin und ein Film wie ein Punkkonzert: David Wnendts Feuchtgebiete – eine Gastkritik der Schauspielerin Susanne Bormann

Wer anfällig für Herpes ist, sei gewarnt vor diesem Film – ich habe gleich zwei bekommen. Trotzdem bereue ich nichts.

Feucht­ge­biete ist definitiv ein gren­zwer­tiges Kino­er­lebnis, was aber gerade den Reiz dieses Film ausmacht, ihn sehens­wert macht für mich. Er rockt einfach, ist ein bisschen wie ein Punk-Konzert – es macht nur Spaß, wenn's auch ein bisschen weh tut und so manche Grenze definitiv über­schritten wird.

Feucht­ge­biete ist auf seine Art ein Horror­film, nur dass es nicht um Zombies geht und die Angst vor dem Tod ins Extrem getrieben und auf die Schippe genommen wird, sondern in diesem Fall die Angst vor Keimen, vor Krankheit. Gnadenlos wird abge­rechnet mit unseren modernen Hygie­ne­vor­stel­lungen, damit, dass Hygiene teilweise einen größeren Stel­len­wert erlangt als die eigene Gesund­heit.

Ich hatte das Buch nicht gelesen, weil ich mir, nach allem, was ich darüber gehört hatte, sicher war, dass ich daran keine Freude haben würde. Als nun David Wnendt dieses Buch mit Peter Rommel verfilmte, war ich wirklich gespannt auf das Ergebnis, weil ich beide sehr schätze für ihre Arbeit.

Heraus­ge­kommen ist für mich eine gelungene Grat­wan­de­rung zwischen Ekel­hor­ror­film und berüh­render Innen­an­sicht einer jungen Frau, die total verloren ist und sich gegen jede Wand schmeißt, die sich ihr bietet, in der Hoffnung, irgend­wann einmal an einer kleben zu bleiben und endlich Halt zu finden. Damit steht die Haupt­figur Helen für viele junge Menschen in unserer Gesell­schaft. Dieses Gefühl, nirgendwo hinzu­gehören, keinen Platz zu haben, in dem man geborgen ist, und sich nach der Suche nach Aner­ken­nung durchs Leben zu strampeln. Insofern finde ich diesen Film durchaus relevant.

Ich bin ehrlich beein­druckt, wie David Wnendt seine Haupt­dar­stel­lerin Carla Juri unbe­schadet durch diesen Film manövriert, sie mit Avocados Sex haben kann und trotzdem als unan­ge­foch­tene Heldin durch dieses Chaos geht. Mögli­cher­weise ist es für junge Menschen sehr befreiend, diesen Film zusehen, denn im Zeitalter von Facebook und Smart­phone, wo alles bewertet und kommen­tiert wird, ist es sicher­lich eine große Heraus­for­de­rung, als Jugend­li­cher seinen eigenen Weg zu finden. Selbst­be­wusst­sein für das eigene Tun zu entwi­ckeln, jenseits der Bewer­tungs­che­mata Anderer. Genau das macht Helen. Auch wenn ich ihre Ansichten nicht teile, finde ich diese Form von Eman­zi­pa­tion beacht­lich.

Inter­es­san­ter­weise können viele Männer, mit denen ich gespro­chen habe, mit diesem Film weniger anfangen. Woran liegt das? Wir sehen in Filmen in der Regel sehr oft männlich phan­ta­sierte Frau­en­bilder. Auch Frauen selbst orien­tieren ihr eigenes Selbst­bild weit­ge­hend an männ­li­chen Vorstel­lungen, versuchen zum Beispiel, in ihrer eigenen Sexua­lität der männ­li­chen Phantasie zu entspre­chen. Ich würde nicht sagen, dass die Helen in Feucht­ge­biete einer typisch weib­li­chen Sexua­lität entspricht. Aber sie wagt es, eine eigene Sexua­lität zu entwi­ckeln, jenseits der Vorstel­lungen anderer. Und das ist das Revo­lu­ti­onäre! Und ich denke, das ist auch der Teil, der so viele befremdet. Jedoch – ohne Carla Juris Natür­lich­keit würde dieses filmische Expe­ri­ment nicht funk­tio­nieren. Klar ist Helen durch­ge­knallt. Aber die Ehrlich­keit und Selbst­ver­s­tänd­lich­keit in Carla Juris Spiel bringt mich dazu, dass ich ihre Helen so annehme, wie sie ist und mich nicht abwende. Sie in Herz schließe, sie beschützen will. Das gilt übrigens für alle Figuren in diesem Film, die durchweg einen Knall haben – wie alle Menschen – aber eben mit Wärme erzählt werden.

