Empathy

USA 2003 · 92 min.
Regie: Amie Siegel
Drehbuch:
Kamera: Mark Rance
Darsteller: Gigi Buffington, Maria Silverman u.a.

Spieltrieb und Neugier

Es gibt Filme, in denen kann man versinken wie in einem Schaumbad, die Welt vergessen und mit allen Sinnen eintau­chen. Es gibt Filme, die nascht man wie ein Stück Scho­ko­lade, genießt den süßen Moment und erinnert sich später an nichts außer einem vagen Wohl­ge­fühl. Es gibt Filme, die sind schwer wie damals die Mathe-Haus­auf­gaben, über denen man schwitzte und bei denen man froh war, am Schluss überhaupt etwas heraus­be­kommen zu haben. Es gibt Doku­men­tar­filme, die spannend wie Krimis sind, und Spiel­filme, trockener als das wirkliche Leben.

Und es gibt Filme wie Empathy: ein spie­le­ri­sches Puzzle, ein faszi­nie­rendes Vexier­bild, das mit jedem neuen Teilchen anders, voll­s­tän­diger aussieht und einen mit Freude immer neue Seiten entdecken lässt.

Wir sehen einen Doku­men­tar­film. Es geht um Empathie, um Einfüh­lungs­ver­mögen: wo sollte dieses besser zu beob­achten sein als bei Menschen, die dafür bezahlt werden, einfühlsam zu sein, bei Gesprächs­the­ra­peuten, Psycho­ana­ly­ti­kern. In Inter­views mit Herren dieser Zunft hinter­fragt die Filme­ma­cherin Schemata und Konven­tionen der Therapie, die Grenzen zwischen persön­li­chem Interesse und Beruf und den Wahr­heits­an­spruch bei Analy­sierten und Analy­sie­renden.

Geht es um Analy­tiker? Szenen eines Castings, Screen Tests und Fragen nach der Berufs­praxis und Erfahrung: verschie­dene Schau­spie­le­rinnen sprechen vor für eine Rolle in dem Film Empathy. Sie bekommen einen Dialog, die Beschrei­bung einer Situation und müssen glaubhaft eine Figur erstehen lassen, die bisher nur als Text exis­tierte.

Sehen wir wirklich einen Doku­men­tar­film? Da ist doch diese Frau, Lia, eine Schau­spie­lerin (um genau zu sein: eine Voice-Over-Spre­cherin). Wir begleiten sie bei einem Interview, im Privat­leben und zu den Sitzungen bei ihrem Thera­peuten. Alltags­be­ob­ach­tungen in dem Teil der urbanen ameri­ka­ni­schen Mittel­schicht, in dem es scheinbar zum guten Ton gehört, einen Thera­peuten zu haben.

Ihr neuer Job ist das Sprechen des Kommen­tars bei einer Doku­men­ta­tion über Moderne, Archi­tektur und deren Verbin­dungs­li­nien zur Psycho­ana­lyse.

Die Genres wechseln schneller als das Personal, vermi­schen sich und knüpfen über­ra­schende Verbin­dungen. In immer neuen Varia­tionen umkreist und umzingelt Amie Siegel ihr Thema, führt zu einleuch­tenden Antworten, nicht ohne diese gleich wieder in Frage zu stellen. Was verbindet Friseure und Prosti­tu­ierte? Was wird in Call-Centers gespielt? Selbst­dar­stel­lung und die Erkundung des Gegenübers, Vertrauen und Unver­s­tändnis, die wech­selnden Posi­tionen von Neugier, profes­sio­nellem Interesse und Ignoranz: Empathy eröffnet ein weites Feld alltäg­li­cher Beob­ach­tungen und (eigent­lich) nahe liegender Erkennt­nisse.

Über­zeu­gend setzt die Filme­ma­cherin und Video­künst­lerin ihren Vorsatz um, durch Über­schnei­dungen und Paral­lelen von Doku und Fiktion, von Film und Video, von offener und heim­li­cher Beob­ach­tung einen Zustand perma­nenter Verblüf­fung und freudiger Erkenntnis hervor­zu­rufen. Ein Film zum wach Bleiben, eine spie­le­ri­sche Konfron­ta­tion mit dem für wahr gehal­tenen, Gehirn­jog­ging auf unter­halt­same Art.

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