Der Fall Wilhelm Reich

Österreich 2012 · 115 min. · FSK: ab 12
Regie: Antonin Svoboda
Drehbuch: ,
Kamera: Martin Gschlacht
Darsteller: Klaus Maria Brandauer, Julia Jentsch, Jeanette Hain, Jamie Sives, Birgit Minichmayr u.a.
Theorie und Praxis auf dem Rasen

Vom Sexguru zum Staatsfeind

Ein »Wolken­ma­cher«, ein »Sexguru«, ein »Para­noiker« – die schräge Karriere von Wilhelm Reich, der als Ex-Front­kämpfer im Ersten Weltkrieg und Jura­stu­dent zum Freud-Schüler und Junggenie der Psycho­ana­lyse wurde, steht im Zentrum von Antonin Svobodas Film, der von dessen letzten Lebens­jahren erzählt. Der Film zeigt einen hoch­sym­pa­thi­schen, wissen­schaft­lich prophe­ti­schen Intel­lek­tu­ellen, der seiner Umwelt nur als alter Mann mit verspon­nenen Absichten erscheint...

»I hope that someone will at some time in the future listen to this with respect.« – So Wilhelm Reich auf einem seiner letzten Tonbänder, kurz vor seinem Tod im November 1957. Ein Mann am Ende, als Sektierer und Verschwörer im US-Knast kalt­ge­stellt. Wir kennen Reich, der 1897 im zum Kaiser­reich Öster­reich-Ungarn gehö­renden Galizien geborenen wurde, als den Sigmund-Freud-Schüler und Freud-Wider­sa­cher aus Wien. Wir kennen ihn als Sexu­al­for­scher, der bereits in den Zwanziger Jahren die Freudsche Libi­do­theorie zur Orgas­mus­theorie radi­ka­li­sierte, als Sozi­al­psy­cho­logen, der zunächst eine bahn­bre­chende Massen­psy­cho­logie des Faschismus verfasste, später dann Neurose als Massen­er­schei­nung diagnos­ti­zierte, und die Befreiung der Gesell­schaft vom »Triebstau« propa­gierte. Im letzten Lebens­jahrzehnt wurde Reich zum Esote­riker und führte obskure para­wis­sen­schaft­liche Forschungen im Grenz­be­reich der Materie durch, die er Orgo­no­logie nannte. Energie sei, so Reich, in »Orgon­ak­ku­mu­la­toren« konz­en­trierbar und biophy­si­ka­li­sche Grundlage seiner Therapie.

Reich war immer umstritten, in den 70er Jahren wurde er im Zuge der sexuellen Revo­lu­tion als Sexguru und Entlarver des alltäg­li­chen Faschismus wieder­ent­deckt, heute ist er nahezu vergessen.

Der öster­rei­chi­sche Regisseur und Produzent Antonin Svoboda hat bereits 2009 eine Fernseh-Doku­men­ta­tion mit dem Titel »Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?« gedreht (den man auf Youtube komplett angucken kann). Jetzt setzt er in seinem Spielfilm Der Fall Wilhelm Reich dieses Interesse fort: Im Zentrum stehen die letzten Lebens­jahre Reichs im Exil in den USA. Kaum einer weiß heute, was damals geschah: Im Zuge der McCarthy-Hexenjagd und im allge­meinen Klima ameri­ka­ni­scher Paranoia wurde Reich die Forschung an der Orgo­no­logie verboten, und gefordert, seine »Orgon-Akku­mu­la­toren« sowie alle seine Bücher zu vernichten. Kaum vorstellbar, aber zehn Jahre nach dem Sieg über den Faschismus wurden in den USA Reichs Schriften öffent­lich verbrannt, unter Aufsicht der reak­ti­onären »Food and Drug Admi­nis­tra­tion«. Die FDA bestand auf der Verbren­nung fast aller publi­zierten Schriften Reichs. Reich selbst wurde zu einer zwei­jäh­rigen Haft­strafe wegen »Miss­ach­tung des Gerichts« verur­teilt. Reich starb während der Haft unter unge­klärten Umständen – eine Autopsie fand nicht statt.

Dieses traurige Finale von Reichs Leben stellt Svoboda ins Zentrum. Ange­sichts dieser schrägen, insgesamt merk­wür­digen, im Einzelnen hoch­span­nenden Geschichte und ange­sichts Svobodas Vita als Produzent von immerhin Jessica Hausner, Ulrich Seidl, Barbara Albert und vielen anderen ästhe­tisch radikalen Filmen seiner Firma coop99 ist dieses Biopic ungemein bieder geraten, geradezu lahmes Kunst­hand­werk und jeden­falls ein tradi­tio­neller Kostüm­film, keine perma­nente Revolte, wie sie dem Rebell Reich gebührte. Der Film wirkt wie ein deutsches Fern­seh­do­ku­drama, nicht wie die frechen, sarkas­ti­schen Provo­ka­tionen, die wir von öster­rei­chi­schem Kino seit Jahren gewohnt sind.

Das liegt nicht an Klaus Maria Brandauer der dem alternden Reich Charme und Schmäh, mitunter sogar bittere Ironie gibt. Auch nicht an Julia Jentsch als seine Tochter oder Jenanette Hain oder Birgit Minich­mayr – wenn auch diese Fülle der Thea­ter­schau­spieler dem Film etwas Thea­tra­li­sches, als Statisch-Starres, Getra­genes gibt, das ihm nicht gut tut.

Inhalt­lich zeigt Svoboda das inter­es­sante Bild eines Mannes, den man je nach Sicht­weise konse­quent nennen kann, oder besessen. Ein sturer Unbe­lehr­barer, der auf wohl­ge­meinte Ratschläge nicht hört, auch wenn sie von einem Albert Einstein stammen. Aller­dings gelingt es dem Film zu wenig, Hinter­gründe deutlich zu machen, zu erklären, was kultur­ge­schicht­lich eigent­lich hinter den obskur anmu­tenden Ideen Reichs stand

Was in Svobodas Film in jedem Fall bleibt, ist das Bild eines heroi­schen Einz­el­kämpfer, eines Mannes, der keine faulen Kompro­misse schließt, ein anti­to­ta­litärer Wider­s­tändler, der weiß, dass er an einer verlo­renen Sache festhält, und es gerade darum mit Stolz tut.

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