Dieser Film hat Chuzpe und das finde ich gut für das deutsche Kino. Feucht­ge­biete geht auf volles Risiko und lässt es ordent­lich krachen. Davor habe ich Respekt. Er erinnert mich am ehesten an gelungene Thea­ter­abende von Armin Petras: Krass, sehr lustig, tun auch immer irgendwo weh, gleichz­eitig voller Sehnsucht und einer großen Liebe für seine Figuren und das Leben überhaupt.

Susanne Bormann

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Das Feuchte und das Schmutzige

Triebstruktur und Gesellschaft, Feminismus und Hämorrhoiden – die Verfilmung der  Feuchtgebiete ist ein regressives Pamphlet, und dekliniert der Deutschen liebste Worte von A wie Abort bis Z wie Zyste

»Es gibt kein wort in der sprache, das nicht irgendwo das beste wäre und an seiner rechten stelle.«
Gebrüder Grimm

Im letzten Herbst erschien im Beck-Verlag ein aufschluß­rei­ches Buch: »Das Feuchte und das Schmut­zige. Kleine Lingu­istik der vulgären Sprache«, in dem der Sprach­wis­sen­schaftler Hans-Martin Gauger jene Worte unter­suchte, die als »unaus­sprech­lich« aus dem Sprach­schatz verbannt werden. Gaugers Griff ins Klo der Sprache führte zu einem für unsere Zwecke besonders signi­fi­kanten Resultat: Der Deutsche flucht anders als andere; auch in der Sprache bewegt er sich auf einem Sonderweg – und zwar einem analen: Auffällig viele Wörter und Rede-Wendungen beziehen sich auf den Fäkal­be­reich. Wo der Anglo­ame­ri­kaner »Fuck!« ruft, brüllt der Deutsche »Scheiße!!«, das sagt schon vieles, natürlich auch über den Anglo­ame­ri­kaner.

Charlotte Roches anal­fi­xierter Roman »Feucht­ge­biete« gehört zu jenen Büchern, die man nicht gelesen haben muss, um zu wissen, was drinsteht, und über die man bald so viel gehört hatte, dass die tatsäch­liche Lektüre den Eindruck nur schmälern könnte. In ihrem Debütbuch »Feucht­ge­biete« ging es um Menschen, die unter anderem absicht­lich auf ein verdrecktes öffent­li­ches Klo gehen, sich hinsetzen und mit dem Hintern die Brille abwischen, um Mädchen, die gebrauchte Tampons tauschen, und um Jungs, die auf eine Pizza wichsen, bevor sie sie auslie­fern. Ok. Warum aber muss man das jetzt lesen oder angucken? Um mitzu­reden. Um sich der These auszu­setzen, hier habe man es mit einem Statement des Femi­nismus zu tun. Und viel­leicht weil einem durchaus sympa­thi­sche, intel­li­gente Frauen nach der Premiere erklären, das sei »auf seine Art ein Horror­film, nur dass es nicht um Zombies geht, sondern um die Angst vor Keimen, vor Krankheit.«, das sei Kritik »an unseren modernen Hygie­ne­vor­stel­lungen«, das sei eine Form von Eman­zi­pa­tion, weil hier eine Frau ihr eigenes Selbst­bild einmal jenseits männ­li­cher Vorstel­lungen und männ­li­cher Phantasie gestalte, weil sie es wagt, eine eigene Sexua­lität zu entwi­ckeln, jenseits der Vorstel­lungen anderer. Na dann.

