The Expendables

USA 2010 · 104 min. · FSK: ab 18
Regie: Sylvester Stallone
Drehbuch: ,
Kamera: Jeffrey L. Kimball
Darsteller: Sylvester Stallone, Jason Statham, Jet Li, Dolph Lundgren, Eric Roberts u.a.
Jet Li, Jason Statham, Sylvester Stallone, Randy Couture, Terry Crews (von links)

Männer ohne Nerven

35 Millionen Dollar Einnahmen schon am ersten US-Woche­n­ende: Sylvester Stallones The Expen­da­bles ist der Über­ra­schungshit dieses Kino­som­mers. Ein Revival des Stils, der Werte und der Ästhetik der Action-Filme der 80er Jahre, das zugleich als Reflexion von Männ­lich­keit im Zeitalter der Femi­ni­sie­rung der Gesell­schaft und der »Männ­lich­keits­lü­cken« (not my words) daher­kommt [http://www.youtube.com/watch?v=kIZTgUxVa28]. Weibliche Werte beschränken sich in The Expen­da­bles tatsäch­lich auf Ober­weiten. Statt­dessen gibt sich der Film rollig prollig, ignoriert die Verun­si­che­rung des Mannes in der post­mo­dernen Dauer­krise, und feiert Männer, die im Stehen pinkeln. Aber das ist dann doch nicht alles.

Ist dieser Film ein Indiz für die Rückkehr der Helden? Für das Ende der neuen Männer und der Aufstand der alten? Für Amerika in der Krise? Alles irgendwie richtig, und alles in diesem Fall riesiger Bullshit. Um zu erklären, warum dieser Film bei seinem US-Start so ein Erfolg ist, dazu braucht man ausnahms­weise keine großen Theorien. Man muss einfach nur auf die Beset­zungs­liste schauen: Sylvester Stallone, der auch das Drehbuch schrieb und Regie führte, Jason Statham, Jet Li, Dolph Lundgren in den Titel­rollen, Mickey Rourke, Bruce Willis und Arnold Schwar­ze­negger in kleinen selbst­iro­ni­schen Neben­auf­tritten – jeder, der seine Jugend in den 80er und frühen 90er Jahren verbrachte, und auch nur mit einem Hauch von Nostalgie an jene Zeit zurück­denkt, als man den Begriff »virtuell« noch nicht kannte, bei »Post­mo­derne« an moderne Post dachte, und das Wort Action­film noch bedeutete, dass es viele Explo­sionen, zerbors­tenen Stahl und verschwitzte Männer­mus­keln zu sehen gibt, muss in diesen Film gehen, und wird ihn mögen.

Schon wahr: Das Ganze ist ein Riesen­un­sinn, die Handlung ist so primitiv, wie politisch reak­ti­onär, die Witze sind nicht gut und die Musik schlecht. Aber darum geht es ja gerade: The Expen­da­bles ist kein Film aus dem Jahr 2010, in dem er entstand, er ist in Wahrheit eine Flaschen­post aus den 80ern, als solche Filme noch das Maß aller Dinge bildeten, und nicht sofort im DVD-Verleih verschwanden. Als Ronald Reagan noch im Weißen Haus gegen das rote Reich des Bösen kämpfte und Sylvester Stallone abwech­selnd »Rocky« und »Rambo« war. Wie Rambo gehört auch dieser Film zum weit­ge­hend ausge­stor­benen Genre des Söldner- und Komman­dofilm, in dem eine Gruppe Männer einen Auftrag bekommen, und den irgendwo in der Ferne erledigen. Schon die Werbe­zeile illus­triert, wes Geistes Kind die Macher sind, und für welche Geis­tes­kinder dieser Film gemacht ist: »Das einzige, was sie im Leben kennen, ist der Kampf. Die einzigen Menschen, denen sie vertrauen, sind sie selbst.« Ja, genau! Um zu merken, wie dumm das alles ist, muss man viel­leicht die deutsche Synchro­ni­sa­tion angucken. Auf Englisch klingt auch Schwach­sinn halt um Einiges besser.

Tiere essen? Ja, unbedingt!

