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USA 1996, 110 Minuten · FSK: ab 16 |
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Nicht nur aus feministischer Sicht stellt das Thema, das Susan Streitfeld sich vorgenommen hat, einen äußerst komplexen und reichhaltigen Stoff dar. Ihre bebilderte Analyse dessen, welche Opfer und Widersprüche sich hinter mancher Frauenkarriere in einer Männerwelt verbergen, ist derartig vollgestopft mit einer Flut von Andeutungen und Symbolen, daß jeder Psychoanaltiker seine helle Freude daran hätte. Die Grundlagen für diesen Film lieferte Louise J. Kaplans Buch »Weibliche Perversionen: Von befleckter Unschuld und verweigerter Unterwerfung«, dessen genauere Lektüre den etwas mißverständlichen (Film-)Titel erklärt:
»Es würde wer weiß welche Risiken mit sich bringen und wer weiß welche wahrhaft revolutionären Veränderungen der sozialen Bedingungen, die (die) Frauen erniedrigen und einzwängen, zur Folge haben, wenn ein Frau ihre Sexualität, ihre emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten ganz und gar erforschen und leben würde. Sie kann aber weiterhin versuchen, sich der Weltordnung anzupassen und sich dadurch für immer in die Sklaverei eines Stereotyps normaler Weiblichkeit begeben – einer Perversion, wenn Sie so wollen.«
Dieses Zitat wird direkt am Anfang des Films präsentiert, um von vorneherein sicherzustellen, daß mit den hier angesprochenen Perversionen nicht etwa abartige sexuelle Praktiken gemeint sind – »Perversions never are what they seem to be«.
Vielmehr geht es hier um die Perversion, die die Diskrepanz zwischen Bedürfnis und tatsächlichenm Verhalten darstellt. Daß hierbei beide Aspekte der Perversion nicht selten zusammenfallen, hat Werner Schwab einmal trefflich formuliert: verbergungssüchtige Menschen wollen oft zuviel Unverborgenes. So sucht auch Eve, die ihre Ängste derart verdrängt, daß sie sich nicht einmal eingesteht Alpträume zu haben, nach möglichst unkonventionellen und tabubrechenden Befriedigungsformen ihrer sexuellen Bedürfnisse – ob das nun kleine erotische Spielchen auf dem Bürotisch ihres Liebhabers sind oder eine romantische Affäre mit der jungen Ärztin von nebenan. Wie nah dabei Lust und Zwang beieinander liegen, machen die sie heimsuchenden Angstvisionen deutlich. Diese hat Susan Streitfeld las ssymbolgeladene, mystisch anmutende Traumsequenzen inszeniert: antike Tragödienfiguren mit patriarchalischen Königsmasken zerren immer fester an dem Seil, das Eve fesselt und auf dem sie zugleich einen Drahtseilakt vollführt; unter ihr die Eltern, die sie zum Sprung in den kreuzförmigen Swimmingpool drängen wollen.
Was tiefenpsychologisch gesehen die Abgründe Eves treffend schildern mag, wirkt auf filmischer Ebene jedoch schlichtweg zu plakativ. Größtenteils arg einfach ist auch die Darstellung der Abläufe solch weiblicher Perversionsschemata (nach L. Kaplan gehören dazu Kaufrausch, Kleptomanie, Freß-und Magersucht, Selbstverstümmelung und Unterwefung unter den Mann). Kaufrauschorgien als Tröstungsakt sind wohl niemandem gänzlich fremd. Daß aber z.B. die dreizehnjährige Ed auf das typisch weibliche Rollenverhalten ihrer Mutter notwendig mit Selbstverstümmelungsakten reagiert, scheint dann doch etwas an den Haaren herbeigezogen. Man hat beinahe den Eindruck, daß Susan Streitfeld ihrem Zuschauer keine eigene Interpretationsfähigkeit zutraut und deswegen auf wortwörtliche Bilder oder gar Bemerkungen setzt. So reicht es z.B. nicht aus, Madelyn als Kleptomanin zu entlarven, um ihre inneren Widersprüche aufzuzeigen. Sie muß auch noch selbst aus wissenschaftlichen Büchern zitieren, die ihr zwanghaftes Handeln als Versuch auslegen, »sich die genitale Ausstattung ihres Vaters anzueignen«. Es wirkt schon sehr merkwürdig, daß sich Frauen heutzutage noch mit derartigen Erklärungen einer extrem männlichen Weltsicht zufrieden geben.
Überhaupt wirkt Female Perversions trotz hochmoderner Zutaten in Plot und Ausstattung seltsam zu spät gekommen, was seine Aufspaltung in typisch weibliche und männliche Verhaltensmuster und auch die leidenschaftliche Behandlung des Themas an sich angeht. Es ist zwar positiv zu vermerken, daß hier auf ein männliches Feindbild verzichtet wird, wodurch eine direkte »Schuldzuweisung« in Hinsicht auf geschlechtsspezifisches Rollenverhalten wegfällt. Schade ist nur, daß Susan Streitfeld nicht die notwendige Konsequenz daraus gezogen hat: sie hätte erkennen müssen, daß die Frau demnach als vom Mann unabhängiges Individuum (das die Feministinnen ja immer zu sein verlangen) für ihre eigene Entwicklung ganz allein verantwortlich ist. In der Tat liegt im Empfinden des Zuschauers der Hauptteil der Schuld auch bei den weiblichen Charakteren selber. Dennoch werfen diese nach wie vor mit Phrasen wie »Pimmelneid« um sich, wodurch die im Film dargestellten »Perversionen« weiterhin als eine typisch weibliche Anpassung an eine männlich beherrschte Weltordnung definiert werden. Eines hat Susan Streitfeld bei ihrem sonst so perfekt durchkonstruierten Werk also übersehen: daß auch in ihrem Film die Männer immer noch das Maß aller Dinge sind. Eigentor.