Vaginal-Aromen und Rosetten

»Meiner Mutter würde ich erzählen: Es geht die ganze Zeit nur um Mastur­ba­tion bei einer Frau, und das Buch ist total porno­gra­phisch. Ihnen würde ich sagen, dass das Buch sich hervor­ra­gend als Wichs­vor­lage eignet, und dass man ganz nebenbei noch was lernt über den weib­li­chen Körper.
Das ganze Buch spielt im Kran­ken­haus, weil sie sich bei einer Intim­rasur im analen Bereich eine Anal­fissur zuzieht. So liegt die also die ganze Zeit im Kran­ken­haus und muss sich die ganze Zeit im Kran­ken­haus mit ihrem Körper unten rum vorne und unten rum hinten beschäf­tigen. Helen Memel hat wolken­för­mige Haut­lappen, die aussehen wie die Fangarme einer Seeane­mone, die hängen da so aus der Rosette raus... der Prok­to­loge von Helen Memel nennt das Blumen­kohl. ... Das Buch ist sehr stark autro­bio­gra­phisch. Ein großes Schei­dungs­kind­drama.«
Charlotte Roche in der NDR 3 Talk Show auf die Frage, worum es in "Feuchtgebiete" gehe.

»Wacker, wacker, kleiner Kacker« so fasste Alfred Kerr einmal das Ergebnis eines enttäu­schenden Thea­ter­abends zusammen. Und läge es nicht zu nahe am sumpfigen Teich des Kalauerns, so wäre damit auch schon alles gesagt über »Feucht­ge­biete«.

»Feucht­ge­biete« ist, das nochmal zur Erin­ne­rung für alle, die schon keine Qualitäts­z­ei­tungen mehr lesen, ein Film des fraglos begabten Nach­wuchs­re­gis­seurs David Wnendt der vor zwei Jahren mit »Kriegerin« von einer netten Neona­zi­braut erzählt und damit passgenau zur Aufde­ckung der NSU-Terror­bande mit ihrer brauen Domina viele Preise gewonnen hatte. Vor allem aber handelt es sich um die Verfil­mung jenes gleich­na­migen Buches der TV-Mode­ra­torin Charlotte Roche, über das bei seinem Erscheinen die deutsche Lite­ra­tur­kritik lange und überlange Texte schrieb, in denen in vielen Worten gesagt wurde, warum dies alles beim besten Willen keine Literatur sei, und schon gar keine gute, und warum es sich aber trotzdem um ein wichtiges Buch handle.

Warum nochmal? Weil eine nette junge Dame – und kein lang­wei­liger alter Herr – darin über Mädchen­popos und Muschis, über Vaginal-Aromen und Rosetten geschrieben hat, also über etwas, worüber noch niemals irgend­je­mand je etwas zu Papier gebracht hat – den Marquis de Sade einmal ausge­nommen, und ein paar tausend andere, an deren Namen sich keiner mehr erinnert.

Die feuchten Höschen der Lite­ra­tur­kritik

»Nicht Vernunft, sondern Sinn­lich­keit begründet die ästhe­ti­sche Wahrheit oder Unwahr­heit.«
Herbert Marcuse

Das alles hatten die Herren und Damen Kritiker vergessen: »Charlotte Roche ist sprach­lich etwas fast Unmög­li­ches gelungen. Sie versöhnt uns mit dem Beschä­menden, bei dem alle Verfüh­rung anfängt. Indem ihr kalt­blü­tiger Seiltanz den grotesken Leib begnadigt, erlöst er die Erotik aus der Verfal­len­heit ans voll­kom­mene Bild. »Feucht­ge­biete« ermäch­tigt zum Spiel mit der indi­vi­du­ellen Versehrt­heit und ermutigt den kunst­losen Sexus, endlich erwachsen zu werden.« schwärmte Ingeborg Harms in der FAZ, »Dabei ist es dieser aufklä­re­ri­sche Furor, dieser unbe­dingte Wahr­heits­trieb, den Roche in ihren Fern­seh­auf­tritten immer schon gezeigt hat und der ihren Roman jetzt so sehr von dem unter­scheidet, was an deutscher Prosa sonst in den Regalen steht« legte Georg Diez in der ZEIT nach, im gleichen Blatt lobte Ijoma Mangold später: »Feucht­ge­biete ist ein furios über­steu­erter Hilfe­schrei nach Verwurze­lung, Gebor­gen­heit, Verläss­lich­keit und Treue. Eine Apotheose der heiligen Familie, die sich aller­dings nur noch aus den Trümmern ihres einstigen Denkmals zusam­men­setzen lässt. Denn der Roman ist zugleich eine hell­sich­tige Analyse aller Flieh­kräfte, die am modernen Indi­vi­duum zerren.«
Die Feucht­ge­biete, das waren vor allem die feuchten Höschen der Lite­ra­tur­kritik.