»The Expen­da­bles« heißt wörtlich keines­wegs so eindeutig, wie die Süddeut­sche übersetzt »die Entbehr­li­chen, die Aussor­tierten, zur Entsor­gung Frei­ge­ge­benen«, sondern doch eher »die Verschleißbaren«. Also die noch nicht Verschlis­senen. Sie sollen es erst Mission: Impos­siblewerden. So nennt sich eine Gruppe von Kampf-Spezia­listen, Söldnern, die in diesem Fall im Dienst des US-Geheim­dienstes besondere unmög­liche Aufträge erledigen – ein wenig wie in Mission: Impos­sible, aber mit weniger Technik und mehr Körper­ein­satz. Typisch 80er eben.

Dieser Film ist das Gegen­mo­dell zu den ganzen Rein­heits­dis­kursen, die, initiiert von der Lobby der Gesund­heits- und Ernäh­rungs­in­dus­trie, die die west­li­chen Gesell­schaften zur Zeit in neue Puri­ta­nismen drängen und Gewiss­heit in Zeiten der Unsi­cher­heit verspre­chen: Sie rauchen und trinken, sie malträ­tieren ihren Körper, sie sind keines­wegs unver­wundbar. Sly und seine Jungs sind eben expen­dable, sie sind sterblich, und deswegen ist dieser Film eine Feier von Kraft und Leben. Denn vor dem Tod will man noch seinen Spaß haben. Spaß mit Freunden: Das erste Drittel des Films ist reines Buddy-Kino; Stallone spielt dabei wunderbar mit dem Star­system: Bruce Willis, Arnold Schwar­ze­negger und er selbst treffen sich in einer Kirche: Die heilige Drei­fal­tig­keit des Action-Kinos.

Testo­steron gegen Prostata

»Die Leute nennen es eine ironische Hommage an alte Zeiten, aber ich weiß es einfach nicht besser.«- Sylvester Stallone

Daher ist das auch keines­wegs »ironisch« gemeint, wie etwa Clint Eastwoods altba­ckene Prostata-Party in Space Cowboys, sondern ein rusti­kaler und rustikal insze­nierter Testo­ste­ron­spiel­platz, in dem der Zugang für jede Art Selbst­re­fle­xion strengs­tens verboten ist. Wie Stallone selbst ist dieser Film also ein Action-Dino­sau­rier: Es geht um Männer ohne Nerven und ohne viel Verstand, die aus treu­doofem Patrio­tismus und verschlis­senen Ehrbe­griffen heraus – die man übrigens schon in den 80ern nicht mehr glaubte – die Drecks­ar­beit für die CIA erledigen. Also zum Beispiel Piraten vor der soma­li­schen Küste jagen, oder wie im Film schur­ki­sche latein­ame­ri­ka­ni­sche Dikta­toren töten. Letzteres ist – seien wir ehrlich und denken an Hugo Chavez – bis heute der feuchte Traum aller US-Konser­va­tiven, nur haben sich die Zeiten eben doch ein wenig geändert.

Deswegen kann man das alles heute nicht mehr ernst nehmen, muss sich also auch politisch gar nicht darüber aufregen, dass die Botschaft – wenn der Film auch nur eine versteckte hätte – erzre­ak­ti­onär und gewalt­ver­herr­li­chend ist. Wäre das richtig, wäre auch Donald Duck gewalt­ver­herr­li­chend, und Onkel Dagobert ein Reak­ti­onär. Nein, nein...

Trotzdem wird um den Film jetzt eine Art theo­re­ti­sche Debatte um die Leiden des Mannes gewunden. Wenn man sich dann aber einen frühen Trailer zum Film anschaut, den soge­nannten »<a href=»http://www.youtube.com/watch?v=kIZTgUxVa28«>Call to Arms</a>«-Trailer, dann erkennt man, dass diese Debatte sehr geschickt vom Verleih geschürt wurde und einen Teil der Marke­ting­stra­tege des Films darstellt.

