eXistenZ

Kanada/GB 1999 · 97 min. · FSK: ab 16
Regie: David Cronenberg
Drehbuch:
Kamera: Peter Suschitzky
Darsteller: Jennifer Jason Leigh, Jude Law, Willem Dafoe, Ian Holm u.a.

»Sind wir immer noch im Spiel?«

Eine Mann und eine Frau. Der Zufall treibt sie zusammen. Zuerst, ganz klassisch, muss er sie retten. Dann sitzen beide in einem Auto, und beginnen zu reden. Allmäh­lich begreift er, dass sie viel mehr von der Wirk­lich­keit weiß, als er, und die geheim­nis­volle Schöne führt ihn ein in eine fremde Welt. Irgend­wann liegen die beiden in einem Motel auf dem Bett und küssen sich. Auch ganz klassisch. Und doch ist in eXistenZ alles anders.

Dass die Wirk­lich­keit ganz so wirklich nicht ist, wie man es gern hätte, dürfte sich mitt­ler­weile herum­ge­spro­chen haben. David Cronen­berg hat es sich in dieser Hinsicht noch nie besonders leicht gemacht. Bis heute sind die Filme des Kanadiers gewagte surreale Expe­ri­mente, Under­ground im Gewand des Main­stream, die nie gleich­gültig lassen. Fast immer zwingt einen dieser Regisseur, sich Dinge anzusehen, auf die man gut verzichten könnte, ein bißchen ekelig wird es dabei, aber alle visuellen Zumu­tungen bleiben doch so clean und gebändigt, daß sie auch für jene erträg­lich sind, die sich keine Splat­ter­filme anschauen. Vor allem ist Cronen­bergs Kino philo­so­phi­sche Medi­ta­tion über Gegenwart und Zukunft, über Wissen­schaft und Tech­no­logie. Schon in Video­drome ging es 1983 um Medien, die zunehmend ein Eigen­leben führen – ganz biolo­gisch verstanden. Der Satz »Ein Will­kommen dem neuen Fleisch« hallt bis heute in den Debatten um Biotech nach. Wer sich den Film noch einmal anschaut, wird über­rascht sein, wie klug hier vorweg­ge­nommen wurde, was die Neuen Medien erst jetzt wirklich werden ließen.

Auch eXistenZ – für den Cronen­berg erstmals seit Video­drome auch wieder das Drehbuch geschrieben hat – handelt von neuen Kultur­tech­niken. Irgend­wann in nicht allzu ferner Zukunft spielt man komplexe Virtual-Reality-Games mittels einer schlabbrig-orga­ni­schen nierenähn­li­chen Spiel­kon­sole mit schmat­zendem Eigen­leben, die wie ein externes Organ durch eine Art Nabel­schnur und einen »Bioport« direkt mit Rücken­mark und Zentral­ner­ven­system verbunden ist. Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh), eine geniale Spie­le­de­si­gnerin wird bei der Vorstel­lung ihres neuen Spiels »eXistenZ« durch ein Attentat von funda­men­ta­lis­ti­schen Fikti­ons­feinden des »Realis­ti­schen Unter­grunds« verletzt. Weil dadurch auch der – eben mit ihrem Körper verbun­dene – Spiel-Prototyp beschä­digt wurde, muß sie gemeinsam mit dem Sicher­heits­be­amten Ted (Jude Law) das Spiel »eXistenZ« spielen, um den Fehler zu finden.
Realismus als Unter­grund-Phänomen, Existenz als Spiel, XZ als Gen-Kombi­na­tion neuester Art – philo­so­phi­sche Ironien wie diese sind ebenso offen­sicht­lich wie sexuelle Anspie­lungen – der afterähn­liche »Bioport« im Kreuz wird vor dem Eins­töp­seln erst einmal mit der Zunge stimu­liert – und die Aktua­lität der Biotech-Science-Fiction in Zeiten von Kloonen und Gen-Tech­no­logie. Wie in Matrix oder Dark City verwi­schen auch hier die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, stehen mehrere Wirk­lich­keiten gleich­be­rech­tigt neben­ein­ander. Der Zuschauer muß sich treiben lassen.

Anspruchs­voll ist das schon, aber nicht unnötig kompli­ziert. Denn im Gegensatz zu den erwähnten Filmen stehen nicht neueste Digital-Tricks im Vorder­grund, sondern Poesie, Witz und Stil­ge­fühl. Die Bild­sprache Cronen­bergs erinnert jenseits aller unver­kenn­baren Eigen­wil­lig­keit manchmal an ein Video­spiel, über weite Strecken aber auch an die edle Düsternis des Film Noir. Ganz klassisch eben.
Und auch aus eXistenZ könnten zwei Sätze lange nach­hallen: »Tod dem Realismus!«, und: »Sind wir immer noch in dem Spiel?«

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