Ente gut! Mädchen allein zu Haus

Deutschland 2015/16 · 95 min. · FSK: ab 0
Regie: Norbert Lechner
Drehbuch: ,
Kamera: Namche Okon
Darsteller: Lynn Dortschack, Lisa Wihstutz, Linda Phuong Anh Dang u.a.
Intelligentes Spiel mit Stereotypen

Fucking Fidschi, Freundin Fidschi

Da ist gerade einer der wenigen und dann noch tollen „Halle-Filme“ in die Kinos gekommen, Nicolette Krebitz Wild, da kommt schon der nächste. Und es ist fast so, als wolle Regisseur Norbert Lechner in Ente gut! Mädchen allein zu Haus die Seiten von Halle zeigen, die von Krebitz nur in Ansätzen und als symbo­li­sches Kontrast­pro­gramm ausge­reizt wurden, über deren sozio­gra­fi­sche Befind­lich­keit wir bei Krebitz aber wenig erfahren: Halle Neustadt.

Doch heben wir Halle wie die gebüh­rende Nach­speise nach »Ente süß-sauer« erst Mal fürs Ende auf. Denn mehr noch als über die Abgründe der Erwach­senen erfahren wir bei Lechner etwas über die Abgründe der Kinder. Lechner, der sich bislang mit hervor­ra­genden, aber immer auch ein wenig in der Nach­kriegs­zeit histo­risch „kuschelnden“ Kinder­filmen wie Toni Gold­wa­scher und Tom und Hacke einen Namen gemacht hat, wagt dieses Mal den Schritt in die absolute Gegenwart. Und zwar in eine, die es in sich hat. Er erzählt die Geschichte der 11-jährigen viet­na­me­sischs­täm­migen Linh (Lynn Dort­schack), die auf ihre neun Jahre alte Schwester Tien (Linda Phuong) aufpassen soll, während ihre Mutter zur kranken Oma nach Vietnam reisen muss. Von dieser Reise darf aller­dings niemand erfahren, vor allem nicht das Jugendamt. Nebenbei muss sich Linh auch noch um den viet­na­me­si­schen Imbiss der Mutter kümmern. Alles läuft gut, bis plötzlich die 11-jährige Außen­sei­terin Pauline (Bahai Wihstutz) aus dem Plat­tenbau nebenan auftaucht und die beiden Schwes­tern auf fast schon kuriose Weise zu erpressen beginnt: sollten die beiden Schwes­tern sie nicht als „Freundin“ annehmen, wird sie das Jugendamt infor­mieren.

Dieser Plot reicht an sich schon als Grundlage für einen guten Film aus, aber Lechner will nicht nur mehr, ihm gelingt auch mehr. Zum einen belässt er es nicht bei diesem kinder­welt­zen­trierten Blick, sondern wagt auch einen ethno­gra­fi­schen Blick auf das deutsche Erbe des Viet­nam­kon­fliktes, der weit darüber hinaus­geht, dass es ohne Vietnam-Krieg keine viet­na­me­si­schen Restau­rants in Deutsch­land gäbe. Denn Ente gut! nimmt sich die Zeit, auch die Schat­ten­seiten der viet­na­me­si­schen Paral­lel­ge­sell­schaft in Deutsch­land zu zeigen, einem Mix aus DDR-Vertrags­ar­bei­tern und Nach­kriegs-Boat-Peoplen und ihren mafiösen Struk­turen, deren kulturell engen Grenzen sich nur die Kinder durch ihren Schul­be­such und die Aneignung der deutschen Sprache in Ansätzen entziehen können. Ente gut! spielt über ein hervor­ra­gendes Drehbuch (Antonia Rothe-Liermann und Katrin Milan) aber auch mit dem stereo­typen Rassismus der ehema­ligen DDR und ihrer Gegenwart: Zwar zeigt er die immer noch bestehende Ausgren­zung der im DDR-Jargon generell und abfällig als „Fidschis“ titu­lierten viet­na­me­si­schen Gast­ar­beiter – eine im Film diffe­ren­ziert von beiden Kulturen gezeigte „Abgren­zung“ – andrer­seits gelingt es Lechner über den „Erpres­sungs“-Plot die Vorzei­chen kreativ zu verdrehen und zu zeigen, wie absurd leicht das Brücken­bauen zwischen unter­schied­li­chen Kulturen manchmal sein kann.

Ähnlich wie in Krebitz Wild funk­tio­niert dabei Halle als städ­ti­sches Symbol der Trans­for­ma­tion von starren Struk­turen hervor­ra­gend. Nicht nur wird der dysto­pi­sche Graben zwischen Halle Neu- und Altstadt über die einge­bet­tete Vater­suche der beiden Schwes­tern über­wunden, sondern auch so etwas wie ein Statement in Sachen Plat­tenbau abge­lie­fert, das viel­leicht ein bisschen naiv wirken mag, aber tatsäch­lich machen ein paar bunte Luft­bal­lons vor grauer Kulisse nicht nur den Beton bunter, sondern weichen auch die verschlei­erten Blicke der grauen Beton­be­wohner auf. Mehr noch, als dieser Coup von einem über­zeu­genden Ensemble an Kinder­schau­spie­lern unter­s­tützt wird, flankiert von einigen Stars der viet­na­me­si­schen Kinoszene, die Lechner über­ra­schend für seinen Film gewinnen konnte. 

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