Der Trailer ist gleich­zeitig völlig ernst gemeint, wie zugleich ganz und gar ironisch zu verstehen:
»Gentlemen/, while you've been at home/ noon tubing total strangers/ duct taping 40's to your hands/ you've been handing the keys to Hollywood/ to teenage girls/ and G.N.O./ Julia Roberts may be the final blow/ Eat, Pray, Love/ Women adore the book/ Ophra swears by it/ August 13 the movie arrives/ August 13 is our last chance/ August 13 we take back what's ours/«

Es folgt dann eine Kaskade von Faust­schlägen, Geballer, Messer­würfen, und Auto­be­we­gungen. Weiter heißt es:
»This summer the only men/ you are allowed to love/ are together at last/ Sly, Bruce, Arnold, Rourke, Stratham, Dolph, Jet/ August 13 you will see this movie/ not off your torrents/ in a fucking theater/ where violence belongs/ if we don't?/ if this loses to eat, pray, love?/ you/ don't/ deserve/ to be/ a/ man./«

Zum Vers­tändnis muss man viel­leicht noch hinzu­fügen: Eat Pray Love heißt ein anderer neuer Film, er in den USA zeit­gleich startete. In ihm spielt Julia Roberts die Haupt­rolle, eine Art Sylvester Stallone des Romantic Drama.

In einem ziemlich arro­ganten Text zum Deutsch­land­start analy­siert die Tante Zeit, der in jeder Zeile anzu­merken ist, dass sie mit Stallone nichts anfangen kann, zwar dessen angeb­liche Psyche im Stil der Bild-Zeitung: »Nach zwölf Schul­wech­seln landet er in einer Einrich­tung für schwer erzieh­bare Kinder. Einmal läuft der Junge Amok und zerbeult ein Dutzend Autos in der Nach­bar­schaft. Im Grunde hat dieser Amoklauf nie aufgehört, auch nicht auf der Leinwand.«, liefert aber nicht einmal Alibi-Gründe für die steile These bei diesem Film handle es sich um »ein letztes Aufbäumen des physi­schen Kinos.« Als ob die unphy­si­sche Post­mo­derne ewig dauerte.

Aber wie gesagt: Sinn und Zweck dieses Films liegen vor allem in seiner Nostalgie, aber nicht allein darin, dass hier angeblich irgend­welche Männer unter sich sind: Es gibt glück­li­cher­weise, außer in den neuen Bundes­län­dern, und in Vierteln mit über­pro­por­tio­nalem Migran­ten­an­teil, kaum Sech­zehn­jäh­rige, die so sein und sich so aufführen wollen, wie Sylvester Stallone es tut. Ande­rer­seits wollen puber­tie­rende Jungs logi­scher­weise keine puber­tie­renden Jungs als Projek­tionen ihrer selbst, sie wollen »echte Männer« sehen, bezie­hungs­weise was sie dafür halten. Das wollen aller­dings ganz offen­kundig auch die Frauen, zumindest so lange sie nicht bei der Zeit Film­kri­tiken schreiben: Trotz (oder wegen?) des beschrieben Große-Jungs-Marke­tings lag in den USA am ersten Woche­n­ende der Anteil der männ­li­chen Besucher von The Expen­da­bles nur bei 60 Prozent. Und genau deshalb ist der Film erfolg­rei­cher als Eat Pray Love, in dem umgekehrt noch nicht mal jeder dritte Zuschauer ein Mann ist.

Der Sinn von The Expen­da­bles liegt zum einen darin, dass Stallone und andere mal wieder auf der Leinwand zu sehen sind, und tun, was sie am besten können. Der Sinn ist auch, dass Stallone sichtlich viel Spaß hatte, und zeigt, was heutige Actionstars wie selbst Salt/Angelina Jolie nicht können. Denn sie – einst­weilen jeden­falls – kein Mann. Mit anderen Worten: Dies ist eine schöne nost­al­gi­sche Zeitreise, ein wunder­barer Film, der genau das und nicht mehr sein will, was er ist – und falls man schon immer fand, das Stallone als Schau­spieler unter­schätzt ist, kann man das auch nach diesem Film wieder verkünden. Das wir das noch erleben durften!

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