Es waren bezeich­nen­der­weise vor allem Männer, die lobend notierten, dass ihren Männ­er­fan­ta­sien in diesem Roman neue Facetten zugefügt wurden. Frauen äußerten sich entweder distan­zierter – »Gibt es eigent­lich keine anderen Bücher?« (Susanne Mayer, ZEIT), oder sie analy­sierten das Phänomen: »So ist denn das einzig Obszöne an diesem Angriff auf die Ekel­g­renzen der Zuspruch alter Herren vom Schlage eines Claus Peymann, der mit Charlotte Roche und ihrem Bewun­derer Roger Willemsen auf der Lit.Cologne eine Veran­stal­tung zum Thema 'Radi­ka­lität' insz­e­nierte und sie einen Ulrike-Meinhof-Text verlesen liess, bevor sie erste Kost­proben aus ihren späten Mädchen­be­kennt­nissen gab. Deren Radi­ka­lität ist die von RTL-Geständ­nis­shows und -Aver­si­ons­trai­nings à la 'Dschun­gel­camp'. Als eben­dieses Publikum Lesungen und Buchläden stürmte, jubelte unsere Heldin, das Konzept sei aufge­gangen, und alle tanzten mit ihr auf dem Boulevard. Deutsch­lands Kultur­pro­vinz hat wieder einmal einen Superstar gefunden.« (Dorothea Dieckmann in der NZZ).

Die Mehrheit sah es anders: »Die sensa­tio­nellen Verkaufs­zahlen belegen jedoch, dass Charlotte Roche einen Nerv getroffen hat, der sich so schnell nicht wieder beruhigen lässt.« (FAS, 13.4.2008)

German Psycho

In der »Frank­furter Allge­meinen Sonn­tags­z­ei­tung« schlug Ingeborg Harms den Bogen vom Mittel­alter über die frühe Neuzeit, genauer gesagt Michail M. Bachtins Buch über Rabelais und die frühe Neuzeit, um über Lessing auf die böse Aufklä­rung zu kommen: »Indem Roches kalt­blü­tiger Seiltanz den grotesken Leib begnadigt, erlöst er die Erotik aus der Verfal­len­heit ans voll­kom­mene Bild.« »Feucht­ge­biete« sei »auch ein Pamphlet gegen die Pin-up-Kultur der lückenlos Attrak­tiven und die Zumutung, die sie für wirkliche Frauen bedeutet«. Fragt sich nur, was eigent­lich wirkliche Frauen sind, und ob das Wirkliche immer das Natür­liche ist. Und ob das Natür­liche immer das Unver­mit­telte ist – unra­sierte Körper­be­haa­rung zum Beispiel. In der naiven Annahme, es könne überhaupt so etwas wie natür­liche Sexua­lität geben, zeigt sich die ganze Unschuld und Naivität der Verfas­serin.

Erinnern mal kurz an einen anderen Best­seller, einen, der über zehn Jahre früher als »Feucht­ge­biete« erschien, und weltweit noch um einiges mehr einschlug: Bret Easton Ellis' »American Psycho«. Der gilt nicht gerade als Manifest des Femi­nismus. Dabei tut er aber genau das Gleiche: Er überhöht den perfek­tio­nierten weibliche Körper – aka »hard body« – zum Objekt destruk­tiver Phan­ta­sien. Patrick Bateman wie Helen wollen ein Körpe­ri­deal zerstören.

