Female Perversions

USA 1996 · 110 Minuten · FSK: ab 16
Regie: Susan Streitfeld
Drehbuchvorlage: Louise J. Kaplan
Drehbuch: ,
Kamera: Teresa Medina
Darsteller: Tilda Swinton, Amy Madigan, Karen Silas, Frances Fisher

Eigentor

»Perver­sions never are what they seem to be«, steht kunstvoll gestickt auf Eves unschuldig-rosa­far­benem Kopf­kissen.
Nicht im Traum würde man die erfolg­reiche junge Staats­an­wältin Eve Stephens (hervor­ra­gend verkör­pert von einer äußerst viel­sei­tigen Tilda Swinton) mit jeglicher Art von Perver­sion in Verbin­dung bringen – sie, die hoch­in­tel­li­gent und immer perfekt gekleidet ist und ihr Leben bis ins letzte Detail unter Kontrolle zu haben scheint. Auch der Gouver­neur ist von ihrer Kompetenz und Vorbild­haf­tig­keit überzeugt und zieht sie für den Rich­ter­posten in Betracht. Wenn jedoch die Zuschauer den Schau­platz von Eves Selbst­in­sze­nie­rungen verlassen haben und ihre profes­sio­nell einge­setzten Masken fallen, kommt ihr (Selbst-)Betrug ans Licht. Sie leidet unter dem doppelten Anspruch, mit dem fast alle Karrie­re­frauen zu kämpfen haben: hat eine Frau beruflich Erfolg, ist die Männer­welt umso kriti­scher im Bezug auf ihre weib­li­chen Qualitäten. Daß ihre daraus resul­tie­rende Gefall­sucht und Unsi­cher­heit bereits krank­hafte Ausmaße annimmt, will sie sich aber nicht einge­stehen. Der Druck wird ange­sichts ihrer Aufstiegs­chancen jedoch immer höher. Kurz vor dem entschei­denden Gespräch mit dem Gouver­neur muß sie dann auch noch in eine Klein­stadt in der Wüste fahren, wo ihre Schwester Madelyn wegen Laden­dieb­stahls verhaftet wurde. Durch das Wieder­sehen mit der Schwester und die Begegnung mit der puber­tie­renden Edwina kommt eine Reihe von Kind­heits­er­in­ne­rungen wieder hoch, die Eve immer mehr zur Ausein­an­der­set­zung mit sich selber zwingen. Allmäh­lich wird sich Eve ihres täglichen Selbst­be­truges und dem Ausmaß ihrer Schutz­me­cha­nismen bewußt.

Nicht nur aus femi­nis­ti­scher Sicht stellt das Thema, das Susan Streit­feld sich vorge­nommen hat, einen äußerst komplexen und reich­hal­tigen Stoff dar. Ihre bebil­derte Analyse dessen, welche Opfer und Wider­sprüche sich hinter mancher Frau­en­kar­riere in einer Männer­welt verbergen, ist derartig voll­ge­stopft mit einer Flut von Andeu­tungen und Symbolen, daß jeder Psycho­anal­tiker seine helle Freude daran hätte. Die Grund­lagen für diesen Film lieferte Louise J. Kaplans Buch »Weibliche Perver­sionen: Von befleckter Unschuld und verwei­gerter Unter­wer­fung«, dessen genauere Lektüre den etwas mißver­s­tänd­li­chen (Film-)Titel erklärt:

»Es würde wer weiß welche Risiken mit sich bringen und wer weiß welche wahrhaft revo­lu­ti­onären Verän­de­rungen der sozialen Bedin­gungen, die (die) Frauen ernied­rigen und einzwängen, zur Folge haben, wenn ein Frau ihre Sexua­lität, ihre emotio­nalen und intel­lek­tu­ellen Fähig­keiten ganz und gar erfor­schen und leben würde. Sie kann aber weiterhin versuchen, sich der Welt­ord­nung anzu­passen und sich dadurch für immer in die Sklaverei eines Stereo­typs normaler Weib­lich­keit begeben – einer Perver­sion, wenn Sie so wollen.«

