Engel des Universums

Englar alheimsins

Island. Die Isländer haben einen Hang zur Schi­zo­phrenie. Im Grunde ist jeder Isländer schi­zo­phren, da er an die Sagen und Märchen glaubt, so das Diktum des Arztes in der Irren­an­stalt. Die echte Schi­zo­phrenie bedeutet in Island folglich nur eine Stei­ge­rung des normalen Zustandes, den jeder in sich trägt.

Island. Irgend­wann ist Island der NATO beige­treten. Das war der Tag, an dem Páll geboren wurde. Seine Mutter träumte in dieser Nacht von vier Pferden.
Vier Pferde in einer Linie. Sie kommen aus dem islän­di­sche Atlantik. Kommen auf den Strand zu. Der Tritt des einen Pferdes wird unmerk­lich strau­chelnd. Die Beine werden weich. Wie in Zeitlupe fällt es in den Sand und auf den Rücken. Die vier Beine recken sich in die Luft.

Island von oben. Auf dem Asphalt liegt ein blau geklei­deter, toter Körper. Um ihn herum eine Blutlache. Ein Kran­ken­wagen fährt vor. Sanitäter steigen aus, packen den leblosen Körper auf eine Bahre. Die Bewe­gungen erscheinen im Bild, verschwinden. Setzen sich in andere Bewe­gungen fort. Zwischen den Bildern des Abtrans­portes der Leiche immer wieder nur der nackte Asphalt mit der Blutlache. Gespens­tisch leer. Menschen­leer. Dann verschwindet der Kran­ken­wagen aus dem Bild. Blendet sich aus, wird unsichtbar. Island von oben. Die Dächer sind blau und rot. Die Ansicht auf die Dächer ist unscharf, verschwommen.

Island. Land der Märchen und Sagen. Land der Dunkel­heit, in der die phan­tas­ti­schen Erzäh­lungen allabend­lich Einzug halten. Und Land, in dem der Alkohol wahre Delirien des Orien­tie­rungs­ver­lustes hervor­bringen kann. Am Boden eines jeden Traumes findet sich die Realität, so sagt Páll einmal zu seiner Mutter.

Lange Zeit ist nicht klar, welche Richtung Engel des Univer­sums, der neue Film von Fridriksson einschlagen wird, der bekannt ist für seine islän­di­sche Variante des magischen Realismus. Ist es tatsäch­lich so, wie die Bilder erzählen, daß Jesus nochmals auf Erden gekommen ist, aufer­standen in der kargen Tristesse der islän­di­schen Unter­schicht, um ein erneutes Mal, in der Inkar­na­tion von Páll, Gottes Wunder zu voll­bringen? Die Wunder-Bilder, die wir sehen, sind nur der Trug­schluß filmi­scher Insze­nie­rung, illu­si­onäres Produkt aus Montage, Stoptrick und Blue Screen. Der Effekt des Realen jedoch, der sich inmitten dieser Film­rhe­torik einstellt, ist die Folge einer erfolg­rei­chen Sugges­tion, die durch die sozi­al­rea­lis­ti­sche Atmo­s­phäre um die Figuren aufgebaut wird: Wir glauben sofort, daß in einem Land, in dem 40jährige Kinder bei ihren Eltern wohnen und im Kinder­zimmer davon träumen, Poet oder Schlag­zeuger zu werden, daß in diesem Land, in dem sich die Perspek­tive auf das Leben verschoben hat und in dem sich die Lebens­per­spek­tive gar nicht erst einstellen möchte, daß sich in diesem Land das Wunder­liche ereignen kann. Das göttliche Wunder ist bei Frid­rickson immer glaubhaft und real, es muß immer wörtlich genommen werden.