Helen ist ein German Psycho, und Roches Buch wie einer dieser Selbst­er­fah­rungs­kurse der siebziger Jahre, in denen Frauen gemeinsam ihre Körper erkun­deten, und man das Parfüm mal wegließ, weil man sich nach einem Zurück zur Natur sehnte. Überhaupt sind Roche und ihre Bücher klein­bür­ger­liche Versionen der Hippie-Philo­so­phie: »Ich bin für mehr Sex – mehr Schwei­ne­reien, keine Tabus. Ich glaube, dass es vom echten Sex, dem Sex, der riecht und schmeckt und schmut­zige Geräusche macht, nie genug geben kann.« (Roche)

Pippi im Ficki-Kacka-Land

»Vor Jahrzehnten haben Frauen öffent­lich ihre Büsten­halter verbrannt, um die Eman­zi­pa­tion voran­zu­treiben. Das muss man leider immer mal wieder­holen.«
Charlotte Roche

Kommen wir zum zweiten Punkt, dem Femi­nismus. Hart­nä­ckig hält sich die Behaup­tung, von der jetzt auch der Film massiv profi­tiert, »Feucht­ge­biete« sei ein Manifest der Frau­en­be­we­gung, wo mal gehörig gegen den Männer­terror namens Sauber­keit, Parfüm und Make-Up Wider­stand geleistet werde. Lassen wir mal die Frage weg, ob Männer wirklich das saubere Geschlecht sind, wer sich mehr über müffelnde Körper und minimale Intim­hy­giene beschwert, und ob es – um mal in den Jargon des Buches zu verfallen – wirklich mehr Männer gibt, sie sich über den Geruch bei Muschi-lecken geekelt haben, als Frauen über den grindigen Hütten­käse zwischen Vorhaut und Eichel.

Nur: was ist eigent­lich so schlecht an Sauber­keit und Rasieren, ob nun Kinn- oder Achsel­be­haa­rung? Was ist so gut an der neuen Tyrannei der Intimität?

Bereits zum Erscheinen des Buches wies Tobias Kniebe im SZ-Magazin vom 18. 4. 2008 über »Das Prinzip Achsel­haare«, den man heute wieder abdrucken sollte, auf die Tatsache hin, dass bereits bei den Griechen und Römern »und auch schon davor« Menschen (nicht nur Frauen) mit bewussten Kultur­tech­niken ihre Körper­be­haa­rung und überhaupt ihren Geist und Körper verän­derten und mani­pu­lierten, »mit Muschel­zangen, mit Pech und Harz, mit Schlan­gen­pulver und Ziegen­galle. Als äußeres Zeichen der Eman­zi­pa­tion ihrer Lust, als Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung von der Natur.« Weil auch Sex eine Kultur­technik ist, folgert Kniebe korrekt, dass weib­li­ches Achsel­haar, unschuldig getragen, nicht anderes trans­por­tiert, als die eine »subtile, aber erschre­ckende Botschaft: schlechter Sex, gefolgt von sofor­tiger Schwan­ger­schaft.« Zurück in die Höhle.

Natürlich ist es eine berech­tigte Frage, warum 12-jährige plötzlich wie Porno­dar­stel­le­rinnen aussehen müssen, aber sie durchs anderen Extrem – Haare wachsen, wo sie wollen, alles soll schleimen und stinken, wie die Natur es will – zu kontern ist vor allem denkfaul, und zu einer Kritik der hygie­ni­schen Vernunft wird Roches Buch dadurch auch nicht. Hinzu sollte man wenn man so fragt, nicht von der allge­meinen Porno­fi­zie­rung unserer Gesell­schaft schweigen – und mit der hat Charlotte Roches Buch viel mehr zu tun, als es vorgibt. Denn ein Porno ist »Feucht­ge­biete« selbst­ver­s­tänd­lich, wie seine Verfas­serin auch zugibt (»Wichs­vor­lage«): So kalku­liert wie durch­kom­po­niert werden die Tabuzonen abge­klap­pert: Anal­ver­kehr, Mens­trua­ti­onssex, Sper­ma­bro­cken­le­cken.

Nur wird es von Roche pseud­ofe­mi­nis­tisch verbrämt: Wie eine Pippi Langs­trumpf unserer Tage sitzt sie mit langen Stiefeln und kurzem Röckchen in den Talkshows, und gibt das Kot-Girlie. Das mag dann, wie die Zeit vertei­di­gend analy­sierte, eine Kunst­figur für die Öffent­lich­keit gewesen sein – aber auch Habermas oder Sloter­dijk sind bei ihren öffent­li­chen Auftritten ja nicht sie selbst, insofern muss man das auch nicht eigens erwähnen. Entschei­dend ist, was öffent­lich ist.