Dieses Zitat wird direkt am Anfang des Films präsen­tiert, um von vorne­herein sicher­zu­stellen, daß mit den hier ange­spro­chenen Perver­sionen nicht etwa abartige sexuelle Praktiken gemeint sind – »Perver­sions never are what they seem to be«.
Vielmehr geht es hier um die Perver­sion, die die Diskre­panz zwischen Bedürfnis und tatsäch­li­chenm Verhalten darstellt. Daß hierbei beide Aspekte der Perver­sion nicht selten zusam­men­fallen, hat Werner Schwab einmal trefflich formu­liert: verber­gungs­süch­tige Menschen wollen oft zuviel Unver­bor­genes. So sucht auch Eve, die ihre Ängste derart verdrängt, daß sie sich nicht einmal einge­steht Alpträume zu haben, nach möglichst unkon­ven­tio­nellen und tabu­bre­chenden Befrie­di­gungs­formen ihrer sexuellen Bedürf­nisse – ob das nun kleine erotische Spielchen auf dem Bürotisch ihres Lieb­ha­bers sind oder eine roman­ti­sche Affäre mit der jungen Ärztin von nebenan. Wie nah dabei Lust und Zwang beiein­ander liegen, machen die sie heim­su­chenden Angst­vi­sionen deutlich. Diese hat Susan Streit­feld las ssym­bol­ge­la­dene, mystisch anmutende Traum­se­quenzen insze­niert: antike Tragö­di­en­fi­guren mit patri­ar­cha­li­schen Königs­masken zerren immer fester an dem Seil, das Eve fesselt und auf dem sie zugleich einen Draht­seilakt vollführt; unter ihr die Eltern, die sie zum Sprung in den kreuz­för­migen Swim­ming­pool drängen wollen.

Was tiefen­psy­cho­lo­gisch gesehen die Abgründe Eves treffend schildern mag, wirkt auf filmi­scher Ebene jedoch schlichtweg zu plakativ. Größ­ten­teils arg einfach ist auch die Darstel­lung der Abläufe solch weib­li­cher Perver­si­ons­sche­mata (nach L. Kaplan gehören dazu Kauf­rausch, Klep­to­manie, Freß-und Mager­sucht, Selbst­ver­s­tüm­me­lung und Unter­we­fung unter den Mann). Kauf­rausch­or­gien als Trös­tungsakt sind wohl niemandem gänzlich fremd. Daß aber z.B. die drei­zehn­jäh­rige Ed auf das typisch weibliche Rollen­ver­halten ihrer Mutter notwendig mit Selbst­ver­s­tüm­me­lungs­akten reagiert, scheint dann doch etwas an den Haaren herbei­ge­zogen. Man hat beinahe den Eindruck, daß Susan Streit­feld ihrem Zuschauer keine eigene Inter­pre­ta­ti­ons­fähig­keit zutraut und deswegen auf wort­wört­liche Bilder oder gar Bemer­kungen setzt. So reicht es z.B. nicht aus, Madelyn als Klep­to­manin zu entlarven, um ihre inneren Wider­sprüche aufzu­zeigen. Sie muß auch noch selbst aus wissen­schaft­li­chen Büchern zitieren, die ihr zwang­haftes Handeln als Versuch auslegen, »sich die genitale Ausstat­tung ihres Vaters anzu­eignen«. Es wirkt schon sehr merk­würdig, daß sich Frauen heut­zu­tage noch mit derar­tigen Erklä­rungen einer extrem männ­li­chen Weltsicht zufrieden geben.

Überhaupt wirkt Female Perver­sions trotz hoch­mo­derner Zutaten in Plot und Ausstat­tung seltsam zu spät gekommen, was seine Aufspal­tung in typisch weibliche und männliche Verhal­tens­muster und auch die leiden­schaft­liche Behand­lung des Themas an sich angeht. Es ist zwar positiv zu vermerken, daß hier auf ein männ­li­ches Feindbild verzichtet wird, wodurch eine direkte »Schuld­zu­wei­sung« in Hinsicht auf geschlechts­spe­zi­fi­sches Rollen­ver­halten wegfällt. Schade ist nur, daß Susan Streit­feld nicht die notwen­dige Konse­quenz daraus gezogen hat: sie hätte erkennen müssen, daß die Frau demnach als vom Mann unab­hän­giges Indi­vi­duum (das die Femi­nis­tinnen ja immer zu sein verlangen) für ihre eigene Entwick­lung ganz allein verant­wort­lich ist. In der Tat liegt im Empfinden des Zuschauers der Hauptteil der Schuld auch bei den weib­li­chen Charak­teren selber. Dennoch werfen diese nach wie vor mit Phrasen wie »Pimmel­neid« um sich, wodurch die im Film darge­stellten »Perver­sionen« weiterhin als eine typisch weibliche Anpassung an eine männlich beherrschte Welt­ord­nung definiert werden. Eines hat Susan Streit­feld bei ihrem sonst so perfekt durch­kon­stru­ierten Werk also übersehen: daß auch in ihrem Film die Männer immer noch das Maß aller Dinge sind. Eigentor.

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