Die Geschichte von Páll, dem Wieder­gänger von Jesus, scheint zunächst eine islän­di­sche Neuschrei­bung der Bibel vorzu­nehmen, wenn der Film über die insze­nierten Wunder-Bilder den christ­li­chen Glauben mit der islän­di­schen Mytho­logie verknüpft. Und sich dabei ganz ernst nimmt. Dann aber wird Páll in eine Irren­an­stalt einge­lie­fert, und man möchte aufbe­gehren gegen das Unver­s­tändnis der Gesell­schaft gegenüber den wunder­li­chen Ereig­nissen, gegen die unge­rechte Abstem­pe­lung von Páll zum Irren. Das Universum der Irren­an­stalt nimmt von diesem Punkt an breiten Raum in Engel des Univer­sums ein. Nie aber wird der Film zu einer islän­di­schen Neuaus­gabe von Einer flog über das Kuckucks­nest, in dem die Irren irre waren und die unmensch­liche Behand­lung ihre Revolte recht­fer­tigte, zu der sie der Erlöser Jack Nicholson führen durfte. Die Irren­an­stalt ist bei Fridriksson ein Paral­lel­uni­versum zur Außenwelt. Und obgleich Páll als von Gott gesandter Erlöser der Mensch­heit alle mensch­li­chen Leiden auf sich nehmen kann, ist die Welt außerhalb der Irren­an­stalt nie sehn­suchts­voller Horizont für die Befreiung. Der Diskurs des Schi­zo­phrenen bewegt sich auf der gleichen, von Realität getränkten Ebene wie die Rede des unge­spal­tenen, normalen Bewußt­seins. Die Gespräche der Insassen gehorchen alltäg­li­cher Logik. Hier begegnet das abglei­tende Bewußt­sein der gelin­genden Realität­s­ein­ord­nung, ganz im Rahmen des Irreseins.

Engel des Univer­sums nimmt die Insassen der Irren­an­stalt ernst, ebenso ernst, wie sie sich unter­ein­ander nehmen. Fridriksson findet über die Wunder­er­zäh­lungen, über das Eintau­chen in das Universum der Irren zu einer realis­ti­schen Erzähl­weise, die nichts zu tun hat mit Gesell­schafts­pa­tho­logie. Bei Fridriksson ist das Irreale ebenso wirklich, wie die Wirk­lich­keit sich jeden Moment surreale Formen suchen kann. Real – irreal, normal – anomal: das sind Kate­go­rien, die der Film in Permu­ta­tion bringt, in ein Spiel des Ersetzens und Vertau­schens, in das freie Spiel von Entrü­ckung und Verzü­ckung – bis die Ordnung der Welt und die Orien­tie­rung in ihr verloren gegangen ist.

Wenn sich die Normal­per­spek­tive zur Irre­al­per­spek­tive verschiebt, dann gerät die Erzählung über den schi­zo­phrenen Páll zur Schi­zo­phrenie der Erzählens. Der Film spaltet sich auf in zwei Ebenen, in ein stets umschla­gendes Vexier­bild, in welchem sich das Irreale als Reales bildlich konkre­ti­siert, und das reale Bild stets auch Irrea­lität umschließt. Ästhe­ti­sches Zentrum dieser schi­zo­phrenen Ikono­gra­phie sind die Ausblen­dungen. Figuren verschwinden aus dem Bild, tauchen auf, Hand­lungen gleiten zwischen diesem Wechsel von fade in / fade out frag­men­tiert und dennoch konti­nu­ier­lich inein­ander über. Das Bild wird bei Fridriksson mit einer Trans­pa­renz versehen, in der das Reale stets vom Verschwinden bedroht ist, in eine Ebene des Unsicht­baren abtauchen kann, in eine Sphäre, in der Engel und Elfen exis­tieren. Wenn Bild­ele­mente aus der sicht­baren Welt, aus dem Universum des Ersicht­li­chen ausge­blendet werden, dann führt ein ästhe­ti­sches Stil­mittel die Story des Films auf einer ganz und gar filmi­schen Ebene weiter. Wenn in Momenten die Handlung sich nur noch an den vagen Spie­ge­lungen von Fens­ter­scheiben abzeichnet, dann ist die reale Welt von dieser filmi­schen Sprache des Aus- und Einblen­dens, des Über­blen­dens unmit­telbar betroffen. Dann zeigt sich, wie das Reale selbst in sich immer schon die Möglich­keiten von Trans­pa­renz und Verschwinden enthält. Und dann ist der Zustand des Schi­zo­phrenen nur noch die Beschrei­bung für den allge­meinen Zustand der Welt.

Des Schi­zo­phrenen letzter Akt ist der Selbst­mord. Island ist nichts anderes als ein schi­zo­phrener Seelen­zu­stand. Die Engel des Univer­sums, das sind die Insassen der Irren­an­stalt. Die Isländer, die alle einen Schritt vor der Schi­zo­phrenie stehen, das sind die Engel des Univer­sums.

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