1968ff., lang genug ist's her, ging es bekannt­lich noch um die Befreiung der Triebe, oder, um es mit Herbert Marcuse, einem der schil­lernden Herden­treiber dieser Jahre, zu sagen, darum, »dass psycho­lo­gi­sche Kate­go­rien zu gesell­schaft­li­chen Kate­go­rien geworden sind.« Es folgte der lange Weg durch die Insti­tu­tionen, die Erschaf­fung des Privat­fern­se­hens, bis hin zu unserer heutigen Gesell­schaft, in der man Kinder in Casting­shows gedrillt werden, und abends YouPorn gucken, man sich aber über mehr als 30 Jahre alte Texte von Poli­ti­kern aufregt, wo sie fragen ob der § 174 wirklich das letzte Wirt über kindliche Sexua­lität formu­liert. Kinder­schutz hat eben viele Facetten – oder, um noch einmal Marcuse zu zitieren: »Die Epoche neigt dazu totalitär zu sein, selbst wo sie keine tota­litären Staaten hervor­ge­bracht hat.«

Alles Marketing

Charlotte Roche ist als öffent­liche Erschei­nung in erster Linie eine Landplage. Zugleich Roche gelang etwas, was noch kein deutscher Autor geschafft hat: Sie stand irgend­wann auf Platz eins der inter­na­tio­nalen Amazon-Best­sel­ler­liste, auf dem Onlin­e­portal war ihr Buch das weltweit meist­ver­kaufte. In unserer Macho-Gesell­schaft, in der der Kapi­ta­lismus die Menschen längst in ihre zahllosen, vermarkt­baren Teile zerlegt hat und aus allem eine Akti­en­ge­sell­schaft und Kapi­tal­an­lage macht, und in der die Produ­z­enten mit den Konsu­menten zunehmend identisch werden, sich selbst in Waren­fe­ti­sche verwan­deln, in solch einer kanni­ba­li­schen Welt, gehört sie damit zu den Erfolg­reichsten. Jeden­falls galt allgemein die Devise: Wenn 2,5 Millionen Fliegen auf einem Kothaufen sitzen, ist das für nichts ein Argument. Wenn 2,5 Millionen Leser ein Buch über Kothaufen kaufen, beweist dies alles und beein­druckt sogar die FAZ.

Viel­leicht gab es diese langen Rezen­sionen sowieso auch nur deshalb, weil sich die Verfas­serin medi­en­wirksam mit Alice Schwarzer stritt, und gute PR-Arbeit sämtliche Talkshows zu Feucht­ge­bieten gemacht hat, weshalb das Qualitäts­feuilleton dann in aller Leser­freund­lich­keit und Service­ori­en­tie­rung glaubte nach­ziehen zu sollen, und man sich nicht mehr traute den Buch­käu­fern zu sagen, um was es sich bei dem gerade erwor­benen Buch denn wirklich handelte.

Ziemlich genauso geht es jetzt auch dem Film. Sex sells, das wissen wir natürlich schon lange, auch wenn die Sauereien hier nichts mit Sex zu tun haben, sondern nur mit Hygie­ne­pro­blemen. Etwas über­rascht nimmt man als Daheim­ge­blie­bener trotzdem die Jubel­ala­rien und Beifalls­stürme zur Kenntnis, die von den Schweizer Bergen und der Film­pre­miere in Locarno vergan­gene Woche zu uns herüber­reg­neten.

Felicitas von Lovenberg wechselte ob der Tatsache, nach Harry Potter wieder eine Lite­ra­tur­ver­fil­mung rezen­sieren zu dürfen, in der FAZ gleich in die Schnap­p­at­mung: »Man muss es tatsäch­lich deutlich sagen: Dieser Film ist eine Zumutung, ein Anschlag auf die Sinne, ein Ausreizen des persön­li­chen Ekels. Man sollte kurz vorher lieber nichts gegessen oder getrunken haben; während des Films bleibt einem ohnehin alles im Halse stecken.« Daniel Kothen­schulte hatte wohl wieder mal einen anderen Film gesehen, oder seinen eigenen, inneren, als er in der FR die Worte »lustvoll, befreiend, innovativ« in einem Satz verwen­dete.

