Es beginnt heute

a commence aujourd'hui

Du kannst die Leute lieben, aber du kannst ihnen nicht helfen. Diesen Satz mu sich ausgerechnet Daniel, der Idealist anhren, einer, der um seine Mitmenschen kmpft. Die Schule, die er leitet, steht in einer nicht gerade privilegierten Gegend im Norden Frankreichs. Dort ist dieArbeitslosigkeit extrem hoch und das gesellschaftliche Grundgerst wird nur provisorisch aufrechterhalten. Die Frauen von der Frsorge stellen rztliche Diagnosen, weil keine rzte zur Verfgung stehen; Polizisten halten Halbstarken ausgedehnte Moralpredigten, weil es sonst keiner tut; und der Schuldirektor verrichtet nach Feierabend Sozialarbeiterdienste. Schnelle Hilfe wre bei vielen Familien geboten, doch die zustndigen Stellen sind berlastet, und die Politiker reden nur von Statistiken und vom schnen Erfolg des rtlichen Buchmobils.

Schlechtere Glasscherbenviertel-Filme wandern von einem Sinnbild des Elends zum nchsten, ohne Perspektiven aufzuzeigen. 'Jaja, die Welt ist schlecht' kann der Zuschauer nur versichern und sich schleunigst vom Kino in den Stehausschank schleppen. Bertrand Tavernier jedoch hat sich zum Mittelpunkt seiner tristen halbdokumentarischen Produktion einen Schulleiter erkoren, einen der weitermachen mu, Neues schafft, seine Schler ermutigt, anschubst und zur Kreativitt anregt.

Philippe Torreton spielt diesen leidenschaftlichen Lehrer Daniel, um den uns bald Himmelangst wird, denn er ldt sich reichlich viel auf den Buckel. Zum frustrierenden Berufsalltag kommen noch private Sorgen hinzu. Doch lt der unverdrossene Pdagoge nicht locker und seine Schtzlinge nie im Stich.

Es mag schon sein, da die Figur zu stilisiert ist, solche genialen Super-Teacher gab es ja bereits fter, man denke nur an Robin Williams im Club der toten Dichter. Doch die fast beilufig plazierten Spielszenen mit den Kindern geraten Torreton und seinem Regisseur sehr dicht und berzeugend. Ab und zu kommt ein Rckschlag dazwischen, niederschmetternde Episoden, wie jene, in der eine Mutter sich mitsamt ihren beiden Kindern umbringt. Die trostlosen Familienverhltnisse bleiben dabei vllig ungeschnt. Aber die positiven und negativen Begebenheiten halten sich einigermaen die Waage, obwohl das Unglck ja in dieser Gegend Heimvorteil hat.

Wenn man genau hinsieht, sagt Bertrand Tavernier, bin ich mehr an den Menschen interessiert, die kmpfen, als an dem, wogegen sie kmpfen. Das kann zwar stimmen, denn Daniel, der tapfere, wird von der Kamera ausgiebig liebkost und das marode System wird als ein Netz von schwachen Einzelpersonen gezeigt. Selbst fr die Mchtigeren, wie Brgermeister und Minister, die sich auf Sachzwnge berufen, zeigt Tavernier Verstndnis. Er benennt keine Schuldigen, dennoch ist der Titel Es beginnt heute keine blasse Durchhalteparole und der Film kein Arm, aber glcklich-Schmus, sondern ein Pldoyer dafr, jetzt und sofort Abhilfe zu schaffen. Fr dieses sanfte, aber wirkungsvolle Engagement verzichtet Tavernier auf reierische Szenen, rckt stattdessen winzige Triumphe von Fnfjhrigen ins Bild. Es beginnt heute zeigt, da Kindheit nicht nur drollig ist, und gut gemeintes Kino nicht dmmlich sein mu.

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