Aber dann fällt einem wieder ein, dass man eben nicht alles glauben muss, was einem die nette Marketing-Dame von nebenan empfiehlt.

Kreuz­brave, arg verschämte Buch­be­bil­de­rung

Das erste Bild sagt eigent­lich schon alles: Da sieht man eine Körper­falte in Groß­auf­nahme. Ein Po? Geht ja gut los. Ist dann aber doch nur das in der Hocke ange­win­kelte Bein der Haupt­figur. Ein Bluff. So wie der ganze Film. Ein Film, der so tut, als ob, der clean über Schmutz redet, und sich im entschei­denden Moment nix traut. Der ansonsten aber berech­nend auf den Voyeu­rismus und die Erwar­tungen des Publikums setzt. Der gerade in diesem Kalkül ärgert.

Wer den Film sieht, der ist nämlich einer­seits begeis­tert von der Schweizer Haupt­dar­stel­lerin Carla Juri. Die schmeißt den Film – sie ist intensiv und auch nach über 90 ansonsten recht zähen Minuten immer noch über­ra­schend und mit immer neuen Einfällen aufwar­tend.
Ansonsten aber hat man eine kreuz­brave und alles in allem arg verschämte Buch­be­bil­de­rung gesehen, bei der man erstens wieder einmal froh ist, dass es immer noch kein Geruchs­kino gibt, und zweitens als Film­lieb­haber verzwei­felt, weil es der deutsche Film einfach zur Zeit nicht schafft, den Zeitgeist zu treffen, und irgend­etwas auf die Leinwand zu bringen, das auch nur hab so inter­es­sant oder provo­kativ, oder wenigs­tens gehalt­voll ärgerlich und publi­kums­spal­tend ist, wie eine durch­schnitt­liche Pollesch-Insz­e­nie­rung oder ein Castorf-Ring: Die »Feucht­ge­biete« sind vor allem lang­weilig.

Die Musik ist glatt und clean, der Film hat keine Geschichte, keinen drama­ti­schen Bogen, sondern filmt Stationen ab. Im Vergleich zum Buch hat man zwar das Explizite reduziert und die Handlung mit netten Psycho­ver­weisen und den üblichen Trauma-Blabla aufge­peppt, aber für einen Spielfilm hält das auch nicht vor, zumal die Haupt­figur offenbar nichts anderes im hübschen Köpfchen hat, als das die seit zehn Jahren getrennten Mami und Papi wieder nett zu einander sind.
Wenn Helen ihre verschie­denen Körper­aus­schei­dungen isst, ist dies die Rückkehr in jene Zeit des Übergangs von der oralen zur analen Phase, die auch Freud beschreibt: Das Kind benutzt sein AA, um die Aufmerk­sam­keit der Eltern zu erhalten.

Es bleibt also mehr als ein Schamhaar in der Suppe dieses mit seiner Schmud­de­lig­keit koket­tie­renden regres­siven Pamphlets. Wer das im Kino ansehen soll, ist schwer zu sagen, vermut­lich aber gibt es eine mathe­ma­ti­sche Formel für Best­sel­ler­ver­fil­mungen, nach der zehn Prozent aller Leser plus Beglei­tung reingehen. Das wären dann knapp 500.000 Zuschauer, was man dem deutschen Kino und sogar diesem Film gönnt. Denn besser als eine Til Schweiger Verfil­mung ist Feucht­ge­biete locker.

Auf einen deutschen Film, der endlich einmal den Nerv von Jugend­li­chen ebenso trofft wie den ihrer Eltern, und in dem man sich als Film­kri­tiker einmal wirklich im Reinen fühlt mit der Kino­na­tion, und das deutsche Kino für ein paar Monate mal auf Augenhöhe mit dem Weltkino liegt, auf einen Film wie zuletzt Tom Tykwers Lola rennt also, warten wir auch nach 15 Jahren weiterhin vergebens.

Hans-Martin Gauger: Das Feuchte und das Schmut­zige. Kleine Lingu­istik der vulgären Sprache. C.H. Beck, München 2012, 16,95 Euro.

Peter Handke: »Versuch über den Stillen Ort«; Suhrkamp, Berlin, 2012, 17,95 Euro.

Rüdiger Suchsland

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